„Wenn das mit Business Punk gemeint ist, finde ich das maximal zum Kotzen“

Mit Deichkind mal nicht über ihr neues Album reden, sondern über das Business hinter dem Wahnsinn.

Philipp, Porky, Henning, Business Punk feiert zehnjähriges Jubiläum. Kennt ihr unser Heft, habt ihr eine Meinung dazu?

Philipp: Ich habe ein bisschen die Nase gerümpft, als ich es zum ersten Mal gesehen hab. Aber ich hab tatsächlich mal ein paar gute Artikel gelesen.

Porky: Meine Haltung ist: Ich mag generell erst mal alles. Ich versuche immer, leer an neue Sachen ranzugehen, auch wenn ich eine neue Zeitschrift in der Hand halte. Aber ich hab mich gerade gefragt, was Johnny Rotten sagen würde, wenn er das Magazin damals in der Hand gehabt hätte. Das ist ja schon auch ein bisschen kulturelle Aneignung.

Henning: Ich habe da eine klare Meinung zu: Es hängt für mich ein bisschen davon ab, wie das gemeint ist. Was ich schwierig fänd, wäre, wenn das Wort Business Punk bedeutet: Ich darf in der Welt des Business machen, was ich will, und ich scheiße auf die anderen. Was ich immer wieder von der Startup-Szene mitbekomme, ist, dass viele denken, dass das so eine gewisse Art von Coolness hat, aber eigentlich ist es nur die bessere Art der Ausbeutung der Leute. Also das Prinzip: Komm, wir arbeiten heute mal ein bisschen länger, dafür gibt es am Ende Pizza. Wenn das mit Business Punk gemeint ist, finde ich das maximal zum Kotzen. Denn ich finde, dass du als Unternehmer*in eine Verantwortung hast, für deine Mitarbeiter*innen und auch für die Gesellschaft, in der du agierst.

Welche Auslegung von Business Punk wäre für dich okay?

HE: Wenn es bedeutet: Wir denken Dinge neu und unkonventionell, wir verändern etwas. Dann ist das völlig legitim. Es ist wichtig, neue Konzepte zu entwickeln. Also ich finde das sehr zwiespältig. Aber ich vermute, eurer Name wurde genau so gewählt, um diesen Widerspruch an sich auch ein bisschen zu verhandeln.

PH: Im Grunde sind wir ja auch Business Punks, aber wir würden uns auf keinen Fall so nennen. Wir haben auch diese Auseinandersetzung zwischen Anarchie und Chaos. Und wir haben uns auch ein bisschen punkig gegründet. Erst später sind wir Richtung Unternehmertum gegangen. Also wir sind mit Deichkind nie angetreten, eine Agentur zu sein oder ein Startup oder irgendwann einen Exit zu erreichen. Im Grunde sind wir das Gegenteil von einem Startup, denn wir haben sehr unbusinessmäßig angefangen und haben uns dann erst immer mehr strukturiert.

Wieso überhaupt?

PH: Wir haben mittlerweile eine gewisse Größe erreicht und haben auch feste Angestellte. Wenn wir auf Tour fahren, sind wir mit 65 Leuten unterwegs. Da hast du einfach eine Verantwortung. Natürlich haben wir schon früh gemerkt, dass wir Verträge mit Leuten eingehen müssen, um weiterzukommen. Aber das Unternehmen haben wir erst in den letzten fünf, sechs, sieben Jahren richtig aufgeräumt. Aus dem Chaos Strukturen zu erarbeiten war ein sehr schwieriger Prozess. Teilweise war das auch sehr schmerzhaft, denn da mussten wir bestimmte Entscheidungen treffen, die auch wehtaten und Dinge verändert haben.

Wurde die Notwendigkeit, euer Chaos mal zu sortieren, von außen an euch herangetragen?

PH: Nein, das war ein Ding in uns. Wir haben einfach an bestimmten Stellen gemerkt: Hier geht es nicht weiter. Überarbeitung war zum Beispiel ein Thema. Da mussten wir erst mal gucken, wie doll wir eigentlich aufs Gaspedal drücken, und darauf achten, dass die Leute nicht hintenüberkippen. Für die neue Platte haben wir uns deutlich mehr Zeit gelassen, ein Jahr mehr als sonst. Da haben wir uns um uns und um unsere Struktur gekümmert. Das hat uns gutgetan.

PO: Wir mussten dann aber auch gucken, wie wir finanziell über die Zeit kommen, weil wir eben auch Festangestellte mit Familien haben. Also trotz Krawallpunk gibt es Leute um uns herum, die davon abhängen, dass wir ihre Gehälter zahlen.

HE: Ich habe irgendwann auch gedacht: Es gibt niemanden, der darauf wartet, uns Geld zu geben, damit wir unsere Ideen umsetzen können. Darum war es für mich ab einem Punkt auch wichtig, eine gewisse Unabhängigkeit von zum Beispiel Plattenfirmen zu erlangen. Sodass wir die volle Kontrolle über das haben, was wir machen. Sodass wir selber für unsere Ideen die Verantwortung übernehmen, aber auch die Erfahrung machen, wenn etwas in die Hose geht. Auch dafür war es total wichtig, längerfristig planen zu können. Als wir mit Deichkind angefangen haben, sind wir zu viert in einem Auto umhergefahren und hatten eine Hüpfburg im Kofferraum. Aber es kam der Moment, wo es darum ging, Investitionen zu tätigen, die wir nicht mal eben aus dem Portemonnaie bezahlen konnten.

Foto: Tim Bruening | Instagram: @brueningtim

Welche Investition war das denn?

HE: Vor allem ging es um die Bühnenshow. Das ist eine Sache, die man nicht von einer Konzertgage bezahlen kann. Da haben wir gemerkt, dass wir uns erst mal einen Überblick verschaffen und gewisse Dinge strukturieren müssen, sonst funktioniert es vielleicht hinten und vorne nicht. Und das haben wir dann auf viele andere Bereiche ausgeweitet.

Auf welche zum Beispiel?

HE: Unsere Bezahlmodelle. Ganz am Anfang unserer Karriere hatten wir natürlich kein Kapital, denn wir haben uns niemals, wie Startups das machen, Geld von außen geliehen. Deswegen mussten wir mit den einzelnen Leuten Konzepte entwickeln, wie wir, ohne dass wir sie uns eigentlich leisten können, trotzdem mit ihnen arbeiten können. Da ging es um eine gewisse Art von Risikoverteilung und darum, diese Leute zu Mitunternehmern zu machen. Aber wir haben natürlich die Schwierigkeit, in einem Bereich zu arbeiten, wo es gar nicht so einfach ist, das zu bewerten, was von einer Person kommt, weil es abstrakte Arbeit ist. Außerdem ging es auch um ein Leveling innerhalb des ganzen Projekts.

Was meinst du mit Leveling?

HE: Wir haben einerseits eine Werkstatt, da arbeiten Leute, die handwerklich ausgebildet sind, wo man in anderen Betrieben klassischerweise nach Stunden bezahlt wird. Und auf der anderen Seite ist jemand, der künstlerisch-kreativ arbeitet, der vielleicht für den, der in der Werkstatt ist, scheinbar den ganzen Tag auf dem Sofa rumsitzt und dabei eine einzige geniale Idee hat. Wie viel ist diese Idee dann wert? Das war eine große Herausforderung, eine Struktur aufzubauen, wie wir künstlerische Arbeit vergüten können, die auch in Relation zu klassischer Arbeit steht. Es sollte nicht passieren, dass ein Handwerker super low bezahlt wird, während der Kreative per se die großen Brocken bekommt. Da mussten wir eine komplett eigene Struktur entwickeln und haben jetzt mit den Personen aus den unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen verschiedene Modelle.W

PH: Es gibt ja zum Beispiel auch kein richtiges Bezahlmodell für Ideen auf der Bühne. Für Musiker gibt es die Gema und die GVL, aber wie wird das vergütet, wenn sich jemand Pyramidenhelme ausdenkt? Und selbst in der Musik – wenn du alleine einen Song schreibst, kriegst du 100 Prozent der Gema-Einnahmen. Aber weAnn wir Songs schreiben, schreiben wir mit vielen Leute zusammen. Das kann man nicht nach Stunden abrechnen. Da musst du entscheiden: Wie wichtig ist diese Person in dem gesamten Konglomerat? Wie wichtig ist derjenige, der die Zeile im Refrain gebracht hat? Wie wichtig ist der, der die ganze Strophe geschrieben hat? Da muss man irgendein Modell finden, um die Leute ordentlich zu bezahlen.

All das aufzuschlüsseln klingt unfassbar nervig und zeitraubend.

PO: Ja, mega. Und nebenbei auch noch Musik zu machen.

PH: Ich finde das aber auch spannend.

Tatsächlich? Habt ihr Bock auf diese Businessthemen?

PO: Wir haben Bock darauf, dass die Leute glücklich sind und nicht abbrennen. Weil wir einfach gemerkt haben, dass das hier ein längerfristiges Ding ist. Deichkind gibt es seit 22 Jahren, und wir sind immer noch am Expandieren. Die kommende Tour ist die erfolgreichste Tour im Vorverkauf, die wir jemals hatten. Uns liegt daran, weiter mit den gleichen Leuten zu arbeiten. Denn je eingespielter das Team ist, desto länger kannst du das alles machen. Wir werden ja auch älter, und wenn du dich auf die anderen verlassen kannst, kostet das alles nur halb so viel Kraft.

HE: Also meine aktuelle Meinung ist: Das Unternehmertum interessiert mich eigentlich überhaupt nicht mehr. Ich habe mich bei uns ungefähr vier Jahre um den Bereich der Geschäftsführung gekümmert, und ich würde sagen, dass es mich eine Zeit lang insofern interessiert hat, aus künstlerischer Perspektive Firma zu spielen. Eine Firma ist ein ganz elementares gesellschaftliches Element, und für mich als forschender Künstler ist es unglaublich interessant, bevor ich mich mit dem Thema beschäftige, selber mal eine Firma zu machen, die Schwierigkeiten hautnah zu erleben und daraus Themen abzuleiten. Aber was ich festgestellt habe: Das Unternehmer-Setup ist im Kopf ein ganz anderes als das künstlerische. Und das steht sich auch ein bisschen im Wege.

Inwiefern?

HE: Ich kann nicht ein guter Künstler sein und gleichzeitig ein guter Unternehmer, denn ich muss mein Gehirn jedes Mal neu konfigurieren. Wenn ich als Unternehmer agiere und in Excel-Tabellen abhänge, habe ich immer die Verwertungslogik im Blick. Wenn dich das täglich umgibt, wirst du zu einem anderen Menschen. Und ich habe irgendwann festgestellt: Ich will nicht dieser Mensch werden, der ich zwangsläufig werde, wenn ich mich die ganze Zeit mit Optimierung, Verwertungslogik und Bezahlmodellen beschäftige. Ich würde wirklich sagen, das ist die dunkle Seite. Die reine Vermehrung von Geld ist das Stumpfeste und Sinnbefreiteste, was ich je erlebt habe.

Philipp, du hast aber gerade gesagt, du findest solche Businessthemen spannend.

PH: Ja, dieses Unternehmerische ist für mich, man könnte fast sagen, ein Hobby. Das ist mir fast ein bisschen unangenehm. Ich mag es gerne, darüber nachzudenken, ich lese auch gerne Bücher dazu, zum Beispiel irgendwelche Coachingliteratur. „Denken Sie groß“ ist ja auch ein Buch von so jemandem. Aber mein Steckenpferd, was ich wirklich leidenschaftlich gern mache, ist, kreativ zu sein, Musik zu machen. Das ist etwas, wofür ich hier in dem ganzen Konstrukt auch gebraucht werde. Klar, manchmal ist Kreativität auch etwas Anstrengendes, aber eigentlich ist das eine schöne Zeit, wo man rumforschen kann und auch chaotisch und naiv und kindlich sein kann.

PO: Ich persönlich bin da noch mal ganz anders. Ich weigere mich, mit Arbeit mein Geld verdienen zu müssen. Ich brauche superviel Raum, und ich bin tierisch glücklich, dass ich mit diesen Freaks hier zusammenarbeiten kann, dass ich als Autor in dieser Band kreativ sein kann. Wir sind einfach eine nice Konstellation, wir haben uns gefunden und ergänzen uns gegenseitig. Aber um noch mal auf Henning zurückzukommen: Während er sich um die Bühnenshow kümmert und um die Struktur und dass das mit den Mitarbeitern klappt, hat er sich wirklich viel mit dem Businesskram beschäftigt. Vor ungefähr einem Jahr kam dann der Punkt, wo das alles tippitoppi optimiert war. Und jetzt muss sich zeigen, ob das auch so rult, was er sich da ausgedacht hat. Jetzt muss das anwendbar sein auf unser Produkt, nämlich unsere Mucke.

Foto: Tim Bruening | Instagram: @brueningtim

Und, hat sich euer Produkt dadurch verbessert?

PH: Ich kann gar nicht sagen, dass sich das direkt auf die Platte ausgewirkt hat. Aber wir haben uns insofern gut vorbereitet, als wir jetzt zum Beispiel wesentlich energiesparender durch diese ganze Promo- und Marketingrutsche gehen können. Und wir haben darauf geachtet, dass wir mehr Sachen delegieren können und uns auf Leute verlassen können, die wirklich gute Arbeit leisten.

HE: Ich würde sagen, ohne die Optimierung wäre unser Unternehmen in der Form gar nicht existent. Vor fünf Jahren kam der Punkt, wo wir unsere eigene Plattenfirma gegründet haben, und da war völlig klar, dass dafür gewisse Strukturen geschaffen werden müssen. Wenn wir bestimmte Hausaufgaben nicht gemacht hätten, hätte es natürlich auch erfolgreich sein können. Aber es hätte genauso in die Hose gehen können. Natürlich scheint es in dem Moment erst mal so, als ob alles nur komplexer wird und nervt, weil du dich mit Dingen beschäftigen musst, die du per se nicht machen möchtest, sondern einfach Lust hast, kreativ zu sein. Aber es gehört auch dazu, zu erkennen, dass das wichtig ist und dass sich das nicht trennen lässt.

PH: Wir haben uns auch lange darüber Gedanken gemacht, ob wir überhaupt eine Plattenfirma gründen wollen. Das ging hin und her. Manchmal ist es aber auch so, dass genau die Zeit gekommen ist, wo man zupacken muss. Wir waren damals in einer Situation, die das gewährleistet hat, denn wir sind bei unserem erfolgreichsten Album aus den Plattenverträgen rausgefallen. Dadurch hatten wir die Möglichkeit. Manchmal muss man einfach ein Risiko eingehen und zuschlagen.

PO: Es hat einen aber auch angelacht. Das war kein Gambling, kein Gedaddel. Ich will jetzt nämlich niemandem raten, der das hier liest, alles auf eine Karte zu setzen.

Noch mal zurück zum Thema Optimierung: Kann man kreative Arbeit überhaupt strukturieren?

PO: Ich hab beim Songschreiben die Erfahrung gemacht: Du optimierst das, versuchst, dir das irgendwie nett zu machen, besprichst dich – aber es bleibt der leere Zettel am Anfang, auf den du starrst.

PH: Was ich gelernt habe, ist, dass das kreative Arbeiten überhaupt nichts mit strukturellem Arbeiten zu tun hat. Mir ist im Laufe der Alben bewusst geworden, dass es sehr, sehr lange Brachflächen gibt, die einem täglich wieder im Studio begegnen, wenn man anfängt, Songs zu schreiben. Das ist einfach Teil der Arbeit. Wenn was geschieht, wo man am Abend sagen kann „Cool, das ist was, was eventuell aufs Album kommen könnte“, dann bin ich total glücklich. Aber ich bin auch nicht todtraurig, wenn zwei Wochen lang nichts wirklich bei rumkommt. Früher war das für mich energieraubender, da musste ich mich wirklich zusammenreißen, um nicht zu sagen: Ich schmeiß alles hin, ich mach diesen scheiß kreativen Job nicht mehr, ich kann das nicht mehr.

HE: Also in meinem Bereich gibt es ein paar Rahmenbedingungen, die sehr stark diktieren, wie ich arbeiten muss. Bei einer Bühnenshow fange ich circa drei Jahre, bevor die Show stattfindet, an, daran zu arbeiten. Und wir arbeiten ja nicht wie beim Songschreiben, wo du Undo-Schritte hast und die Bassdrums vervielfältigen kannst, wie du willst, weil das nichts kostet. Wir sind im Grunde genommen ein Handwerksbetrieb.

Mit was für Themen schlägst du dich da rum, Henning, während Philipp und Porky auf die zündende Idee für die Hook warten?

HE: Ich beschäftige mich mit Fragen wie: Wo kriege ich den Baustoff her? Ist das brandstoffzertifiziert? Wie schwer ist das Ganze? Lässt sich das auch von ungeübtem Personal, das wir vor Ort dazubuchen, innerhalb von 40 Minuten in einer Festivalpause aufbauen und innerhalb von anderthalb Stunden zurückbauen? Hält das 70 Shows, bei Regen, bei Wind? Passt das genau in drei Trucks? Das heißt, meine Arbeit erlebe ich als extrem strukturiert. Da geht es auch um sehr konkretes Projektmanagement, das ist eigentlich der viel größere Teil meines Jobs. Irgendwann habe ich bemerkt, dass ich meinem Arbeitsalltag immer effizienter gestalte, um möglichst viel zu schaffen. Das nervt aber auch. Deswegen wünsche ich mir eigentlich, wieder mehr so zu arbeiten wie früher, als ich selbst Musik gemacht habe. Das hieße für mich leider, das Projektmanagement komplett loszulassen – was aber natürlich auch gut funktionieren muss.

PO: Da sind wir ja aber auch noch da, die das mit musikalischem Inhalt füllen.

Diese beiden Welten, in denen ihr euch bewegt, scheinen unendlich weit voneinander entfernt.

HE: Das ist auch die Herausforderung, diese beiden Welten zusammenzubringen.

PO: Deswegen ist Deichkind aber auch so erfolgreich, weil das Sachen sind, wofür man als Band eigentlich zwei externe Firmen dazubuchen müsste. Wir haben sozusagen eine Produktionsfirma und eine musikalische Schmiede unter einem Dach.

PH: Das funktioniert auch nur, indem wir sehr viel zusammen sind und uns viel austauschen. Denn wir haben festgestellt, dass wir in Phasen, wo ich im Studio bin und Henning in der Werkstatt ist, auseinanderdriften. Da ist es superwichtig, immer wieder in Kontakt zu bleiben und über Ziele und Ideen zu sprechen.

Abgesehen von diesen regelmäßigen Meetings – wie läuft eure Zusammenarbeit im Team?

HE: Wir arbeiten viel nach dem Resonanzprinzip. Das, was innerhalb unserer Gruppe Konsens ist, ist ja schon durch drei völlig unterschiedliche Filter gegangen. Wenn ich mit einer Idee komme, die ich super finde, aber Porky und Philipp finden die blöd, dann kann ich entweder genervt sein, oder ich sehe das als wichtige Information, dass die Idee vielleicht noch nicht gut genug ist. Wenn Porky und Philipp meine Idee auch verstehen und gut finden, erst dann ist sie gut genug, um auch in einer Mehrzweckhalle bei 10 000 Leuten eine Resonanzfrequenz zu erzielen.

PH: Also meine Erfahrung aus der Arbeitswelt, auch mit den Kollegen, mit denen ich im Studio zusammenarbeite, ist: Die haben einen ganz anderen Workflow als wir. Wir begreifen uns wirklich als Künstler und forschen und experimentieren. Wir sind auch dankbar, dass wir das machen dürfen. Aber ich persönlich träume manchmal davon, einfach einen Auftraggeber zu kriegen, der mir sagt: Mach das soundso. Andererseits habe ich auch mal Werbung gemacht und habe da relativ schnell gemerkt, dass das blöd ist. Da gibt es viele Leute, die haben gewisse Vorstellungen, aber gar keine Ahnung. Die geben einem den Auftrag, weil sie denken, man ist derjenige, der das kann, aber vertrauen dann nicht darauf.

Der klassische Agenturfrust.

PH: Das war auch ein bisschen die Inspiration von „Bück dich hoch“. Dass es eigentlich nicht darum geht, sich sein Glück zu erfüllen, sondern eher jemand anderem hinterherzurennen.

PO: Wir haben mit Deichkind mal einen Werbespot für eine Biermarke gemacht. Da haben wir ewig dran rumgeschraubt, und trotzdem kam eine riesige Liste mit Änderungswünschen zurück. Wir haben dann einfach nur die Hi-Hat ein bisschen lauter gedreht, und dann kam die Antwort: „Oh ja, jetzt ist richtig geil.“

Okay, in diesem Gespräch wurde deutlich, dass Deichkind für euch nicht nur Spaß und Remmidemmi ist, sondern ernsthaftes Business. Auf der Textebene seid ihr aber völlig orgiastisch, maximal auf Spaß ausgerichtet, ohne Grenzen. Wie geht das beides zusammen?

HE: Ambivalenz ist ein großes Thema bei uns. Ich erlebe mich selber als hochambivalente Person, und das ist bestimmt auch in der DNA von Deichkind. Ich glaube, jeder Mensch hat verschiedene Persönlichkeitsanteile, und das Interessante ist, mit diesen in Kontakt zu sein und dazwischen zu vermitteln. Für mich ist es viel reizvoller zu sagen: Du hast eine Band, die Saufsongs schreibt und Party macht, und das verbindest du mit hochkomplexer Robotertechnologie. Das ist das Spannende. Eins zu eins wäre das für mich nicht mehr interessant.

PO: Das war mal geil, aber es kam auch an seine Grenzen.

HE: Ich glaube, wir finden es alle reizvoll, wie eine Projektionsfläche zu funktionieren, wo jeder erst mal reinlesen kann, was er will. Und dadurch auch eine große Menge unterschiedlicher Menschen anzusprechen. Vom Feuilletonleser bis zum Saufproll sollen alle zum Konzert kommen. Und das ist für mich eigentlich auch der politische Moment in der Band: Dass du diese ganzen Menschen an einem Ort zusammenbringst und sie dort diese zwei Stunden irgendwie koexistieren.

Foto: Tim Bruening | Instagram: @brueningtim

Das klingt, als ob hinter Deichkind extrem viel Konzept und Kalkül stecken.

HE: Wir sind da sehr unterschiedlich. Porky hat oft ein instinktives, sehr freies Rangehen, das erzielt spezielle Ergebnisse. Ich bin jemand, der in der Konzeptkunst verwurzelt ist, und mich interessiert es schon, strategisch und analytisch zu arbeiten und sich sehr genau zu überlegen, was passiert. Das alleine kann aber vielleicht auch schwierig sein. Deswegen finde ich es interessant, all diese verschiedenen Sachen unter einer Strategie zusammenzufassen und zu sagen: Das ist das Prinzip von Deichkind, das ist die Rezeptur. Ich glaube, Verdichtung ist bei unseren kreativen Prozessen ein ganz wichtiger Punkt. Also wie bei einem Trichter irgendwo anzufangen und das dann immer weiter zu verdichten und in eine Zielrichtung zu führen. Das passiert natürlich hier und da instinktiv, aber in einigen Bereichen auch mithilfe von Strategie und Planung und einer sehr reflektierenden Analyse.

Habt ihr denn mal darüber nachgedacht, einen Ratgeber rauszugeben – „Das Deichkind-Prinzip“?

HE: Ich glaube, das Problem bei all diesen Sachen ist: Es ist nicht lehrbar. Man kann tonnenweise Bücher lesen, und das kann auch inspirierend sein, aber das entscheidet nicht darüber, ob du es später machst oder nicht. Das Entscheidende ist, dass du es einfach machst.

Habt ihr euch jemals so was wie Beratung reingeholt?

PH: Nein, das haben wir immer alles selber gemacht. Aber natürlich haben wir Bücher gelesen, uns mit Leuten getroffen, und man sieht ja auch, wie andere das machen.

HE: Eine Person in unserem Team ist da aber auch gar nicht wichtig genug einzuschätzen. Stefan, einer unserer Mitarbeiter, ist eigentlich Elektrotechnikingenieur, und mit dem entwickle ich die ganze Bühnentechnik. Er ist derjenige, der das technische Know-how mit reinbringt. Der war für mich eine ganz wichtige Person. So gesehen haben wir eigentlich einen sehr fähigen Berater innerhalb des Teams gehabt.

PH: Am Anfang hatten wir auf jeden Fall eine sehr schöne Spielwiese. Damals, als wir in irgendwelchen Technoschuppen in Frankfurt oder was weiß ich wo aufgetreten sind, haben wir die Leute, die uns beim Ein- und Auspacken geholfen haben, einfach irgendwann auf die Bühne geholt, also quasi als Performer engagiert. Da gab es auch viele falsche Entscheidungen, aber so konnten wir erst mal üben, wer was kann, sodass wir die dann gezielt einsetzen konnten. Mittlerweile verwenden wir aber sehr viel mehr Gehirnschmalz, wen wir mit ins Boot holen.

Nach welchen Kriterien recruitet ihr denn heute eure Mitarbeiter?

HE: Die menschliche Komponente, die Chemie in der Gruppe ist ein ganz elementarer Faktor. Aber natürlich auch das Können in dem jeweiligen Fachbereich – wir haben ja sehr viele unterschiedliche Felder: Text, Musik, Kostüm, Werkstatt, Requisiten, Video, Artwork, Organisation. Der Punkt, wo wir nur mit Freunden aus unserem Umfeld zusammenarbeiten und gucken, dass wir das irgendwie hinkriegen, über den sind wir definitiv hinaus. Irgendwann haben wir gemerkt: Um sich in gewissen Sachen zu entwickeln, brauchst du einfach Leute, die diesen Bereich richtig beherrschen.

PO: Also, ich bin wirklich ein Tyrann, und die Leute in der Firma heulen auch richtig oft wegen mir. Aber ich habe das Glück, dass ich einfach so viel Talent habe, dass ich da mittlerweile unersetzbar bin. Ich hatte enorme Probleme in der Schule, ich bin an der Universität gescheitert, ich bin an meinem Instrument gescheitert, bin aufgewachsen in Komplexen, in Selbstzweifeln und in Angst, dass ich nie etwas finde, wo ich sein kann – außer saufen und an der Bar jobben, um mir mein Cash zu verdienen. Ich hatte keine Möglichkeit, beruflich irgendwie Fuß zu fassen. Aber Deichkind hat mir den Raum gegeben, wo ich mega-erfolgreich sein kann mit meinem random Gehirn.

HE: Oder wie unser Freund Gereon Klug mal so schön gesagt hat: Man muss bei Porky eigentlich nur die Sahne abschöpfen. Er hat manchmal Momente, die sind einfach genial. Und da kommt man nur drauf, wenn man sich solche Free-Geister leistet. Wir haben irgendwann verstanden, dass du genau diese Leute brauchst. Damit stören und erregen wir sozusagen ein System, was in sich stabil ist, und dann passiert ein Prozessmusterwechsel, nämlich Kreativität. Andere denken sich das kompliziert aus und holen Berater und kreieren bewusst diese Art von Teams – wir sind das automatisch. Bei uns war es eher die Schwierigkeit, als eine so unterschiedliche Gruppe über 20 Jahre zusammenzubleiben.

 

Business Punk wird zehn und das feiern wir mit der dicksten Ausgabe ever. Auf 180 Seiten erwarten euch jede Menge Storys: Zehn Jahre nach ihrer ersten Reise besuchen Nikolaus, einer der Erfinder unseres Mags, und sein damaliger Chef erneut für 24 Stunden London. Ritesh Agarwal will seine indische Hotelkette OYO zur größten Hotel-Marke der Welt ausbauen. Deichkind erklären ihr knallhartes Business. Und wir waren in der Toskana, wo uns ein Manager aus Barbados gezeigt hat, wie er gerade einen Steinbruch digitalisiert. Das sowie vieles, diesmal wirklich vieles, vieles mehr in der aktuellen Business Punk. JETZT AUSGABE SICHERN!


Tanja Lemke

Tanja ist Print-Redakteurin bei Business Punk. Wenn sie nicht gerade über Startups oder Musik schreibt, tingelt sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit durch irgendein asiatisches Land.

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