Darf man sich freuen, wenn man die Kündigungswelle überlebt hat?

Ja.

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Mögt ihr euren Job? Ihr bekommt pünktlich Gehalt, die Arbeitsbedingungen sind all right, und es gibt einen Obstkorb? Dann dürft ihr euch selbstverständlich freuen, wenn ihr weiterhin am Schreibtisch sitzen dürft. Richtiger: Ihr dürft zu eurer Freude stehen. Freude kann man nicht moralisch verurteilen. Es fragt ja auch niemand: Darf ich mich in den Tennislehrer verknallen? So etwas passiert einfach. Also ruhig freuen, alles andere wäre absurd. Eine andere Frage ist, ob man jedem erzählen muss, wie sehr man sich freut. Handlungen sind selten rein affektbasiert, meist wird man selbst in solchen Fällen dafür verantwortlich gemacht. Ich aber finde: Ja, wieder ja! Her mit der Lieblingsplaylist, und mal wieder zwei Tage Vollmilch gönnen. Man wird es sowieso merken, wenn ihr euch verstellt. Wenn wir einfachste Empfindungen nur noch durch einen Filter in die Welt entlassen, schlimmer: wenn wir selbst sie nicht mehr genießen können, was bleibt denn dann noch? Was gibt es Schöneres, als sich hinreißen zu lassen; mag es ein Film sein, aus dem man mit Salzkristallen auf der Wange taumelt, eine Landschaft, die so schön ist, dass man nie wieder woanders sein möchte, oder eben einfach nur die Freude darüber, dass man sich die Leasingraten für das Google Phone weiter leisten kann. Ein Algorithmus hat also die Jobs der Kolleg*innen übernommen? Zeigt etwas Anstand und verhaltet euch nicht selbst wie ein Computer. Denn wer seine Freude runterschluckt und Traurigkeit heuchelt, macht sich gemein mit einer Entmenschlichung am Arbeitsplatz, die wahrscheinlich nicht aufzuhalten ist. Die geschassten Kolleg*innen werden das zu schätzen wissen. Nicht gleich, aber irgendwann später, ganz bestimmt. Oder ist da gar nichts, kein Gefühl? Wer hingegen nur Neid spürt oder wenn die Amygdala an Werktagen neuerdings Panik meldet, noch mal fragen: Mögt ihr euren Job, geht ihr da gern hin? Denn eins ist auch klar: Sowenig man Freude verbieten kann, kann es einen Zwang zur Freude geben.

von Luca Brück

Nein.

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In der plötzlich fremden Ruhe des sonst wimmeligen Großraumbüros schafft man es, mal ein bisschen in sich zu gehen. Klar, ist ja fast niemand mehr da, der einen beim Zeitverschwenden stören kann, und von der HR kam die verständnisvolle Rundmail, dass man in dieser schwierigen Phase erst einmal keine Höchstleistungen erwartet, stattdessen immer ansprechbar ist. Und in dieser leeren Seelenstimmung kommt man schnell in die große Draufsichtbetrachtung. Die wird zwar immer laut gefordert, wenn es schön visionär werden soll, aber zu viel, merkt man schnell, ist dann auch nicht gut. Denn in dieser Situation fällt dann schnell auf, dass man ja ohnehin nur auf geborgter Zeit lebt und alles einem Ende, einem Abschied entgegenstrebt. Hat der Desk-Nachbar eben noch den Karton mit den Habseligkeiten aus dem Büro getragen, kommt es einem so vor, als würde man selber bald in einer Kiste liegen und aus dem Büro des Lebens entfernt werden. Tja. Alles, kommt man ungut ins Grübeln, ist natürlich irgendwie nur geliehen, und sei es die nette Festanstellung, die einem das okaye Dasein beschert. Nie ist das deutlicher, wenn die Schreibtische neben einem vom einen auf den anderen Tag leer sind und man rätseln muss, wann bloß bei einem selber die bedauernde Mail im Outlook-Eingang liegt, bevor der Zugang zum Server abgeschnitten wird. Freude? Völlig, völlig fehl am Platz. Man freut sich schließlich auch nicht, dass das Erdbeben das Nachbarland getroffen hat. Die Ex-Kolleg*innen hocken jetzt wer weiß wo, und mit einem Mal – dem eigentlich ersten Mal – spürt man, dass man doch gerne mehr gewusst hätte. Was waren das überhaupt für Menschen? Eigentlich waren die ja gar nicht verkehrt. Zum richtig persönlichen Kontakt ist es nie gekommen, und jetzt ist es zu spät. Der vertraute Rahmen fehlt, jetzt noch Kontakt suchen? Zu seltsam. Also was jetzt? Klar: Langsam die Noise-Cancelling-Kopfhörer überziehen, die jetzt überflüssig sind, und noch etwas freudloser weiterarbeiten.

von Alexander Langer



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