„Innovation ist Chaos“ – Matt Nurse entwickelt für Nike im Labor die Laufschuhe der Zukunft

Vor kurzem kamen Vertreter*innen der wichtigsten Sportmarken zur Branchenmesse ISPO nach München. Auch Matthew Nurse von Nike. Er zeigte seine neueste Innovation: Einen Laufschuh, mit dem Verletzungen der Vergangenheit angehören sollen.

Think big. Fail fast. Was nach billig importierten Silicon Valley-Floskeln klingt, hört sich bei Matthew Nurse nach unverrückbarer Wahrheit an. Nurse ist Vizepräsident des Nike Sport Research Lab. Groß denken, die Welt (des Sports) auf den Kopf stellen und damit scheitern, gehört bei ihm zum Tagesgeschäft. Er sagt: „Innovation ist Chaos.“

Nurse scheint dieses Chaos aber gut zu beherrschen, denn auf der diesjährigen Sport-Business-Messe ISPO, welche Ende Januar in München stattfand, präsentierte er seine neueste Erfindung: den Nike React Infinitiy Run. Mit diesem Laufschuh soll das Verletzungsrisiko gegen Null gehen. Seine Kollegin Kylee Barton, Footwear Director bei Nike, bringt es auf die visionäre Formel: „Wir wollen eine Zukunft, in der kein Läufer mehr verletzt ist.“ Um das Innovationspotenzial der neuen Schuhe zu belegen, präsentierte Nurse eine Studie.

Gemeinsam mit der University of British Columbia untersuchte Nike drei Monate lang zwei Laufgruppen mit jeweils 113 Teilnehmer*innen. Im Laufumfang eines Halbmarathons absolvierte der erste Teil das Training mit dem älteren Modell Nike Structure 22. Der andere Teil trainierte in den neuen React Infinity Run. Das Ergebnis: Läufer*innen mit dem React Infinity Run waren um bis zu 52 Prozent weniger verletzt.

DIE ZUKUNFT DES LAUFENS: DER NIKE REACT INFINITY RUN BIETET DURCH EINE BREITE SOHLE MEHR STABILITÄT UND DURCH EIN WEICHES FUßBETT BESSERE ABROLLBEWEGUNGEN.

Man fragt sich: Warum ist der Vermeidung von Verletzungen bei der Entwicklung neuer Laufschuhe nicht schon viel früher eine solche Aufmerksamkeit geschenkt worden? Und eine andere Frage drängt sich auf: Wer treibt eigentlich Innovationen bei Nike voran? Sind es die Kreativen aus dem Design Department oder die Datenanalyst*innen und Wissenschaftler*innen?

Nurse muss schmunzeln, wenn er solche Fragen gestellt bekommt. Er weiß um die Wichtigkeit seiner Abteilung. Seit 17 Jahren arbeitet er als Wissenschaftler bei Nike. Aus 65 Mitarbeiter*innen aus Bereichen wie Biomechanik und Sportmedizin besteht heute sein Team. Seit 1980 betreibt der US-Sportriese sein Forschungslabor. Demnächst soll die Forschung in ein neues, noch größeres Gebäude umziehen.

Der vermeintliche Gegensatz zwischen Design und Wissenschaft, zwischen Kunst und akribischer Datenerhebung löst Nurse mit Verweis auf Science-Fiction auf. Romane und Filme, die in einer fiktiven Zukunft spielen, dienen der Wissenschaft als Inspiration für technologische Innovationen. So gesehen bestehe Forschung und Entwicklung immer auch aus einer kreativen Leistung – und genauso möchte Nurse seine Arbeit verstehen: halb Forscher, halb Künstler. Das sind zwei Seiten einer Medaille und gerade bei Nike legt man darauf viel Wert. „Du kannst keine Produkte anbieten, die zwar funktionieren, aber nicht schön aussehen“, sagt Nurse.

Ob mit den React Infinity Run Verletzungen gänzlich der Vergangenheit angehören, wird der Praxistest vieler tausender Läufer*innen rund um den Globus zeigen. Entscheidender ist das Mindset, das in solchen Innovationen zum Tragen kommt: Wer glaubt, die größten Erfindungen in der Sportwelt lägen bereits hinter uns, irrt sich. Moderne Laufschuhe sind heute mobile Messstationen –  digital vernetzt. Ausgestattet mit Sensoren analysieren und speichern sie kontinuierlich Laufwerte.

Ob die Untersuchung des Laufverhaltens oder von Verkaufsdaten – Sportunternehmen investieren viel in die Datenanalyse und optimieren dadurch permanent ihr Business.

Für Nurse sind Daten sein wichtigstes Arbeitsmaterial, aber nicht alles. Innovationen entstehen nämlich weniger durch das Wissen über das Mögliche, sondern vielmehr durch den Glauben an das Unmögliche. Um das zu illustrieren, verweist der Nike-Forscher auf ein Beispiel aus der Geschichte. In den Fünfzigerjahren hätten die besten NASA-Wissenschaftler*innen dem US-Präsidenten erklärt, die Menschheit würde niemals in das Weltall vordringen – dafür gebe es einfach keine passende Raketentechnologie. „Und das waren die besten Wissenschaftler ihrer Zeit“, hebt Nurse hervor.

Nicht mal zwanzig Jahre später landete der erste Mensch auf dem Mond.


René Krempin

René Krempin ist freier Autor und schreibt für Business Punk Texte und Reportagen zu den Themen Sport, Entertainment und Wirtschaft. Mit großem Interesse verfolgt er außerdem auch die Entwicklungen in der eSports-Szene. In seiner Freizeit ist er aber auch gerne analog unterwegs: mit Freunden auf dem Bolzplatz.

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