Leadership & Karriere Entscheider: Muss man einen schlimmen Job ertragen?

Entscheider: Muss man einen schlimmen Job ertragen?

Ja.

Sprüche über das Nicht-aufgeben-Dürfen gibt es Tausende. Die haben leider gemeinsam, dass sie alle scheiße sind. „Wirf nicht gleich die Flinte ins Korn“, besagen die einen, „das Leben ist halt kein Ponyhof“, die anderen. Was sie gemein haben, ist das Korn Wahrheit. Jeder kennt das Gefühl, morgens aufzuwachen und zu wissen: Ich will doch bitte nur hier liegen bleiben. Und der Grund dafür ist dann meistens, dass man nichts hat, wofür sich das Aufstehen lohnt. Man weiß, dass man sich die nächsten acht Stunden lang von miesgelaunten Chef*innen anraunzen lassen wird, dass einem die Kund*innen richtig hart auf den Sack gehen, dass die Kollegen*innen mit der ewig gleichen fiesen Fresse vor einem sitzen werden. Und dass der Kaffee zudem auch noch richtig mies sein wird. Arg. Nur weißt du, das geht uns allen so. Wir stehen alle des Morgens auf und freuen uns mehr oder weniger über das, was uns erwartet. Mal läuft es, mal hat man Scheiße am Schuh. Mal verliert man, mal gewinnen die anderen. So ist das Gesetz. Der Witz ist doch, dass sich an dieser Tatsache eher nichts ändern wird, wenn man kündigt. Wer sagt einem, dass die nächste Chefin besser ist, dass die nächsten Kund*innen weniger anstrengend und dass die neuen Kolleg*innen weniger schlecht gelaunt sein werden? Genau, niemand. Sicher kann man Glück haben. Aber unter uns: Wer hat das schon? Und wer sagt dir, dass nicht das Gegenteil richtig ist und dass du der Herr darüber bist, wie dein Job ist. Launen kann man ausblenden, Kund*innen kann man sich erziehen, Kolleg*innen können auch vor deiner Laune erstarren – was aber gleichzeitig auch heißt, dass du ihre Stimmung verbessern kannst. Oft wird das am Ende ja sogar noch mit mehr Verantwortung, Geld oder Freiheiten belohnt. Zudem reden wir hier ja nur von Arbeit, von einem Job. Und die meisten von uns arbeiten nicht am offenen Herzen. Also chill mal und mach weiter.

Bastian Hosan


Nein.

Moment, darüber reden wir hier? Im Westeuropa des Jahres 2020? Pahaha. Okay Boomer: Nein, muss man nicht. Und das meine ich nicht, weil man sich ja selber mittlerweile ganz selbstverständlich als das kostbare Zentralgestirn begreift, um das alle weiteren, kleineren, schwächer strahlenden Sonnen kreisen. Denn sicherlich ist jeder Mensch irgendwie special und eine einzigartige Pflanze, die die unsachte Hand des Kapitalismus auf keinen Fall zerknicken bla, bla und bla. Aber das ist nicht der Grund für meine Überzeugung, sondern der volle, aufrichtige Respekt und die große Dankbarkeit gegenüber jenen, die viele Generationen lang dafür gekämpft haben, dass in unseren Breiten eine noch nie da gewesene Freiheit darüber herrscht, wie man den Beruf gestaltet. Wie man als Verwirklicher*in der eigenen Visionen für einen sinnvollen Tag verantwortlich ist. Jeder Mensch, der seine Zeit vergeudet und eine Arbeit unfrei erträgt, spuckt auf die Kämpfe unserer Vorfahren. Man lässt sich schließlich ja auch impfen, oder? Ertragen ist kein Zustand! Kämpft für euer Recht auf Good Times – auch und vor allem an der Arbeit! So. Und damit ist diese Argumentation beendet. Moment, ich sehe, dass hier noch rund zehn Zeilen zu füllen sind. Warum ist dieses Format bloß so lang? Ich wollte doch auf diesem hehren, positiv-aktivistisch erschallenden Septim-Akkord enden. Stattdessen muss ich jetzt wieder in den spinnenwebenverhangenen Keller meiner Vergangenheit steigen. Na gut: Freunde und Freundinnen. Meine Jobbiografie jenseits der Stichworte bei LinkedIn ist düster. Leitplanken montiert. Fotoautomaten aufgestellt. Im Automatencasino gejobbt. Im Amazon-Lager rumgelaufen. Viel zu spät im Leben Pizza ausgefahren. Und dann, schauder, gleich in mehreren Startups gearbeitet. Im Ernst: Just fucking quit. Okay? Aber lest euch trotzdem lieber noch mal die ersten 15 Zeilen hier durch.

Alexander Langer


Die neue Ausgabe ist da! Heißt: die perfekte Lektüre für die Tage und Abende daheim. Dieses Mal widmen wir uns dem Thema Karriere: In seltsamen und unübersichtlichen Zeiten hört man auf den Rat der Weisen, und das sind in unserem Fall 50 nachweislich erfolgreiche Menschen, die überraschende, inspirierende und sehr persönliche Tipps für den Weg nach oben haben – von Lindsey Vonn über Frank Thelen zu Sabine Leutheuser-Schnarrenberger, von Tony Hawk über Lea-Sophie Cramer zu Micaela Schäfer. JETZT AUSGABE SICHERN!

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