Frauen gründen anders: Wie Female Entrepreneurship die StartUp-Welt aufmischt

Drei als „Kultur- und Kreativpiloten Deutschland“ ausgezeichnete Unternehmerinnen-Teams zeigen, wie man mit Ideenreichtum und Durchsetzungskraft nicht nur wirtschaftlich erfolgreich sein kann, sondern gleichzeitig auch die Gesellschaft mit ausgeklügelten Innovationen verändert.

Dass eine fast heimlich unter dem Restauranttisch präsentierte Unterhose mal ihr Leben verändern würde, hätten die Berlinerinnen Kati Ernst und Kristine Zeller vorher wohl auch nicht geglaubt – aber eben so hat es sich zugetragen. Mitte 2017 war es, bei einem Ladies Dinner in Berlin, als eine Bekannte von Kati eine Period Panty aus der Handtasche zog: „Schau mal.“ Kati hatte von der speziellen Menstruationsunterwäsche aus den USA schon gehört: Sie sollte während der Periode getragene Tampons und Binden ersetzen. Die McKinsey-Beraterin war sofort interessiert. Wenn das gut funktioniert, wäre das eine einmalige Chance, um sich mit einem Unterwäsche-Modelabel selbständig zu machen, dachte sie. Schon lange haderten die langjährigen Freundinnen Kati und Kristine, die mehrere Einkaufsabteilungen von Zalando leitete, mit der Unflexibilität ihrer Jobs: viele Reisen, viele Meetings, noch mehr Telefonate und Videokonferenzen – und somit lange Bürotage. Gut vereinbar mit der Familie geht anders.

ooshi-Gründerteam: Kati Ernst und Kristine Zeller. Foto: Rok Trzan

Gründerinnen unterrepräsentiert

Innerhalb der boomenden Startup-Szene Deutschlands sind Frauen derzeit deutlich unterrepräsentiert: Im Female Founders Monitor von 2019 wird in den erfassten Neugründungen die Diskrepanz von 85% Gründern zu lediglich 15% Gründerinnen sichtbar. Die Gründe hierfür sind vielfältig, zeigt der Bericht. Neben einer stärkeren familiären Eingebundenheit bilden auch Faktoren wie eine Zurückhaltung bei der Akquise von Unternehmenskrediten eine Rolle, die dazu führen, dass weiblich geführte Startups weniger ins Leben gerufen oder skaliert werden. Dennoch bieten gerade Frauenköpfe ein immenses sozioökonomisches Potential, insbesondere durch ihre tendenziell unterschiedlich ausgerichteten unternehmerische Wertschöpfungen. Frauen sind laut des Monitors stärker auf soziale und gesellschaftliche Themen bei einer Gründung fokussiert und tragen somit direkt zur innovativen Weiterentwicklung des Landes bei.

Mit ihrem Unternehmen ooshi haben sich die beiden Frauen ihren eigenen anspruchsvollen und zugleich flexiblen Job geschaffen und sind zum Role-Model für weibliches Unternehmertum geworden. „Wir wollten eigentlich nie gründen“, sagt Kristine. „Aber diese Chance war zu verlockend: Mit ooshi können wir nicht nur unseren Arbeitsalltag selbst gestalten – sondern auch aktiv am gesellschaftlichen Wandel mitwirken und Frauen empowern.“ Denn selbst im gefühlt so offenen und freien Berlin sei es in Teilen noch immer ein Tabu über die Periode zu sprechen. Langsam, ganz langsam und nicht zuletzt auch durch das Engagement der beiden ooshi-Gründerinnen ändert sich das aber. Dazu trägt auch die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte der ooshi GmbH bei: Nach ihrem Debüt mit einer Kickstarterkampagne im September 2018, hat unter anderem ihre breite mediale Aufmerksamkeit, die in einem Auftritt von Kristine und Kati bei der TV-Show „Die Höhle des Löwen“ gipfelte, die Umsätze auf ein Niveau von mehreren Millionen gehoben.

„Dadurch werden wir und vor allem das Thema Menstruation von Investor*innen und Unternehmer*innen, auch denen, die den 500-Millionen-Euro-Markt für Periodenunterwäsche allein in Deutschland fälschlicherweise als Nische belächelt haben, ernst genommen“, sagt Kristine. Auch hilft gesellschaftliche Anerkennung wie die Auszeichnung als „Kultur- und Kreativpiloten Deutschland“ dabei, die Periode der Frau zu enttabuisieren. „Der Titel der Bundesregierung ist für uns daher etwas ganz Besonderes“, sagt Kristine. „Bei der Verleihung haben wir realisiert, was wir da schon geschafft haben – das war sehr emotional.“ Ganz ähnlich erging es auch den Titelträgerinnen Christin Marczinzik und Thi Binh Minh Nguyen. Das deutsch-vietnamesische Frauenteam hat vor einem Jahr ebenfalls die Gründung gewagt: Das Kreativstudio A.MUSE in Halle an der Saale macht genau das, was der Firmenname – ein Wortspiel aus den Begriffen „Muse“ und dem englischen Wort „amuse“ – verspricht: inspirieren und unterhalten, mit den Mitteln interaktiver Multimedialösungen.

Erstes Projekt ging auf Welttournee

„Wir bewegen uns mit unseren Projekten an der Schnittstelle von Kunst, Design – und Technologie“, sagt Minh. Ein Feld, das noch hauptsächlich von Männern dominiert wird. „Noch – wir ändern das gerade“, sagt Christin und grinst. „Zumindest scheinen wir einen guten Riecher für gefragte Installationen zu haben.“ Was stark untertrieben ist: Gleich ihre erste Zusammenarbeit, die „Swing VR-Schaukel“, ein Projekt innerhalb ihres Masterstudiums Multimedia Design an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, ging quasi auf Welttournee. Die Installation besteht aus einer normalen Schaukel, auf die man sich mit einer VR-Brille setzt, in der ganze VR-Welten hinterlegt sind. „So kann man sich schaukelnd durch den Raum bewegen und mit jedem Schwung weiter nach oben fliegen bis ins Weltall, während man beim Auspendeln wieder langsam zurückschwebt,“ sagt Christin. In Sao Paulo, dem Silicon Valley und Las Vegas und auf vielen Messen und Events haben die Swing VR Schaukel und ihre Kunstinstallationen schon Station gemacht und dabei zahlreiche Preise gewonnen.

Foto: Swing VR-AMUSE

Solche Installationen, die sinnliches Erleben und Cutting-Edge-Technologie zusammenbringen, bietet A.MUSE als Dienstleistung für Firmen, Museen und Bildungseinrichtungen an. Das zweite Standbein der beiden Multimedia-Künstlerinnen ist das Projekt „Songs of Culture“. Hier entwickeln die beiden Gründerinnen ein aufwändig illustriertes Liederbuch, in dem die Texte auf Deutsch und Vietnamesisch zu lesen sind. Per zugehöriger Smartphone App mit Augmented-Reality-Funktion kann man in die Liederwelten eintauchen: Singende Tiere, handgemachte 3D-Objekte und witzige Animationen vermitteln spielerisch Sprach- und Kulturverständnis.. „Meine Tochter liebt den Prototypen – sie singt und klatscht“, sagt Minh. Mit weiteren Sprachen und zusätzlichen Funktionen soll aus dem Projekt später dann ein skalierbares Produkt werden. „Gerade der in der Tendenz etwas empathischere Blickwinkel von Frauen ist bei solchen „Design von Social-Change“-Projekten wichtig und gefragt“, sagt Minh. „Der Bereich ist gerade im Kommen und bietet gute Chancen für technikaffine Gründerinnen.“


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