„Die Leute unterschätzen, dass viele einfach nur Bullshit konsumieren wollen“

Zum Release seines tollen neuen Albums „Millenium“ haben wir mit dem Berliner Rapper Juse Ju telefoniert. Der 38-Jährige hat sich schon in ungewöhnlich vielen Jobs ausprobiert, HipHop aber nie aus den Augen verloren und massig Herz und Arbeit in seine Musik gesteckt. Ob sich das rechnet? Schnell enstand ein Realtalk-Gespräch über Streamingzahlen, sein Business-Modell und den Geschmack der Massen.

In „MTVs Most Wanted“ sagst du ja „Rappe Vollzeit“ – Ist Rap gerade wirklich dein Vollzeitjob?

Ich habe meine Radiotätigkeit auf einen Tag in der Woche runtergebrochen. Einen Tag die Woche arbeite ich also fürs Radio und sieben Tage für Rap. Aber hätte ich ein Auto, zwei Kinder und eine Hypothek, würde mein ganzes Modell zusammenbrechen. Ich lebe keinen krassen Lifestyle, habe kein Auto und bin nicht drogensüchtig. Das ist bei Rapper*innen ja oft ein Problem, dass der Drogenkonsum viel Geld verschlingt. (lacht)

Weil du auf dem Album immer wieder von unterschiedlichen Jobs rappst: Wie viele Vollzeit-Jobs hast du schon durch?

Ein Jahr als Zivi Krankenpfleger in der Psychiatrie, Barkeeper, Drehbuchautor für „K11 – Kommissare im Einsatz“, Fernsehredakteur für Reality-TV, Radio-Reporter, -Moderator und -Redakteur, habe für die Deutsche Tourismusberatung in Japan gearbeitet, war dort auch Kellner. Und jetzt Rapper. Acht!

Wie kam es dann zu dem Model-Job auf der Tokio Fashion Week? Dich hat wie im Song „Model in Tokio“ beschrieben einfach jemand angequatscht?

Kein Scheiß: Ich stand nachts in Shibuya Crossing an dieser großen Ampel mit Kolleg*innen des Cafés rum, in dem ich gearbeitet habe. Dann kam so ein Scout auf mich zu und hat gefragt, ob ich länger in Tokio bin. Er hat mich auf Japanisch angesprochen, was mich verwundert hat. Er suche nämlich in zwei Wochen jemanden für einen Job, ich solle vorbeikommen.

Der wirkte nicht total unseriös. Zur Fashion Week brauchst du unglaublich viele Models. Ich bin ja für eine kleinere Brand gelaufen, deren Motto war wie im Song beschrieben eine Mischung zwischen edel-englischem Zeug und englischen Hooligans der 70er. Da brauchten sie etwas größere, eher europäische aussehende Models, und zwar viele. Aus ihrem Kontingent aus 25, die sie brauchten, haben sie einfach zehn Amateure wie mich geholt.

Du scheinst extrem viel Herz und Arbeit in deine Musikvideos zu stecken. Blöd gefragt: Lohnt sich das denn rein rechnerisch?

Als Einzelkünstler wie ich rechnet man nicht wie ein Label. Ob sich Juse Ju rechnet oder nicht, steht am Ende des Jahres auf meiner Steuererklärung. Das Video zu „Kranich Kick“ ist das teuerste Video, was ich je gemacht habe. Dieses Lied wird das Videobudget niemals einspielen. Ich denke eher ganzheitlich, wie viel Geld ich als Künstler verdiene.

Die Platten haben gar nicht den Anspruch, Geld zu verdienen. Sie sind Werbung für alles andere, was ich mache. Man würde das wohl Umweg-Rentabilität nennen. Heißt: Ich mache ein Album, das teuer in der Mischung, dem Mastering, den Videos und der Promo ist und sich selbst nicht wieder einspielt. Aber dann kommen die Tour und T-Shirt-Verkäufe. 

Was mich sehr supportet, sind Leute, die Vinyl kaufen oder die CD. Ich glaube, für den Gegenwert einer Vinyl müsstest du mein Album 250 Mal streamen. Selbst wenn du mich magst, hörst du mich nicht so oft. Vinyl-Käufer*innen investieren also quasi in mich.

Wenn du meine Einnahmen aus Tourgagen, Shirt-Verkäufen, Tonträgern, Streaming und Royalties zusammen nimmst, dann kommt am Ende ein Plus raus. Wenn du nur die Platte nimmst und ob sich das teure Video lohnt: nein. Auf das Gesamtding gerechnet hingegen schon.

Ist Streaming für dich eine verlässlichere Einnahmequelle als physikalische Tonträger?

Die Einnahmen aus den Tonträgerverkäufen machen ungefähr halb so viel wie aus dem Streaming. Die Leute sind immer überrascht: Allein bei Spotify waren es beim vorigen Album eine halbe Million Leute, die mich im Jahr gehört haben. Tonträger habe ich im selben Zeitraum so 3.000 bis 4.000 verkauft – live, aber auch übers Internet. Das heißt, nur ein Prozent der Leute, die mich hören, kaufen auch einen Tonträger. Trotzdem macht dieser Teil die Hälfte der Einnahmen des eigentlichen Albums aus.

Das klingt, als würde ich Streaming bashen, aber darum geht es überhaupt nicht. Streaming hat andere positive Effekte. Jeder hat dadurch einfachen Zugang zu mir und ich eine größere Hörerschaft. Ich habe dadurch viele neue Hörer*innen gewonnen. Wie gesagt, ich lebe ja auch davon, dass Leute zum Konzert kommen oder ein Shirt kaufen. Je mehr Hörer*innen, desto besser.

Streaming ist eine zweiseitige Medaille. Einerseits sehe ich meine Statistik und denke mir krass, 2018 oder 2019 wurde ich 400.000 Stunden gehört, aber das Geld, was ich damit mache, könnte nicht meine Alben refinanzieren – und da hätte ich ja noch keinen Cent verdient, da rechne ich nicht mein eigenes Gehalt, meine Lebenshaltungskosten mit rein.

Du rappst in „Millennium“, wie sehr du dich gefreut hast, als dein erstes Album im Media Markt stand. Jetzt vier Alben später: Welche Ziele willst du noch erreichen?

Früher wollte ich, dass das Album erfolgreich wird, dass viele Leute das hören und es in die Charts geht. Heutzutage ist das alles unwichtig. Charts, MTV und das alles bedeuten nichts mehr. Heute musst du in einer Playlist auf die Eins gehen.

Die Ziele sind diffuser geworden. Ich möchte mich in einem erwachsenem Publikum festsetzen, das per se an jedem neuen Album interessiert ist – egal, wie viel Werbung ich dafür machen muss. Pearl Jam gibt es noch, die bringen auch neue Musik raus. Das merken viele nur nicht, weil die keine Werbung machen. Die drängen sich nicht auf, sind medial nicht in deiner Fresse drin, hängen nicht den ganzen Tag im Internet. Die machen Musik als Kern. Das hätte ich gern: dass ich mich auf den Kern, die Musik, konzentrieren kann.

Ich bin aber nicht naiv, arbeite seit zehn Jahren in der Medienbranche. Ich weiß, wie schnell man in Vergessenheit gerät, wenn man das Spiel um Aufmerksamkeit nicht mitspielt. In Zeiten von Streaming werden Tonträger verschwinden. Spätestens beim nächsten Album wird das keine Rolle mehr spielen. An dem Punkt brauche ich ein immenses Streamingaufkommen, um das zu finanzieren.

Wie hoch wäre das?

Ich habe ausgerechnet, dass ich ungefähr 20 Millionen Streams bräuchte, allein, um mein Album zu refinanzieren. Für gehypte Rapper*innen ist das keine krasse Summe, aber für jemanden wie mich ist das eine Menge Holz. Ich mache Musik für Leute zwischen 20 bis 35, die haben oft nicht so viel Zeit wie Jüngere, die dich 24 Stunden an der Bushaltestelle streamen.

Ich rede gerne darüber, weil ich ein Verständnis dafür schaffen will, was es bedeutet, heutzutage Musiker zu sein. Gefühlt gammeln viele Menschen noch in einer Neunziger-Jahre-Sicht auf die Musikindustrie rum. Noch immer sind Leute überrascht, dass man Profi-Musiker*in ist, ohne bei einem Plattenlabel gesignt zu sein. Die Zeiten sind seit 15 Jahren vorbei.

Klar, du kannst zu einem Label gehen, einen zu hohen Vorschuss holen und den nie wieder einspielen. Das geht, aber dann siehst du bis zum Sankt Nimmerleinstag deine Rechte nicht mehr.

Darüber hatte der Rapper Ahzumjot letztens auch getwittert; wie sich junge Rapper vom ersten Vorschuss teuren Schmuck kaufen, aber das Geld ja auch irgendwann wieder reinkommen muss.

Genau, mit einem 100.000er Vorschuss kaufst du dir erstmal einen AMG Mercedes. Abgesehen davon, dass du deine Steuern noch nicht bezahlt hast, musst du normalerweise von diesem Vorschuss noch die Albumproduktion bezahlen. Dann hast du einen AMG, aber wovon willst du die nächsten zwei Jahre leben? Das Label holt sich das wieder.

Wenn du nicht grad Samra oder Capital Bra bist und dein Album das locker wieder einspielt … Wenn die Menschen wüssten, wie die Streaming-Welt aussieht und wer wie viel streamt, würden sie nach hinten umfallen.

Wie meinst du das?

Die Größenordnungen. Du kannst zehn erfolgreiche Nicht-Gangster-Rapper nehmen. Also Casper, Marteria, Max Herre, Samy Deluxe, Dendemann, Antilopen Gang, Fatoni, Zugezogen Maskulin … Die machen zusammen an einem Tag weniger Streams als ein Samra.

Beispielsweise Marteria ist super erfolgreich, der verkauft das Ostseestadion aus. Aber ein zweitklassiger Gangsterrapper, der nicht mal eine Tour meiner Größenordnung spielen könnte, streamt am Tag mehr als er. Über meinen Spotify-Artist-Account sehe ich ja, wie viel die streamen. Die Unterschiede sind immens.

Das ist eine eigene Welt, das ist wie RTL II (lacht). Ich habe früher ja beim Fernsehen gearbeitet. Da haben auch Leute gesagt, dass es doch nicht sein kann, dass „Promi Big Brother“ mehr Quote als der „Tatort“ macht. Aber es ist so. Niemand weiß alles über das Publikum.

Es wird viel unterschätzt.

Die Leute unterschätzen, dass viele einfach nur Bullshit konsumieren wollen. Das ist jetzt mal eine sehr wertende Aussage. Aber die wollen keine Musik, die zu textlastig ist. Früher wurden Eurodance und die Vengaboys, die am meisten gehört, heute sind es Lieder, die auf drei Worten basieren und aus dem Rap-Kosmos kommen.

Wenn man selbst Musik-Hörer*in ist, abstrahiert man vielleicht nicht, dass es den meisten Menschen egal ist. Das muss man nicht verurteilen, die können ja hören, was sie wollen.

Ich denke bloß, dass die Realität viele Leute vom Sockel haut. 

„Millenium“ könnt ihr hier bestellen und hier streamen.

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