Meet Your Mentor: #4 Sophia Amoruso über Eigenschaften, die ein Girl(boss) der Zukunft braucht

Interview geführt von Laura Lewandowski
Zusammenfassung von Anna Franziska Schulze 

Ein Secondhandladen in San Francisco Mitte der 2000er Jahre, eine silbern-glänzende Lederjacke und eine junge Frau mit Geldsorgen – so beginnt der amerikanische Traum 2.0. Sie erkennt den Wert der unscheinbaren Designerjacke, handelt den Preis auf neun Dollar herunter und verkauft diese anschließend auf Ebay für 615 Dollar. Ka-ching! Eine simple Idee, die sie innerhalb von wenigen Jahren zur Multimillionärin macht.  Klingt zu sehr nach Hollywoodkitsch? Falsch. Die Geschichte wahr.

Aufstieg aus dem Nichts in den Olymp der Self-Made-Millionäre

Die junge Frau heißt Sophia Amoruso und das Unternehmen ist ihr Online-Shop namens „Nasty Gal“, der zeitweise auf 280 Millionen Dollar geschätzt wurde. Netflix adaptierte die Erfolgsgeschichte in der Serie „Girlboss“, die auf ihrem gleichnamigen New-York-Times-Bestseller basierte. Aus diesem Erfolg gründete Amoruso „Girlboss Media“, ein Startup, das sich vor allem auf die Produktion digitaler Medien, Entertainment und Bildung spezialisierte. Sie verkaufte das Startup 2017 an Attention Media und übernahm die Rolle als CEO. Unternehmerin, Autorin, Self-Made-Millionärin, CEO – die 36-Jährige vereint Scharfsinn mit dem Style einer Carrie Bradshaw. Eine Kombination, die sie in Zeiten von Instagram und Facebook schnell zum Vorbild vieler aufstrebender Frauen machte. Für „Meet Your Mentor“ haben wir mit ihr darüber gesprochen, was einen „Girlboss“ im Jahr 2020 ausmacht und wie wir – gerade jetzt auf dem Weg ins “New Normal” – Scheitern als eine Möglichkeit für persönliches Wachstum sehen dürfen.

Ein „Girlboss“ weiß, wann es Zeit ist eine Pause einzulegen

Amoruso betont im Interview, dass sie den Begriff „Girlboss“, sechs Jahre nach der Veröffentlichung ihres Buchs, deutlich differenzierter sieht. Zelebrierte „Girlboss“ noch das Bild der pausenlos arbeitenden jungen Frau, bricht sie heute mit der sogenannte Hustle-Culture, die ständiges Arbeiten glorifiziert. Statt „work and grind“ ginge es mehr darum die Kontrolle über das eigene Leben zu ergreifen. „Man muss Chancen nutzen, aber es ist genauso wichtig die eigenen Bedürfnisse zu kennen und zu wissen, wann es Zeit für eine Pause ist“, reflektiert sie.  „Ein Girlboss navigiert die Schnittstellen zwischen Arbeit, Wellness und Geld, ohne sich dabei selbst zu verlieren.“

Dass dieser Weg mit Stolpersteinen gespickt ist, lehrten sie die vergangenen Jahre. Sie erlebte Rückschläge. „Nasty Gal“ meldete 2017 Insolvenz an und Amoruso trat als Vorstandsvorsitzende zurück. Auch die Corona-Krise verschonte sie nicht. Erst vor wenigen Tagen verkündete sie in einem emotionalen Post auf Instagram, dass sie „Girlboss Media“, zusammen mit vielen anderen, verlässt. Durch die Corona-Pandemie seien viele Events weggebrochen, die einen Hauptteil der Einnahmen ausmachen.

Verantwortung übernehmen und weitermachen

Auch das gehört zum Girlboss-Dasein dazu: Krisen bewältigen und sich neu erfinden. Amoruso ist das bewusst. „Scheitern ist Teil des Lebens“, sagt sie und ergänzt „ich habe so viel davon gelernt, Dinge zu verlieren und zu vermasseln. Das wäre nie passiert, wenn alles immer rund gelaufen wäre.“ Natürlich sei es schmerzhaft, aber sich zu verkriechen mache keinen Sinn. Man müsse Verantwortung übernehmen. Gerade in Krisenzeiten.

„Am besten ist es solche Dinge anzunehmen und sie zu verarbeiten, anstatt lange zu grübeln“, so Amoruso. Man könne nicht kontrollieren was passiert, sondern nur wie man darauf reagiert. 

Aber wie reagieren, wenn alles schiefgeht? Ihr Trick: Scheitern als Erfahrung umdeuten. So lerne man langfristig viel mehr. Sie verpackt das so: „Anstatt zu sagen, dass uns Dinge passieren, passieren sie für uns.“ Dieses Reframing mache den größten Unterschied. Denn es lässt uns Raum, das Geschehene neu zu betrachten. Durch den Perspektivwechsel entstehen neue Chancen und frische Ideen.

Distanz wahren und mehrere Anläufe planen

Dann gilt es Entscheidungen zu treffen. Wie können wir diese Ideen umsetzen und welche Risiken sollten wir dabei eingehen? Amoruso rät Jungunternehmerinnen nicht gleich den Job zu kündigen und alles auf eine Karte zu setzen. „Es kann überwältigend sein, die eigene Idee zu veröffentlichen.“ Eine gewisse Distanz zu wahren sei wichtig, denn „nicht alle Ideen sind großartig.“ 

Außerdem sollte man mehrere Anläufe kalkulieren. „Man muss damit rechnen, dass Dinge schief gehen“, erklärt sie. Trial und Error sozusagen. Es ist also keine gute Idee den Job hinzuschmeißen und alles auf eine Karte zu setzen. „Viele arbeiten noch lange weiter und ziehen nebenbei ihr Business hoch“, betont Amoruso. Weiterhin sollte man auch nach Erfolgen bescheiden bleiben und den Menschen um sich herum zuhören. „Alles ist eine Gelegenheit sich weiterzuentwickeln – gerade im Business-Kontext.“ Das schließt Kritik und Rückschläge ein.

Es bleibt abzuwarten, wie sich das Multitalent nach ihrem Aus bei „Girlboss“ neu erfindet. Dass sie das tun wird, ist ziemlich sicher.


Laura Lewan

Für “Meet your Mentor” sprechen Journalistin Laura Lewandowski und Schuldigitalisierungs-Experte Simo Azzaoui mit den Menschen, die uns im Leben wirklich was beigebracht haben. Eine Interview-Serie für die Pioniere von morgen. Für euch! Wer die Mentoren live und in Farbe sehen will, findet die Videos auf Instagram-TV und auf YouTube.


Business Punk Redaktion

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