Green & Sustainability Energierevolte: Wenn es nach diesem Startup geht, haben wir bald Prepaid-Strom

Energierevolte: Wenn es nach diesem Startup geht, haben wir bald Prepaid-Strom

Der Gründer von Energierevolte holt ein früher berüchtigtes Konzept für die Jetztzeit aus der Ecke: Prepaid-Strom.

Wer weiß schon, wie viel er monatlich für Strom ausgibt? Richtig, kaum jemand. Es ist in der Regel ein Gefühl des steten Verlusts: Ist der Vertrag einmal abgeschlossen, schmälert die Abschlagszahlung Monat für Monat den Kontostand. Kommt dann die Jahresabrechnung ins Haus geflattert, blickt man auf ein Hieroglyphenchaos in Kilowattstunden. Das Ergebnis: Man lässt der Bequemlichkeit zuliebe alles wie gewohnt weiterlaufen. Nachzahlung? Egal.

André Jumpertz weiß: Das geht alles besser und vor allem transparenter. Sein Startup Energierevolte bietet die passende Lösung an: Prepaid-Strom. Das System dahinter ist ganz einfach. Man bestimmt selbst, wie viel Geld man für die Energieversorgung ausgeben möchte. Statt hoher Summen zahlt man kleinteiligere Beträge. So viel eben benötigt wird, um alle Geräte am Laufen zu halten.

Flexibilität und Selbstkontrolle

Jumpertz sagt: „Energieversorger*innen interessiert es für gewöhnlich nur, wie sie am sichersten an ihr Geld kommen. Was ihre Kund*innen eigentlich brauchen, interessiert sie eher selten.“ Er habe dagegen einen digitalen Service entwickelt, der hauptsächlich aus Flexibilität und Selbstkontrolle besteht.

CEO André Jumpertz. ©Energierevolte

Das hat laut dem CEO einen großen Vorteil, der sich langfristig auszahlt: Man bekommt ein besseres Gefühl für denen eigenen Verbrauch. Muss Strom immer wieder nachgekauft werden, hinterfragen Kund*innen erfahrungsgemäß, warum er so schnell alle ist. Rufen sie an, kann das Startup in den Daten nachsehen, wofür der meiste Strom verbraucht wurde, und Tipps geben, wie sie sparen können. Der Benefit für Umwelt und Geldbeutel ist klar nachvollziehbar. Außerdem setzt das Startup auf grüne Energie, bezogen von Wasserkraftwerken.

Mehr als nur ein Inkassoinstrument

Jumpertz war zuvor Abteilungsleiter bei den Stadtwerken Düren. Dort stellte er fest, dass das System Prepaid-Strom – eigentlich ein verordnetes Inkassoinstrument der Versorger*innen – weitaus mehr Potenzial hat. Er merkte: Waren Kund*innen erst einmal frei von ihren Energieschulden, wollten sie nicht zu einem regulären Stromvertrag zurück.

Er dachte das Thema neu. Wie konnte man Prepaid-Strom attraktiver machen? Anfangs war es nicht mehr als eine Projektidee, getrieben von Technik: Er wollte eine App entwickeln, die das Aufladen der Chipkarte ohne Kassenautomaten ermöglicht. Eine App, die das Prepaid-System unserer Zeit anpasst und den Prozess digitalisiert.

Heute ist Jumpertz CEO, sitzt mit seinem Team im Digitalhub in Aachen, einer ehemaligen Kirche. Vor zwei Jahren gründete er dann Energierevolte. „Wir wollen Prepaid-Strom als ein Produkt auf dem Markt etablieren, das man nicht mehr verordnet bekommt, sondern für das man sich bewusst entscheidet“, sagt Jumpertz.

Warum auch nicht? Prepaid-Handys existieren schon seit der goldenen Ära von Windows XP und Jamba-Klingeltönen. Prepaid ist den schlechten Ruf längst los. Wa­rum sollte das bei der Energieversorgung anders sein?

Eine moderne Alternative

Zu lethargisch, zu starr und zu altbacken sind Stromverträge, für die monatlich im Schnitt 91 Euro vom Konto abgehen. Wie eingangs beschrieben: Ist das der Betrag, den man tatsächlich jeden Monat umgerechnet in Kilowattstunden verbraucht? Oder ist er höher? Oder niedriger? Wie viel ist eine Kilowattstunde überhaupt? Gibt es günstigere Anbieter? Lohnt sich ein Wechsel?

Mit Prepaid-Strom ist das alles transparenter. Der Verbrauch wird in Euro angegeben. Jumpertz will, dass das System einen Imagewandel durchlebt – vom stigmatisierenden Druckmittel zum gerne freiwillig genutzten Bezahlmodell.

Will man also zu Prepaid-Strom wechseln, ist eine Registrierung bei Energierevolte notwendig. Das Startup nimmt dann Kontakt zum bisherigen Stromanbieter auf, kündigt den Vertrag und kümmert sich um den Einbau des Prepaid-Zählers in den Zählerkasten. Denn Digitalisierung hin oder her, ohne den läuft nichts. Neigt sich das Guthaben dem Ende zu, verschickt die App eine Pushnachricht, und man kann es wieder aufladen.

Die Gefahr, sich im Dunkeln den kleinen Zeh an der Bettkante zu stoßen, weil urplötzlich der Strom abgedreht wird, ist also gering. Und wenn doch, dauert das Aufladen über Paypal oder Lastschriftverfahren nur wenige Minuten. Vielleicht ist die Zeit wirklich reif für eine neue Lösung.

Im Jahr 2018 wurde immerhin knapp 300000 Haushalten in Deutschland die Stromversorgung gekappt, oftmals weil sie sich aufgrund der Intransparenz im Verbrauch die unerwartet hohe Nachzahlung nicht leisten konnten.

Für wen eignet sich das Modell?

Jumpertz sieht allerdings auch andere Zielgruppen für das Prepaid-System. Da wären Betreiber*innen von Kleingewerben und Gaststätten, Menschen, die eine Ferienwohnung vermieten oder in WGs leben, Freelancer*innen – generell Beschäftigte, die ein unregelmäßiges Einkommen haben.

Jumpertz sagt allerdings auch, dass Energierevolte nicht flächendeckend in ganz Deutschland operiert. Dafür müssten in jeder Stadt Dienstleister*innen die Prepaid-Zähler einbauen. Aber das Startup will die Ballungszentren erobern. In Nordrhein-Westfalen, Berlin, Bremen, Bremerhaven und Hamburg ist Energierevolte verfügbar. Anfragen von weiteren Stadtwerken gibt es bereits. Und auch immer mehr Kund*innen. Gesellschafter sind die Stadtwerke Düren, Energierevolte agiert jedoch unabhängig.

Für die nächste Zeit will Jumpertz weiter optimieren und das Thema Energiesparen ausbauen. Mehr Monitoring, mehr konkrete Hilfestellung und individuelle Tipps per App.

Ob Prepaid-Strom die Lösung der Zukunft ist? Jumpertz: „Es ist nicht für alles die Lösung. Aber damit ist mal eine alternative Bezahltechnik für die breite Masse auf dem Markt, die noch Raum für weitere Entwicklungsideen bietet.“

Bastian Hosan

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