Leadership & Karriere Ana-Cristina Grohnert: „Wir können nicht nur die berücksichtigen, die laut schreien“

Ana-Cristina Grohnert: „Wir können nicht nur die berücksichtigen, die laut schreien“

Die Ex-Personalvorständin der Allianz und CEO der Charta der Vielfalt Ana-Cristina Grohnert kämpft seit über 25 Jahren für mehr Diversität in Unternehmen. Jetzt hat sie ein Buch über ihre Mission geschrieben.

Frau Grohnert, Sie sind seit über 25 Jahren in verschiedenen Führungspositionen in der Wirtschaft tätig. Warum jetzt ein Buch?

Ich habe mich immer schon für den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel in verschiedenen Vorstandspositionen engagiert. Aber ich hatte auch schon länger das Gefühl, ich müsste mal raus aus diesen Positionen und mir alles in Ruhe anschauen. Um das zu sezieren, was ich alles gelernt habe, und um es dann anderen zugänglich zu machen.

Es ist Ihr erstes Buch. Welchen Herausforderungen mussten Sie sich beim Schreiben stellen?

Ich bin keine klassische Autorin. Aber ich wollte das Buch auch nicht im typischen Stil einer Managerin schreiben. Dann hätte ich einfach die Punkte abgearbeitet und den Leser:innen vermittelt: So wird alles gut. Ich möchte die Menschen vielmehr an die Hand nehmen, eine funktionale Geschichte erzählen und gleichzeitig nah an der Wissenschaft bleiben. Bis ich diesen erzählerischen Schreibstil für mich entdeckt habe, hat es etwas gedauert.

Sie haben das Buch also in Ihrer Rolle als Managerin geschrieben?

Genau, aus dieser Perspektive möchte ich anderen mitgeben, was ich schon erlebt und gesehen habe. Ich hatte das Privileg, Karriere zu machen und als Managerin viel über unsere Wirtschaft zu lernen. Durch die voranschreitende Globalisierung, die Digitalisierung und die Herausforderungen des Klimawandels sind wir einer sehr großen Komplexität ausgesetzt. Mit meinem Buch möchte ich die Angst davor nehmen und fordere Unternehmen auf, Wirtschaft neu zu denken.

In Ihrem Buch geht es also hauptsächlich um die richtige Unternehmensführung?

Veränderungen in der Gesellschaft betreffen auch Unternehmen. Ich bin der festen Überzeugung, dass Unternehmen nur dann zukunftsfähig und wirtschaftlich erfolgreich sind, wenn sie sich diesen Veränderungen stellen. Und wenn sie tief in der Gesellschaft verankert sind. Mit Gesellschaft meine ich nicht nur die eigenen Mitarbeiter:innen, sondern auch Kund:innen und Einrichtungen wie Bildungsinstitutionen.

Wie können Unternehmen sich jetzt am besten in der Gesellschaft verankern?

Die Unternehmensführung muss Initiativen ergreifen, um den Menschen wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Es geht nicht immer um Wachstumsraten oder Kostenquoten, sondern viel mehr um Nachhaltigkeit. Nicht nur in Form von ökologischem Denken,sondern auch in Form von humanistischem Denken. Unternehmen müssen ökologisch nachhaltig handeln und denken und gleichzeitig lernen, den Menschen wieder mehr wertzuschätzen.

© Campus Verlag

Was müssen Unternehmen konkret dafür tun?

Sie müssen sich vielfältiger aufstellen. Aus intrinsischer und humanistischer Motivation heraus bin ich grundsätzlich gegen Ausgrenzung. Aber Vielfalt ist für mich auch ein großer Wirtschaftsfaktor. Nur wenn man dafür offen ist, kann man Veränderungsprozesse bestmöglich anstoßen und dazulernen. Das heißt, niemand darf ausgeschlossen werden. Jedes Individuum sollte sein Potenzial freisetzen können.

Der Schlüssel zum erfolgreichen Wirtschaften ist also Diversität?

Alle Menschen sind unterschiedlich. Das heißt auch, dass alle andere Erfahrungen machen. Diese Erfahrungen müssen wir wertschätzen. Ich möchte, dass jedes Individuum mit seinem Leistungsbeitrag sichtbarer wird. Auch wenn das Individuum introvertiert ist, müssen wir es mit einbeziehen. Wir können nicht immer nur die berücksichtigen, die laut schreien. Auch die extrovertierte Geschäftsführung kann noch etwas von den eher Introvertierten lernen. Und gerade in dieser Position hat man die Macht, anderen Sichtbarkeit zu verschaffen.

Es liegt also in den Händen der Manager:innen?

Jedes Unternehmen braucht Topmanager:innen, die die Komplexität anerkennen, annehmen und sich mit ihrem Team darüber auseinandersetzen. Früher ging es bei wirtschaftlichem Denken darum, Prozesse schneller, einfacher und kostengünstiger zu machen. Heute geht es darum, immer komplexer werdende Prozesse überhaupt zu verstehen und mit allen Individuen zu diskutieren, bis man die Balance gefunden hat. Das müssen die Topmanager:innen anstoßen.

Und daraus wird das verborgene Kapital geschöpft, das im Titel Ihres Buches vorkommt?

Wenn Unternehmen ihr Handeln verändern so, wie ich es anrege, dann können sie viel mehr erreichen, als sie es momentan tun. Nicht inklusives Handeln führt dazu, dass Unternehmen weniger Profit einbringen und schlechte Erfahrungen machen. Wenn man besser zuhört und sich um die Menschen kümmert und ihnen mehr Möglichkeiten gibt, entsteht mehr Produktivität. Und mehr Produktivität führt zu größerem Kapital.

Was kann jedes Individuum tun, um diese Produktivität mit anzustoßen?

Das sind ganz einfache Dinge, die man in jeder Position tun kann. Ein Anfang wäre zum Beispiel, den Drucker abzuschaffen, mit dem Fahrrad ins Büro zu fahren oder das Speiseangebot in der Kantine umzustellen und auf Plastik zu verzichten. Dabei geht es auch um Selbstreflexion. Wo sind meine Stärken, und wie kann ich diese nutzen, um zu handeln?

Also richtet sich Ihr Buch nicht nur an die Topmanager:innen von Unternehmen?

Es richtet sich an alle, die etwas bewirken möchten. Es ist klar, dass die Führung erst mal die Leitplanken ändern muss. Aber dann kann jedes Individuum etwas tun und Initiative ergreifen. Dann werden die Prozesse auch viel schneller angestoßen. Deswegen habe ich das Buch so geschrieben, dass alle etwas damit anfangen können.

Welchen Tipp würden Sie jungen und angehenden Manager:innen geben?

Junge Manager:innen müssen nicht sofort alles wissen. Du solltest aber die Zusammenhänge, von denen ich gesprochen habe, verstehen, um Ziele zu definieren und Leitplanken zu geben. Man muss offen sein und zuhören, um Menschen an Bord zu holen. Diese Haltung ist zukunftsfähig. Vertrauen in die Welt zu haben und mit Selbstvertrauen Handlungsräume mit anderen gemeinsam aufzubauen. Nur so kommen wir vom Wissen ins Handeln.

Dieser Text stammt aus unserer aktuellen Ausgabe 1/21. 132 druckfrische Seiten mit acht Storys über die Zukunft der weltweiten Gesundheitsindustrie. Außerdem: Start unserer neuen Serie Personal Finance, ein Besuch im ehrgeizigen Gründer-Hotspot Ostwestfalen-Lippe und die Geschichte von zwei Gründerinnen in Kolumbien, die ein weltweit agierendes Fashionlabel aufbauen. Also ab zum Kiosk oder zum Aboshop.

Das könnte dich auch interessieren

Jan Frodeno: „Ich hatte nie das Verlangen nach Absicherung“ Leadership & Karriere
Jan Frodeno: „Ich hatte nie das Verlangen nach Absicherung“
Imposter-Syndrom: Über die Tugend unterqualifiziert zu sein und die Last, sich so zu fühlen Leadership & Karriere
Imposter-Syndrom: Über die Tugend unterqualifiziert zu sein und die Last, sich so zu fühlen
Linkedin-Studie: In diesen Branchen sind die Job-Chancen momentan hoch Leadership & Karriere
Linkedin-Studie: In diesen Branchen sind die Job-Chancen momentan hoch