Leadership & Karriere Post von Czaja: Grün, grün, grün sind alle meine Dollarscheine

Post von Czaja: Grün, grün, grün sind alle meine Dollarscheine

Kolumne von Dominic Czaja

Maximales Augenverdrehen, wenn die Wirtschaft Green-Anliegen kommuniziert. Trotzdem sieht Business Punk-Kolumnist Dominic Czaja hier große Chancen.

Liebe Lesende, grün, grün, grün sind alle meine Kleider. Bio-Baumwolle, Fairtrade-Siegel und transparente Lieferketten sind in den letzten Jahren in der Fashion-Industrie mehr Selbstverständlichkeit als Besonderheit geworden. Selbst die größten Konzerne lenken ein und tun alles dafür, in den nächsten Jahren ihre komplette Produktion zu überarbeiten und vollständig auf bessere Bedingungen umzustellen. Nachhaltigkeit ist der Trend der Saison.

Grün, grün, grün ist alles, was ich hab. Aber auch bei Autos, Energie und vielen anderen ressourcenintensiven Branchen ist auf einmal der Knoten geplatzt. Die Verbrennungsmotor-Entwicklung wird eingestellt, Ladesäulen werden über die Republik gestreut wie früher Telefonzellen. Die Revolution ist da. Die Köpfe der alteingesessenen Denkmuster werden guillotiniert, der Verstand des Vorstands sieht, was er sehen muss: Es ist Zeit. Das Volk verlangt, die Umwelt dankt.

Darum lieb ich alles, was so grün ist, weil mein Antrieb Dollarscheine sind. Moment mal, bedeutet das, dass nicht ausschließlich im Sinne der Eco-Friendliness gehandelt wird? Ist Elon gar kein Umweltengel? Heißt das, dass alle anderen Entscheider:innen ihre ursprünglichen Pläne nicht für Mutter Natur eingeäschert haben, sondern wieder nur für die Asche? 

No company’s perfect. Schon der Systemfehler Ressourcenverbrauch verbietet es jeder noch so nachhaltig eingestellten Unternehmung, wahrhaftig nachhaltig zu sein, sobald sie eine kritische Größe erreicht, aber entscheidend ist der Faktor Bewusstsein, der sich mit dem Prinzip der Gewinnmaximierung kreuzt: „Wir wollen euer Geld – aber nicht um jeden Preis“ müssen sich ab jetzt alle Unternehmen in die Marmorböden ihrer Vorstandsetagen meißeln. Wenn man den Shareholder-Value mit Shared Values mixt, entsteht ein Cocktail, den man bedenkenlos allen Anwesenden der Jahreshauptversammlung reichen kann, wenn man sie richtig begleitet und auch ihnen die Vorteile einer ausbalancierten Unternehmensstrategie schmackhaft macht. (Meine Erfahrung zeigt, dass die Hilfsbereitschaft in Organisationen durch alle Ebenen hinweg steigt, wenn alle Ebenen einbezogen werden und die Hilfe erlebbar gemacht wird.) 

Niemand braucht noch profitablere Unternehmen. Was wir brauchen, sind Unternehmen, die sich ihrer Einflussmöglichkeiten bewusst sind und von diesen Gebrauch machen. Sie haben die Macht, Zeichen zu setzen, die ganze Systeme neu ausrichten und sie wieder mit ihren wichtigsten Stakeholder:innen verbinden können – den Menschen innerhalb und außerhalb ihres eigenen Systems. Wenn die Wirtschaft ihre dominante Stellung im Dreieck zwischen sich, der Politik und dem Konsumenten nicht aufgeben möchte, sollte sie daher vor allem proaktiv Impulse setzen, die zu einem besseren gesellschaftlichen Miteinander und einem schonenderen Einsatz von Naturkapital führen, und somit selber für Angebot sorgen, bevor es die Nachfrage gibt. Für die Player, die sich dabei am mutigsten und innovativsten zeigen, wird die Natur nicht nur Regenbögen scheinen lassen, sondern wird am Ende auch der Goldtopf warten.

Übrigens: „social and eco-conscious capitalism“ ergibt – Stand heute – erst einen Treffer in der Google-Suche. Sie sind alle herzlich eingeladen, das zu ändern. Produce responsibly. Buy responsibly.

Dominic Czaja: Als Co-Gründer der Kreuzberger Agentur DOJO hat unser Kolumnist in den letzten Jahren für eine ungewohnte, oft überraschende Ehrlichkeit in der Branche gesorgt.

Es ist wieder soweit: Unsere neue Ausgabe ist da. 172 druckfrische Seiten mit einer Menge Storys und Persönlichkeiten zum Dossier-Thema „Green“. Außerdem: Wie ein Podcaster eine eigene Pasta-Sorte schafft, wie ein Gründer:innen-Netzwerk in Südafrika Artenschutz vorantreibt und wie David Brunier die am schnellsten wachsende Kaffeekette der Welt baut. Ab zum Kiosk oder zum Aboshop.

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