Innovation & Future Ebow, was haben Rap und Architektur gemeinsam?

Ebow, was haben Rap und Architektur gemeinsam?

Sie reißt das Feuilleton zu poetischen Vergleichen hin: „Zeit Online“ schrieb, Ebow breche „ihre Aussagen auf Schlüssel-, Schlag- und Stichwortketten herunter, deren Effekt schwindelerregend ist“. Und „ihr Rap ist eine Schnittstelle zwischen Akademie und Straße“, hieß es im Berliner „Tagesspiegel“. Der „Musikexpress“ schwärmte von „minimalistischen Raptracks, die immer tight, nie aber totproduziert klingen“. Ebru Düzgün, wie Ebow bürgerlich heißt, ist aber nicht nur Rapperin, sondern auch studierte Architektin.

Normales Café- oder Konferenzraum-Interview? Zu statisch. Stattdessen passt ein ausgiebiger Stadtspaziergang durch die Wahlheimat Berlin viel besser zum Thema. Start in Schöneberg, nicht weit vom Gleisdreieck, wo einer von Ebows Lieblingsbauten in der Hauptstadt steht.

Wir stehen hier „Am Lokdepot“ in Berlin-Schöneberg, einem Wohnungsbauprojekt in Feuerwehrrot, mit großen Fenstern, vielen rechteckigen Formen. „Städtebaulich und architektonisch ein Ausrufezeichen“, schreibt die „Bauwelt“. Warum wolltest du dich hier treffen?

Zuerst habe ich an große, öffentliche Gebäude gedacht, vielleicht die Nationalgalerie. Aber dann habe ich gemerkt, dass mich Wohnungsbauten im Studium am meisten fasziniert haben. Und es ist einfach eines der schönsten Gebäude Berlins.

Hier kann man aus drei verschiedenen Wohntypen wählen, das Haus basiert auf einem Rasterkonzept: 3,5 auf 3,5 Meter, die verschiedene Anordnungen ermöglichen.

Das ist wichtig für die Zukunft des Wohnens. Dass man sich vergrößern oder verkleinern kann. Weil die Baustruktur das ermöglicht. Das Problem ist ja, dass ein bestimmter Wohnraum für Menschen irgendwann nicht mehr passt. Meinen Master habe ich in Wien gemacht, in Österreich hat der öffentliche Wohnungsbau eine ganz andere Bedeutung als hier. Da haben wir sogar Vorlesungen von Punks gehabt, die haben uns Hausbesetzungen erklärt. In meinem Bachelor in München haben wir Wohnräume designt, die sich keiner von uns hätte leisten können.

Was verbindet Rap und Architektur, deine beiden Kunstformen?

Ich bin letzten Endes ins Architekturstudium reingekommen, weil ich eben auch Musik mache. Der letzte Schritt in den Aufnahmeprüfungen war nämlich ein Gespräch mit dem Professor. Ich habe ihm erklärt, dass ich kreatives Arbeiten schon kenne. Dass ich weiß, wie man in Gruppen arbeitet. Und dass ich immer wieder Prozesse neu anfangen kann. Dass ich weiß, was es bedeutet, bis fünf Uhr morgens im Studio zu sitzen und nicht aufzugeben. Da hat er mir gesagt, dass ich das Studium schaffen würde. Weil es in der Architektur ähnlich zugeht: Gruppenarbeit, Deadlines, immer wieder neu anfangen müssen.

Wie viel gibst du beim Prozess ab, wenn du ein neues Album veröffentlichst?

Ich habe früher alles selbst gemacht: Musikvideos geschnitten, Verträge selbst ausgehandelt, für mich selbst gebucht und PR gemacht. Ich kenne also die Prozesse. Heute will ich das alles nicht mehr selbst machen. Ich kann es aber durch meine Erfahrungen besser kommunizieren – und das ist toll.

Der große Unterschied zwischen Architektur und Rap: Als Rapperin bist du sehr präsent.

Ja, ich bin letztendlich das Produkt. Beim Entwerfen eines Hauses erstellst du das Produkt und bist das Genie dahinter. Auch wenn der Gedanke so nicht wahr ist – das sind ja immer riesige Teams.

Was ist für dich als Architektin wichtig?

Dass die Bauten flexibel sind, dass sie sich an die Menschen anpassen. Wir können nicht wissen, wer dort wohnen wird, was diese Menschen brauchen werden. Es gibt da zum Beispiel ein Projekt in Mexiko von Tatiana Bilbao. Soziale Bauten, nur zwei Geschosse. Die Bewohnerinnen passen sie an ihre Bedürfnisse an. Man muss das schon bei der Planung bedenken: Mitgestaltung. Dass man eigentlich nur ein Grundgerüst baut, das die Menschen fertigstellen. Das würde in Deutschland natürlich nicht funktionieren, weil wir hier so viele Bauvorschriften haben.

Sollte es andere Modelle für Wohneigentum geben?

Früher war es noch möglich, dass man aus der Mittelschicht kommt und sich ein Haus kauft. Aber das wird es in unserer Generation gar nicht mehr gehen. Wir können nur mieten. Es muss einfacher sein, Wohnungen zu tauschen. Nicht mehr so an einen Ort gebunden zu sein. Jetzt erst mal unabhängig davon gedacht, dass es manchen Menschen gar nicht möglich ist, einfach so die Stadt zu wechseln.

Jetzt kommen wir an typischen Berliner Wohnbauten der 1920er-Jahre vorbei. Ein paar besondere dieser Projekte wie zum Beispiel die Hufeisensiedlung sind sogar Weltkulturerbe. Haben die Köpfe dahinter die Bedürfnisse der Bewohnerinnen mitbedacht?

Schon. Diese Architekten haben zu der Zeit aber auch jeweils ihre spezifische, große Vision vom Wohnungsbau verwirklicht. Es ist dabei die Frage: Wer designt so was und für wen?

Also zu viel Ego in den Entwürfen?

Natürlich! Wobei, da gab es dann auch eine Margarete Schütte-Lihotzky, die ganz intensiv darüber nachgedacht hat: Was für eine Art von Wohnung braucht „frau“? Auf sie geht die sogenannte Frankfurter Küche zurück: Die sollte so gestaltet sein, dass man darin viel einfacher kochen kann. Insofern ist es natürlich trotzdem eine überkommene Sichtweise von damals: Es lag der ganzen Idee zugrunde, dass die Frau meistens in der Küche ist. Die dann funktionaler zu gestalten war das Ziel.

Was fehlt dir in der Architektur?

Im Studium wird immer noch ein Le Corbusier gehypt. Und wir lernen, so zu entwerfen wie er. Da werden gewisse Fragen nicht mitgedacht: Wenn es über einzelne Personen hinausgeht, die dort wohnen sollen, also Fragen von Gemeinschaft.

Was genau stört dich an Le Corbusier, dem Urvater der modernen, quadratischen Stadt?

Wir leben hier so, als sei es normal, dass wir unser eigenes Zimmer haben. Aber ein Großteil der Welt lebt in nur einem Zimmer mit mehreren zusammen, auf kleinster Fläche. Diese Situation hatte ich selbst auch. Aber da ist voll schön zu sehen, dass Privatheit nicht räumlich abgegrenzt sein muss. Sie ist auch etwas Zwischenmenschliches. Wenn man so lange mit Familie et cetera zusammenwohnt, dann entwickelt man ein Gefühl für sein Umfeld. Dafür, ob sie Space brauchen. Weil du nicht aus einer Situation ausbrechen kannst, in dein eigenes Zimmer gehen und die Tür hinter dir schließen. Bei Le Corbusier war die Idee hinter seinen Entwürfen die Wohnmaschine. Aber Wohnen, Zusammenleben funktioniert nicht wie eine Maschine.

Auf engem Raum mit vielen Menschen zusammenzuleben bringt einen das eher dazu, Position zu beziehen, sich zu verteidigen?

Nein, gar nicht. Ich habe Vertrauen entwickelt, dass die anderen Personen einem den Raum geben, den man braucht. Und dass man von seinem eigenen Raum abgibt, damit sie bekommen, was sie brauchen. Dafür entwickelt man untereinander eine nonverbale Sprache.

Ich will nicht die sein, die dich zum Wein’n bringt

Lass mich die sein, die kommt und Wein mitbringt

Ebow in „Trouble“

Le Corbusier ist also nicht das ideale Vorbild. Welche Architekten begeistern dich?

Valerio Olgiati. Seine Gebäude sehen so aus, als kämen sie direkt aus einem natürlichen Ursprung. Eine unserer ersten Aufgaben schon im Studium war: Designe ein Gebäude der Zukunft. Lange dachte ich, dass wir in Zukunft so bauen würden, wie man das in Musikvideos oder Filmen der 2000er gesehen hat. Aber dabei sind wir doch alle längst übersättigt von diesem Futurismus, von diesem minimalistischen Design. Wir werden zur Natur zurückgehen. Vielleicht hat die Pandemie dieses Gefühl noch mal verstärkt.

Das macht Oligiatis Werke aus?

Olgiati macht genau das: Bauten wie aus der Natur. Klare Strukturen, keine weichen, organischen Formen. Das Natürliche kommt durch die Materialien und dadurch, wie die Räume geöffnet sind, wie sie geschlossen sind. Das hat etwas sehr Natürliches, ohne es dir unter die Nase zu reiben. Eigentlich ist Architektur immer auch ein bisschen Makel in der Natur. Ich finde es krass, zu schaffen, dass ein Bau so eins damit wird.

Wenn wir hier so durch Berlin laufen, vermisst du München manchmal?

Schon, aber nicht die Stadt selbst, sondern meine Familie in München, die Menschen. Ich könnte dort nicht leben, nicht als junge Frau. Weil es so glatt ist. Es passiert nicht viel. Und dann noch das Thema Wohnraum: Den findet man dort nicht. Selbst wenn du einen Job hast. Zahlst viel Miete, aber trotzdem hast du nur wenig Platz. 800 Euro für ein Zimmer, das ist in München normal. Also noch schlimmer als hier in Berlin. Gebaut wird zwar viel, aber vor allem Luxus. Und die Häuser stehen dann oft leer.

Ebows viertes Album „Canê“ erschien am 18. März 2022.

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