Life & Style Wie die Plattform Gavel Live-Shopping von Sammelkarten neu denkt

Wie die Plattform Gavel Live-Shopping von Sammelkarten neu denkt

Live-Shopping der etwas anderen Art: Auf der Plattform Gavel verkaufen Fans per Live-Auktion Spiel- und Sammelkarten von Pokémon und Co. Wie wird aus wattiger Nostalgie hartes Cash?

Der Schulhof als Börse: Zweimal am Tag traf man sich zwischen den Unterrichtsstunden mit Mitschüler:innen zum großen Sammelkartentausch. Pokémon, Yu-Gi-Oh!, Star Wars, sogar Diddl-Blätter waren heiß begehrt. Es waren fast schon Businessstrategien, die man sich als Kind da überlegen musste, um abzuräumen. Und heute, Jahrzehnte später, verstauben die Dinger im Schrank. Zumindest bei den meisten. Doch bei manchen hat der Hype tatsächlich nie ein Ende genommen.

Sagt auch Marvin Musialek: „Der Hype um Pokémon und Co. existiert seit 25 Jahren, stetig wachsend“, sagt er. Die Firma Pokémon käme mit dem Nachdrucken von Sammelkarten gar nicht mehr hinterher, so groß sei die Nachfrage. Laut Musialek soll die Franchise Pokémon mehr wert sein als Star Wars oder Marvel.

Musialek ist Co-Gründer und CEO von Gavel, einer App, über die Live-Auktionen von Sammel- und Spielkarten stattfinden. Musialek hat vor Gavel bereits mehrfach gegründet, vorrangig mit dem Ziel, Kleinbetriebe zu unterstützen. Sein Co-Gründer Florian Bräuer hat ebenfalls mehrere Gründungen hinter sich, lernte schon mit zehn Jahren programmieren. Seine Fachgebiete: Webseiten, Apps, Online-Kaufräume, Live-Auktionen. „Wir hatten beide einen Rucksack voller Learnings und wollten genau diese nutzen, um gemeinsam etwas Großes, Wichtiges aufzubauen“, sagt Bräuer.

Die beiden Co-Founder von Gavel: Florian Bräuer und Marvin Musialek

Das gemeinsame Startup Gavel ist vor etwas mehr als einem Jahr gelauncht. Der erste Versuch: eine Werbeplattform, über die KMUs Werbung einfach selbst gestalten können. „Und das mit wenig Klicks“, sagt Musialek, denn das Thema sei für die Kundschaft grundsätzlich eher komplex. Die Ersten am Start waren Fashionshops und Comicstores. „Wir haben jedoch schnell gemerkt, dass die Kunden nicht nur mit der Werbung, sondern mit dem Aufbau eines Onlineshops an sich überfordert sind“, sagt Musialek. Ein Grund, um das Konzept Gavel noch mal zu überdenken.

Zur gleichen Zeit wurden die beiden Gründer über einen Zeitungsartikel darauf aufmerksam, dass David Hasselhoff alten Kram per Live-Auktion verkaufte. Musialek war begeistert, in seiner Vorstellung stand David Hasselhoff in Tiktok-Manier vor der Kamera und präsentierte seine Schätze im Live-Stream, doch dem war wohl nicht so, sagt Musialek: „Wir waren schon enttäuscht, das sah alles eher nach klassischer Ebay-Auktion aus.“

Also entwickelten Musialek und Bräuer einfach selbst ein Tool, das ihrer eigentlichen Vorstellung entsprach. Nach drei Wochen war der Prototyp geboren – und Gavel hatte ein neues Konzept. Mit diesem Prototyp führten die Gründer erste Live-Auktionen mit verschiedenen Comicstores durch. „Das kam super an, also sind wir dabeigeblieben und haben das Produkt seitdem nur weiter ausgebaut“, sagt Musialek.

Ein Blick in die Live-Auktionen von Gavel

Pro Tag finden auf der Plattform ungefähr 15 Live-Streams statt, mit meist zwischen 20 und 40 Teilnehmenden pro Auktion. Die Nachfrage sei sehr groß, die Warteliste an Verkäufern lang. Gavel verdient in gewohnter Plattformmanier an jedem Sale mit: „Für jedes verkaufte Objekt gibt es eine kleine Gebühr von sieben Prozent, die wir für uns behalten“, sagt Musialek.

Die eigentliche Anwendung funktioniert dabei ähnlich, wie man es etwa von der Auktionsplattform Whatnot kennt, über die neben Sammelkarten auch Sneaker, Uhren, Food und mehr versteigert werden: Ein angemeldeter Verkäufer kann einen eigenen Live-Showroom eröffnen, interessierte Käufer:innen können eintreten und auf die jeweiligen vorgestellten Objekte bieten.

Erinnert alles an ein Instagram-Live. Der Veranstalter hält die Objekte in die Kamera, alle anderen kommunizieren per Chat. Die Usernamen scheint man alle bei Xbox Live schon mal gelesen zu haben: mal kreativ, mal albern, meist anonym. Die meisten Live-Kommentare kommen schlicht per Emojis als Reaktion auf die Objekte. Und bei denen handelt es sich eben vor allem um Sammel- und Spielkarten, Pokémon, Magic und Yu-Gi-Oh! sind sehr beliebt.

Die alternative Anlageform

Wie bei allen anderen Reselling-Plattformen stellt sich auch bei Gavel die Frage, wie Echtheit gewährleistet wird. Das Unternehmen setzt dazu auf einen umfangreichen Screening-Prozess für all die, die sich als Verkäufer:in anmelden wollen. Passiert dennoch ein Scam – egal ob absichtlich oder unabsichtlich –, gibt es für die Käufer:innen eine Geld-zurück-Garantie.

Keine schlechte Idee bei den Beträgen, die teilweise für eine Karte gezahlt werden. Die Preise beginnen bei freundlichen 2 Euro – und gehen nicht selten hoch auf 2.000 Euro. „Viele junge Menschen sehen die Karten als alternative Anlageform“, sagt Musialek. Die Karten haben in den letzten Jahren eine enorme Wertsteigerung verzeichnet, besonders rare Exemplare aus den Anfangstagen von vor 25 Jahren.

Gavel richtet sich aber nicht vorrangig an Fans von damals, die bald ihrer Midlife-Crisis Herr werden wollen, sondern vor allem an Gen Z und Young Millennials. Musialek sagt: „Genau diese Generation ist es gewohnt, immer alles sofort zu bekommen. Man soll nicht wie bei Ebay zwei Wochen warten müssen.“

Auf dem digitalen Pausenhof

Bei den Live-Auktionen von Gavel soll also alles schneller gehen als gewohnt. „Wir wollen den Käufern und Verkäufern das beste Live-Streamen ermöglichen“, sagt Bräuer. In den Möglichkeiten der Technologie sieht er neue Chancen, um das Kaufverhalten einer ganzen Gesellschaft beeinflussen zu können: „Derzeit kauft man online sehr emotionslos, oft, wo es am billigsten ist. Das wollen wir ändern. Menschen kaufen nämlich eigentlich am liebsten von Menschen.“

Stichwort Nostalgie, oder noch besser: Pausenhofnostalgie. Karten, die Erinnerungen an die eigene Kindheit wecken. Karten, die für viele mittlerweile den Madeleine-Effekt auslösen, für andere hingegen im Kleinen Konzepte der Wirtschaftswelt wie Handel und Wertzuwachs verbildlichen. Und wie immer seit der Erfindung des Internets gilt: Mag das Thema auch nischig sein, der Markt ist trotzdem riesig. Der digitale Pausenhof wird immer und immer größer.

Dieser Text stammt aus unserer Ausgabe 3/22. In unserem Dossier dreht sich dieses Mal alles um das Thema Climate-Tech. Auch mit dabei: Wie der Head of Hiphop dem Streamingriesen Apple Music endlich eine junge Zielgruppe zuführen soll. Außerdem: Was passiert im Super Startup Adventure Camp Barcelona? An welcher veganen Alternative arbeitet das Food-Tech-Startup Perfeggt? Und vieles mehr. Hier geht es zur Bestellung

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