Productivity & New Work World Mental Health Day: Was Führungskräfte für die mentale Gesundheit tun können

World Mental Health Day: Was Führungskräfte für die mentale Gesundheit tun können

Ein Gastbeitrag von Laura Henrich, CEO von Klenico

Müssen wir im Jahr 2022 wirklich noch über mentale Gesundheit sprechen? Oder ist denn nicht inzwischen den meisten Menschen klar, dass sie genauso wichtig ist, wie unsere körperliche Gesundheit und dass wir erkranken können? Auf den ersten Blick scheint es so, als ob die Themen Burnout und Depression in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen sind und eine ähnliche Sichtbarkeit und Akzeptanz, wie beispielsweise Migräne oder Rückenschmerzen haben.

Vor allem durch die für viele außergewöhnlichen Belastungen der Corona-Pandemie war das Interesse groß zu erfahren, wie es gelingen kann, mental stabil zu bleiben. Es gibt wahrscheinlich kein reichweitenstarkes Medium, in dem nicht erklärt wurde, mit welchen Selfcare Hacks ich gut durch die Pandemie komme und ab wann es hilfreich ist, sich um einen Therapieplatz zu kümmern. Aktuell können wir ähnliche Artikel lesen, die uns helfen wollen, durch die Gaskrise oder auch einfach “nur” durch die grauen Wintertage zu kommen. Soweit, so normal.

Bekannte Unternehmerinnen und Investorinnen wie Diana zur Löwen und Lea-Sophie Cramer sprechen auf Instagram offen über ihre Mental Breakdowns und dass sie deshalb regelmäßig zur Therapie gehen. Kurt Krömer, einer der beliebtesten deutschen Komiker, stand dieses Jahr schon auf Platz eins der Spiegel Bestsellerliste mit seinem Buch: “Du darfst nicht alles glauben, was du denkst: Meine Depression”. Er spricht darin über seine persönlichen Erfahrungen mit der psychischen Krankheit, über Panikattacken und Klinikaufenthalte. Wichtige Beiträge, damit noch mehr Menschen sich eingestehen können, dass sie Hilfe brauchen. Das macht doch alles Hoffnung.

App auf Rezept

Wie aber sieht es mit der Angebotsseite aus? Finden Betroffene denn schnell Unterstützung? Auch hier gibt es erst mal gute Nachrichten: Ende 2019 wurde das Digitale-Versorgung-Gesetz verabschiedet. Seitdem können Ärztinnen und Ärzte Apps auf Rezept verschreiben, auch solche, mit denen wir uns um unsere mentale Gesundheit kümmern können. Laut Katalog des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte sind bereits vierzehn Angebote aufgenommen und frei wählbar. Darunter sind HelloBetter und Selfapy, digitale Therapie-Programme, die bei der Bewältigung einer Depression, Angst- oder Panikstörung unterstützen.

Durch den im Gesetz geregelten vereinfachten Zugang zu einer ärztlichen Videosprechstunde, wird außerdem etwas dafür getan, dass Betroffene es leichter haben ärztlichen Kontakt aufzunehmen und zu halten. Insbesondere bei akuten depressiven Episoden ist das eine enorme Erleichterung. Statt vor die Türe gehen zu müssen, um dann in einem möglicherweise überfüllten Wartezimmer Platz zu nehmen, muss ich es nur schaffen den Laptop aufzuklappen. So einfach kann ich inzwischen auch etwas für meine mentale gesundheitliche Vorsorge tun.

Die Meditationsapp Headspace beispielsweise hat sich mit dem Streamingdienst Netflix zusammengetan und bietet eine spielerische Einführung in das Thema ein. Ich kann also ganz gemütlich auf der Couch bleiben und dabei meditieren. Einfacher geht’s nicht. Braucht jetzt also noch jemand den World Mental Health Day?

Leider ja. Als langjährige Expertin im Digital-Health-Bereich spreche ich mit sehr vielen Führungskräften darüber, wie Unternehmen ihre Mitarbeitenden unterstützen können, mental gesund zu bleiben und da zeigt sich ein ganz anderes Bild. Besonders dieses Statement der HR-Verantwortlichen eines DAX-Konzerns ist mir in Erinnerung geblieben: „Ich habe in den 20 Jahren, in denen ich hier angestellt bin, niemanden kennengelernt, der unter psychischen Beschwerden leidet”. Erst mal hat mich das total geschockt. Das klingt, als würde die Depression jeweils auf den Feierabend warten. Oder als wäre niemand depressiv, der beruflich erfolgreich ist.

Was Unternehmen tun können

Die Zahlen sprechen eine andere Sprache: In Deutschland sind jedes Jahr rund 28 Prozent oder fast 18 Millionen Erwachsene von einer psychischen Erkrankung betroffen. Noch erschreckender finde ich, dass Betroffene durchschnittlich sechs Jahre warten, bevor sie sich entschließen einen Arzt oder eine Ärztin aufzusuchen. Das ist ein langer, gefühlt einsamer Leidensweg, währenddessen der Krankheitsverlauf meistens noch schwerer wird. Was können Unternehmen also tun, damit eine Depression oder andere Erkrankungen für Mitarbeitende entstigmatisiert und besprechbar werden? Wie können sie die psychische Gesundheit für Angestellte fördern?

Gerade Führungskräfte können beim Thema psychische Erkrankungen mit gutem Beispiel vorangehen und es auf die Agenda bringen. Wenn ich als Mitarbeitende in einem Team weiß, dass mein Vorgesetzter oder meine Vorgesetzte selbst damit gekämpft hat, fällt es mir leichter, ebenfalls darüber zu sprechen, zum Beispiel im geschützten Rahmen eines Feedback-Gesprächs. Klar, nicht jede Führungskraft leidet an Depressionen oder Angstzuständen, zum Glück, deshalb braucht es natürlich darüber hinaus einen neuen Standard für Halbjahres- und Jahresgespräche. Es geht letztlich darum nicht nur auf die erbrachte Leistung eines Einzelnen zu schauen, sondern auch auf dessen Wohlbefinden. Unter welchem Druck wurden die erfüllten Ziele erreicht? Wie gut konnte mit diesem Druck umgegangen werden? Wie sehr fühlen sich Mitarbeitende also gerade von ihren Aufgaben belastet?

Für alle einfacher wird es, wenn ein Unternehmen konkrete Angebote machen kann, aus denen Mitarbeitende auswählen dürfen. Jedem hilft ja etwas anderes. Für manche ist es entlastend, wenn sie Zugang zu Maßnahmen der Burnout-Prävention erhalten, andere fühlen sich vielleicht eher durch ein individuell begleitendes Coaching unterstützt. Für alle, die sich noch nicht trauen, diese Art von Unterstützung anzunehmen, kann es hilfreich sein, Gesundheitstage zu organisieren. Dann muss sich niemand überwinden und als hilfebedürftig “outen”, schließlich informieren sich alle anderen Kollegen und Kolleginnen ebenfalls zu psychischer Belastung am Arbeitsplatz. 

Laura ist Expertin im Digital-Health-Bereich und CEO von Klenico. Das 2015 gegründete Startup hilft Menschen mit psychischen Beschwerden, indem es dank intelligenter Technologie eine korrekte Diagnose und schnellere Behandlung ermöglicht. ©Klenico

Gerne übersehen wird aktuell oft noch, dass die Strukturen in Unternehmen mitverantwortlich für den enormen Druck bei den Mitarbeitenden sein können und psychische Erkrankungen begünstigen. Es braucht also noch mehr Mut von den Verantwortlichen, mal genauer hinzuschauen. Mit Tools wie Mitarbeiterbefragungen, Interviews oder Analyse-Workshops können Organisationen herausfinden, wie der Status überhaupt ist und dann Maßnahmen definieren, wie sie mehr für die Gesundheit ihrer Angestellten tun können.

Während der Pandemie haben sich beispielsweise viele an das Homeoffice gewöhnt und wünschen sich hier weiterhin mehr Flexibilität. Andere wiederum können es kaum erwarten, ins Büro zurückzukehren, weil sie die örtliche Trennung von Job und Privatleben schätzen. Diese Unterschiede gilt es jetzt nicht wieder gleichzumachen, sondern anzunehmen. Es braucht also beides: ein unternehmensweit gut aufgestelltes Gesundheitsmanagement, das psychische Beschwerden berücksichtigt und eine möglichst flexible Organisationsstruktur, die unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht wird.

Der Kulturwandel hin zu einer Arbeitswelt, in der Depression auch vor Feierabend schon stattfinden darf, dauert wahrscheinlich noch ein paar Jahre. Aber ich blicke trotzdem optimistisch in die Zukunft. Gerade im digitalen Healthcare-Bereich werden wir noch viele Innovationen sehen, die den Umgang mit psychischen Erkrankungen insgesamt weiter verbessern. Es gibt bereits verschiedene Startups, wie Verily oder Quantactions, auf dem Markt, die mit dem Smartphone Hinweise auf psychische Erkrankungen finden können. Dafür werden die individuellen Nutzungsdaten ausgewertet und das Tipp-, Swipe-, und Scrollverhalten, aber auch Text- und Sprachnachrichten berücksichtigt.

Es wird also für alle leichter, sich besser und frühzeitig um ihre psychische Gesundheit zu kümmern. Nur darüber offen zu sprechen, das kann uns bis jetzt noch keine App abnehmen. Der World Mental Health Day könnte ein Anlass sein, sich zu trauen und damit anzufangen.

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