Productivity & New Work Unser Kolumnist Nico Rose über Trauer und Abschied in Startups

Unser Kolumnist Nico Rose über Trauer und Abschied in Startups

Eine Kolumne von Nico Rose

Ben & Jerry’s ist ein besonderes Unternehmen: Die Firma produziert nicht nur verflucht leckeres Eis, sondern pflegt auch eine spezielle Unternehmenskultur. Eine Marotte finde ich wirklich bemerkenswert: Ben & Jerry’s hat einen Eissortenfriedhof. Er existiert physisch am Standort in Vermont und in virtueller Form überall auf der Welt. Nun weiß man aus der Werbung, dass das Unternehmen vieles (und sich selbst) nicht so ganz ernst nimmt. Doch der Friedhof zeugt, wenn auch augenzwinkernd, von einer hohen emotionalen Kompetenz.

In vielen Unternehmen gibt es Feelgood-Manager:innen. Die sollen dafür sorgen, dass es den Mitarbeiter:innen gut geht und sie Spaß bei der Arbeit haben. Doch das menschliche Emotionsspektrum ist breiter als das, was durch Feelgood-Management abgedeckt wird: Wir ängstigen uns, wir wüten – und trauern, wenn jemand oder etwas, das uns ans Herz gewachsen ist, unser Leben verlässt. Meine Beobachtung: Die meisten Unternehmen sind schlecht darin, Trauer zu erkennen, geschweige denn, sie anzuerkennen und zu integrieren. Natürlich gibt’s Schnittchen und ein Glas Sekt-O-Saft halb und halb, wenn eine verdiente Kollegin das Unternehmen verlässt. Tiefer geht’s oft nicht.

Trauer ist ein alltägliches Phänomen

Trauer ist eine in die Vergangenheit gerichtete Emotion. Das passt so gar nicht auf die kommunikative Agenda der meisten Unternehmen, die doch in aller Regel in eine strahlende Zukunft weisen soll. Es wird erwartet, dass sie die Vergangenheit auf Weisung hin – manchmal binnen weniger Stunden – ad acta legen. Ein Teil des Unternehmens wird verkauft? Ein Projekt, an dem man Jahre gearbeitet hat, wird (metaphorisch) begraben? „Mund abwischen und weitermachen“, hieß es bei meinem früheren Arbeitgeber. Aber ist das so einfach möglich?

Die Verantwortlichen von Ben & Jerry’s haben erkannt, dass Trauer ein ganz alltäglicheres Phänomen ist. Menschen binden sich an Dinge, an Ideen, an Orte und vieles mehr. Auch Projekte, Aufgaben und Verantwortlichkeiten können uns an Herz wachsen. Nicht umsonst sprechen wir manchmal von unseren arbeitsbezogenen Babys.

Der Eissortenfriedhof hat denn auch zwei Adressaten: Zum einen richtet er sich an die Kund:innen. Manchmal werden einstmals erfolgreiche Sorten vom Markt genommen, weil sich der Geschmack der Massen anders entwickelt hat. Auf dem Friedhof kann man sich von einer geliebten Eissorte verabschieden. Zum anderen sind dort auch Varianten begraben, die es gar nicht oder nur kurz auf den Markt geschafft haben. Natürlich könnte man auch hier „Mund abwischen und weitermachen“ sagen, aber die Verantwortlichen haben erkannt, dass ein solches Vorgehen respektlos ist – zumal wenn viele Menschen, manchmal über Jahre, Zeit und Energie in ein gemeinsames Projekt gesteckt haben.

Auch für Startups spielen Trauerprozesse eine wichtige Rolle, selbst wenn man sich erst am Anfang des unternehmerischen Lebenszyklus wähnt: Da geht möglicherweise bald jemand aus dem Gründungsteam von Bord und hinterlässt eine Lücke. Da erkennt man vielleicht, dass das ursprüngliche Geschäftsmodell nicht trägt, und macht einen Pivot hin zu etwas Neuem. Da merkt man mitunter, dass mit dem 30. Mitarbeiter ein neues Klima entsteht, das sich mehr nach Mittelstand anfühlt. Diese Beispiele und viele mehr können Trauer in uns auslösen. Die will gehört und in einem angemessenen Rahmen ausgelebt werden.

Das vollzieht sich unter anderem in Ritualen: einem feuchtfröhlichen Ausstand, einem Festakt oder eben einer anrührenden Beerdigung. Wir brauchen diese Bilder im Kopf. Sie helfen uns, Veränderungen zu begreifen und emotional zu verarbeiten. Ergo: Warum nicht mal ein veraltetes IT-System feierlich in den Ruhestand verabschieden? Warum nicht eine gescheiterte strategische Initiative metaphorisch einäschern? Warum nicht eine unprofitable Produktlinie in Würde begraben? Auf diese Weise werden Energien zurückgewonnen, die es zur Gestaltung der Zukunft dringend braucht.

Dieser Text stammt aus unserer Ausgabe 5/22. Wir haben 7 Hot Takes zur Karriere von morgen, die euch Feuer geben, ohne dass der Burnout droht. Außerdem: iPod-Macher Tony Fadell über Parties mit Steve Jobs, ferngesteuerte Spermien, Lush-Seifenoper mit Gründer Mark Constantine. Hier geht es zur Bestellung – oder ihr schaut am Kiosk eures Vertrauens vorbei.

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