Productivity & New Work Jurist:in zum Ausleihen: So verändert sich die Rechtsbranche

Jurist:in zum Ausleihen: So verändert sich die Rechtsbranche

Ein Haufen Akten, wenig Schlaf, Überstunden, Perfektion: Ungefähr so stellt man sich das Arbeitsleben von Jurist:innen vor – zumindest wenn man nach dem Klischee geht. Klar, dass gerade die Gen Z, die bekanntlich großen Wert auf eine geregelte Work-Life-Balance legt, immer weniger Interesse an diesem Beruf hat. Dabei ist auch die Rechtsbranche weiter, als es das Vorurteil nahelegt.

Warum der Job als Jurist:in auch flexibel, remote und ohne 60-Stunden-Woche funktioniert, weiß Richard Ossen, Gründer von Flex Suisse. Das Schweizer Unternehmen vermittelt Jurist:innen auf Projektbasis für Aufträge an große Unternehmen. Eine Arbeitsweise, die in den USA bereits Trend sein soll. Wir haben mit Richard Ossen über den Alltag von Projektjurist:innen und das Umdenken in der verstaubten Branche gesprochen.

Herr Ossen, es heißt, in den USA arbeiten Jurist:innen bereits wie ITler:innen. Was bedeutet das konkret?

Der Rechtsmarkt ist flexibler geworden. Die IT-Branche setzt bereits die letzten 20 Jahre mehrheitlich auf die Zusammenarbeit mit externen Dienstleister:innen. So werden entweder einzelne Projekte oder die gesamte Abteilung von Grosskonzernen an Drittfirmen ausgelagert. Unternehmen investieren lieber etwas mehr in Outsourcing-Lösungen, als ihre Recruiting-Teams mit anspruchsvollen Suchen nach Mitarbeiter:innen und die eigenen Teams mit Interviews zu beschweren.

In der Rechtsbranche spricht man dann von Projektjurist:innen. Wie entwickelt sich der Trend der Projektjurist:innen gerade in Europa?

Im US-Markt arbeiten mittlerweile an die fünf Prozent der Jurist:innen auf Projektbasis. In Europa ist man hiervon noch weit entfernt. Doch das Umdenken und die Akzeptanz für diesen neuen Berufsstand wächst und wird sich durch die neuen Ansprüche an flexiblere und abwechslungsreiche Arbeitsbedingungen von jungen Jurist:innen schnell weiterentwickeln.

Richard Ossen. Foto: Flex Suisse

Was ist am Job Projektjurist:in besonders reizvoll?

Klassische Rechtsanwält:innen sehen sich grundsätzlich nach beruflicher Sicherheit. Projektjurist:innen sind eher freiheitsliebend. Viele junge Menschen wollen Flexibilität, für ihre Work-Life-Balance, für ihre Familie, für Projekte. Auch für die eigene Selbstständigkeit. Viele unserer Projektjurist:innen sehen sich auch als Gründer und benutzen das Geschäftsmodell als Risikoausgleich.

Wie sieht der Alltag von Projektjurist:innen aus?

Für jedes Projekt bekommt der Jurist einen Arbeitsvertrag, in dem festgehalten ist, ob man im Homeoffice oder vor Ort arbeitet und ob es ein Teilzeit- oder Vollzeitmandat ist. Es gibt keinen typischen Arbeitsalltag, weil er sich nach dem Zielbetrieb richtet. Gerade diese Abwechslung macht den Beruf besonders interessant.

Die Rechtsbranche ist dafür bekannt, dass ständig Überstunden geschoben werden. Betrifft das auch die Projektjurist:innen?

Nein, sie arbeiten eher nach der Stechuhr. In der Regel haben sie 8,2 oder 8,4 Stunden am Tag, nicht wie in der Kanzlei, in der man acht Stunden auf den Zettel einträgt und dann in der Realität doch zwölf Stunden arbeitet.

Thema Gehalt: Ist das ähnlich wie das von klassischen Jurist:innen?

Wir vereinbaren schon beim Erstgespräch ein festes Gehalt, das in der Regel 10 oder 20 Prozent höher ist als im jeweils vorherigen Job. Das ist nur fair, wenn man ein nachhaltiges Geschäftsmodell entwickeln möchte.

Wie lange dauern die Projekte in der Regel?

Das ist immer unterschiedlich. In Deutschland gibt es eine Höchstüberlassungsdauer, in der Schweiz und Singapur nicht. Dort gibt es Projektjurist:innen, die sind seit Jahren auf demselben Mandat. Die Mindestzeit ist zwei bis drei Monate, denn wir sind keine Alternative zur Kanzlei. Bei uns geht es darum, zusätzliche Hände zu gewinnen, die wie Inhouse-Mitarbeiter:innen funktionieren.

Wie würden Sie einen jungen Menschen heute davon überzeugen, Projektjurist:in zu werden?

Mir ist immer wichtig zu sagen, dass wir nicht die klassischen Kanzleijurist:innen verdrängen wollen. Ich glaube einfach, der Fächer an Möglichkeiten erweitert sich. Wir richten uns an diejenigen, denen Freizeit wichtig ist oder auch an die, die sich dem Unternehmertum zuwenden möchten. Es ist eine Welt für neugierige und interessierte Jurist:innen, die ihren Platz vielleicht noch nicht gefunden haben.

Und vielleicht auch nie ihren festen Platz finden wollen.

Man hat als Projektjurist:in viele Möglichkeiten, in verschiedene Industrien reinzuschauen, ohne sich den Lebenslauf zu ruinieren. Im besten Fall ist man zwei bis drei Jahre bei uns, hat in dieser Zeit aber in unterschiedlichen Industrien reingeschaut und verschiedene inhaltliche Hüte getragen. Das ist unglaublich attraktiv für diejenigen, die genau das suchen.

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