Productivity & New Work 5 Dinge, die unser Gastautor gerne vor dem Remote-Gründen gewusst hätte

5 Dinge, die unser Gastautor gerne vor dem Remote-Gründen gewusst hätte

Ein Gastbeitrag von Martin Kaelble, Co-Gründer der digitalen News-Plattform Informed

Vor zwei Jahren haben meine Mitgründer und ich Informed gegründet – komplett remote. Unser Team stammt und arbeitet aus 20 verschiedenen Ländern, ein physisches Office gibt es nicht.

Keine Seltenheit seit dem Ausbruch der Pandemie, und trotzdem hätten wir einige Dinge gern schon vor der Gründung gewusst. Remote First ist nicht einfach Arbeiten ohne Büro. Remote First ist anders, hat Vor- und Nachteile und fordert dich als Gründer:in auf ganz neue Weise heraus. Hier kommen meine wichtigsten Learnings aus zwei Jahren Remote-First-Unternehmensführung.

Video Calls ohne Ende? Unbedingt vermeiden

Wer nicht aktiv gegensteuert, endet in einem nie endenden Marathon aus Videocalls. Meetings einzuschränken ist ja nicht erst seit COVID ein Thema, aber Meeting-Marathons in virtueller Form sind noch unangenehmer (und häufiger) als solche in persona.

Seid also radikal. Meetings, die nicht unbedingt nötig sind, werden gestrichen. Die, die nötig sind, werden streng strukturiert: Agenda, Ziele, Zeitrahmen müssen für alle Beteiligten gesetzt sein und eingehalten werden. Kalender-Hygiene ist extrem wichtig und am besten führt ihr sogar komplett meetingfreie Phasen oder ganze Tage ein, die für alle zwingend gelten. Bei uns hat sich zum Beispiel der meetingfreie Mittwoch als gute Auszeit für „Deep Work” etabliert.

Verzichtet nicht auf echte Treffen

Remote-First-Kultur heißt nicht, dass du deine Mitarbeiter:innen nie zusammenbringen musst, im Gegenteil. Gerade am Anfang sind Live-Treffen extrem wichtig, sonst wird sich wahrscheinlich überhaupt kein Teamspirit entwickeln. Macht Offsites oder andere Team-Events, um den Teamspirit-Akku so voll wie möglich aufzuladen. Wiederholt das auch in Phasen, in denen viele neue Teammitglieder bei euch anfangen oder in denen dieser Akku aus anderen Gründen – zum Beispiel nach einer extrem stressigen Phase – zu wenig gefüllt ist. Überhaupt: Betrachtet den Teamspirit-Akku als einen eurer wichtigsten Erfolgsfaktoren. Er sollte nie leer sein.

Strukturen sind essenziell

Gute Prozesse, Struktur und klare Regeln sind für Remote-First-Startups entscheidend. Mitarbeiter:innen fühlen sich sonst schnell verloren, insbesondere neue Teammitglieder oder solche, denen ein Gefühl von Kontrolle besonders wichtig ist.

Das kann für Gründer:innen eine große Umstellung sein. Gerade in der frühen Phase des Unternehmensaufbaus, wo diese Strukturen noch nicht bestehen und das Team noch klein ist, denken die meisten, allzu rigide Strukturen seien noch nicht notwendig. Aber das rächt sich eher früher als später. 

Es geht also nicht darum, euer Team in ein starres Korsett aus Verpflichtungen zu zwängen – aber stellt so früh wie möglich gut verständliche und sinnvolle Prozesse und Regeln auf. Es zahlt sich aus. 

Sinnstiftende Startups sind klar im Vorteil

Ihr braucht ein Team, das motiviert ist und ein gemeinsames Ziel hat. Das ist sehr viel leichter, wenn ihr ein sinnstiftendes Unternehmen seid. Umso mehr gilt das für Remote-Startups, denn da ist die Herausforderung größer, das Team zu einem verschworenen Haufen werden zu lassen. Heißt: Als Remote-Startup mit einem wichtigen und relevanten Ziel fällt es euch leichter, das Team hinter eurer Mission zu vereinen. 

An unserem Startup Informed lässt sich das gut zeigen: Unsere Mission ist es, Zugang zu faktenbasierten Informationen zu schaffen und Filterblasen und Fake News zu bekämpfen. An der Umsetzung dieser Mission arbeiten bei uns Menschen aus Ländern wie Russland, der Türkei oder Venezuela, denen man definitiv nicht erklären muss, wie wichtig das ist, woran wir gemeinsam arbeiten. 

Beim Recruiting ist viel Feingefühl gefragt

Wer weltweit auf Talentsuche gehen kann, hat natürlich eine viel größere Auswahl. Allerdings auch mehr Konkurrenz. Euer Recruiting entscheidet über euren Erfolg. Und muss für Remote-Unternehmen neu gedacht werden, weil ihr die Menschen eben nicht im persönlichen Live-Gespräch kennenlernt, sondern nur im virtuellen Raum. Da geht viel verloren, daher lautet meine Empfehlung: Bereitet euch optimal vor. Arbeitet an euren Fähigkeiten, Menschen gut einschätzen zu können. Implementiert die bestmöglichen Hiring-Strukturen. Wenn ihr selbst die nötige Erfahrung und Expertise nicht habt, arbeitet unbedingt mit Recruiter:innen zusammen, die sie mitbringen. Jeder Fehler im Recruiting kommt euch teuer zu stehen. Also versucht, sie so gut wie möglich zu vermeiden. 

Remote gründen – eine schlechte Idee? 

Unterm Strich – und so viel Ehrlichkeit muss sein – ist einiges für Unternehmen mit Büro einfacher als für Remote-Unternehmen. Es entsteht leichter ein Wir-Gefühl, ein lockeres Miteinander und eine belastbare Unternehmenskultur, wenn man physisch zusammenarbeitet. 

Und trotzdem solltet ihr euch von diesen Herausforderungen auf keinen Fall entmutigen lassen, wenn eine Unternehmensgründung mit klassischen Office für euch keine Option ist. Ein Startup komplett remote aufzubauen ist möglich. Es bietet auch viele Vorteile. Ihr müsst euch allerdings echt ins Zeug legen, euch immer wieder hinterfragen und ständig an euch arbeiten. Ganz von selbst läuft es nicht.

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