Productivity & New Work Linkedin ist Peak Cringe – und das ist auch gut so

Linkedin ist Peak Cringe – und das ist auch gut so

Ein Gastbeitrag von Verena Bogner

Als ich gestern auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch war, sah ich auf der Straße einen armen, hungrigen Hund. Ich fütterte ihn und verpasste deswegen das Interview. Am nächsten Tag bekam ich einen Ersatztermin angeboten – ich wunderte mich, aber ging hin. Dann betrat die Führungskraft, mit der ich das Gespräch führen sollte, das Zimmer. Sie war der Hund. 

Dieses Meme, das sich über Linked­in-Influencer und ihre meist ziemlich pathetischen Erfolgsgeschichten lustig macht, sagt eigentlich alles, was man über die Plattform und das schmalzige Storytelling wissen muss. Geht doch mitten in die Gefühle, oder?

Für viele von uns ist Linkedin ein notwendiges Übel. Ein Ort, an dem wir unsere beruflichen Leistungen im Namen des Personal Branding hinausposaunen, uns Jobtitel wie „Marketing Ninja“ ausdenken, uns HR-People in die DMs sliden und wir niederschwellig Kontakt zu Menschen aufnehmen können, die in der Hierarchie vielleicht weit über uns stehen. (Und, Hand aufs Herz: Linkedin ist auch der Ort, an dem wir regelmäßig darüber informiert werden, welche Tinder-Matches in den letzten 24 Stunden unser Profil besucht haben. Auch dafür ist Linkedin da!) 

Jedenfalls: Laut Linkedin erweitert jeder neue Kontakt unser Netzwerk um 400 Menschen und 100 Unternehmen. Daran ist erst mal nichts verwerflich oder gar peinlich, denn Linkedin bietet ja Chancen. Und: Immerhin leben wir immer noch in einer Gesellschaft und müssen alle sehen, wo wir jobtechnisch bleiben, vor allem in this economy. Der Cringe-Faktor liegt für mich hier viel eher in der Art und Weise, wie wir all das tun, was wir eben auf Linkedin tun. Und bevor ihr mir wütende Messages schreibt: Ich nehme mich selbst hier absolut nicht aus. Ich bin genauso eine Täterin des Linkedin-Cringe wie ihr. 

Es ist doch naturgemäß so, dass wir auf jeder Social-Media-Plattform andere Facetten unserer Internetpersönlichkeit zeigen. Auf Insta spammen wir unsere Storys mit Urlaubsbildern, Partyvideos und Memes zu, auf Twitter lassen wir gerne unser gefährliches (gesellschafts-)politisches Halbwissen raus, auf Facebook sind wir ohnehin nur noch, um einen Überblick über die Geburtstage unserer Freundinnen und Freunde zu behalten – und auf Linkedin sind wir eben das, was man gemeinhin als Corporate Cringe bezeichnet. 

Hier interessiert es niemanden, welche deepen Gedanken wir zum Finale von „Succession“ haben oder welches Tiktok gerade in unserer Bubble viral geht. Auf Linkedin sind wir nicht mehr als unser CV. Linkedin ist frei von Selbstironie und reduziert uns auf das Leben als arbeitende Wesen. 

Das klingt als Fazit erst mal ernüchternd, aber lasst mich ausreden. Linkedin ist doch einfältig im besten Sinne. Dort laufen wir niemals Gefahr, unser berufliches und privates Ich zu vermischen. Denn schließe ich den Linkedin-Tab, schließe ich damit auch diesen Teil meiner Persönlichkeit. Vielleicht kann man sogar so weit gehen und behaupten, dass das Cringe-Ausmaß von Linkedin gut für unsere Work-Life-Balance ist. Es macht auch nur Sinn, sich im beruflichen Umfeld anders zu verhalten und zu präsentieren als im privaten, wo wir hoffentlich nicht nur für unsere Leistungen geliebt werden. Zumindest funktioniert diese strikte Trennung aktuell noch: Denn laut einer großen Studie von Deloitte von 2022 kämpfen immer mehr Gen-Z-Arbeitnehmende damit, dass sie im Job nicht „sie selbst“ sein können. Wie zukunftsfähig Linkedin also ist, sei ohnehin dahingestellt.

Mir persönlich fällt es nicht schwer, mich von dem abzugrenzen, was ich auf Linkedin zum einen selbst fabriziere und zum anderen regelmäßig lesen muss. Ein Kontakt von mir hat mal wieder einen nachdenklichen Post verfasst, in dem er beschreibt, dass ihm sein verstorbener Großvater im Traum erschienen sei und ihn so zur Gründung seines absolut revolutionären Mineralwasser-Startups inspiriert habe? Bro, ich wünsche dir alle „Wunderbar“- und „Unterstütze ich“-Reactions dieser Welt. Wir sind hier schließlich nur auf Linkedin. 

Der Vorwurf, dass Linkedin, genau wie jede andere Social-Media-Plattform, nur einen Teil der Realität abbildet, ist für mich kein Grund mehr, Linkedin zu haten. Er hilft mir, es ganz pragmatisch als das zu sehen, was es ist. Ein Mittel zum Zweck, ein Ort, an dem wir alle völlig schamlose Eigenpromo betreiben dürfen und wissen, dass uns niemand dafür judgen wird. Linkedin ist unser aller Corporate-Cringe-Safe-Space.

In unserer aktuellen Ausgabe 4/23 widmen wir uns in unserem Dossier dem Thema Biz-Konferenzen. Außerdem: Wie Digital Hotspot Vilnius weiterhin anderen Citys voraus sein will, wie die Dudes von Studio Bummens ihr Medienimperium aufbauen wollen und wie das Comeback zum Ex-Arbeitgeber souverän funktioniert. Am Kiosk eures Vertrauens und in unserem Online-Shop.

Das könnte dich auch interessieren

Wie gut funktioniert Homeoffice? Neue Studie zeigt überraschende Ergebnisse Productivity & New Work
Wie gut funktioniert Homeoffice? Neue Studie zeigt überraschende Ergebnisse
5 Dinge, die unser Gastautor gerne vor dem Remote-Gründen gewusst hätte Productivity & New Work
5 Dinge, die unser Gastautor gerne vor dem Remote-Gründen gewusst hätte
Alle wollen eine geile Arbeitskultur, aber niemand möchte etwas dafür tun Productivity & New Work
Alle wollen eine geile Arbeitskultur, aber niemand möchte etwas dafür tun
Diese 3 Phänomene sind der Grund für schlechte Teamarbeit Productivity & New Work
Diese 3 Phänomene sind der Grund für schlechte Teamarbeit
So unzufrieden sind die Deutschen im Job Productivity & New Work
So unzufrieden sind die Deutschen im Job