Life & Style Für eine Hand voll Euro: Machtkampf bei Flatexdegiro macht Europas größtes Online-Brokerhaus zum Übernahmekandidaten

Für eine Hand voll Euro: Machtkampf bei Flatexdegiro macht Europas größtes Online-Brokerhaus zum Übernahmekandidaten

Der scheidende Chef Frank Niehage und Gründer Bernd Förtsch bekriegen sich öffentlich. Bei der Präsentation der starken Quartalszahlen rechnet Niehage mit Förtsch ab und kündigt an: Man sieht sich im Leben zweimal. In dieser spannenden Situation ist der hochprofitable Broker ein gefundenes Fressen für einen Käufer. Der Aktienkurs springt nach oben.

Käufer aufgepasst: 1,3 Milliarden Euro plus Überzeugungsprämie für die Aktionäre kostet es, derzeit, den größten Online-Broker Europas zu übernehmen. Wer möchte? Die Rede ist von Flatexdegiro. Das Frankfurter Brokerhaus, das jetzt gute Quartalsergebnisse vorgelegt hat, leidet unter einem beispielslosen Machtkampf zwischen dem nur noch bis Ende des Monats agierenden Vorstandschef Frank Niehage auf der einen Seite und Unternehmensgründer und Großaktionär Bernd Förtsch auf der andere.

Die Folge: Derzeit steht das hochprofitable Brokerhaus ohne dauerhafte Führung da. Interimsmäßig leiten der bisherige Finanzvorstand Benon Janos sowie Technologievorstand Stephan Simmang als Co-CEOs das Unternehmen. Sie genießen das Vertrauen von Gründer Förtsch, der aber bisher kein Amt hat. Für einen Interessenten ist es in dieser heiklen Phase leicht, Aktionäre auf seine Seite zu ziehen und das Unternehmen, an dem Förtsch nur rund 19 Prozent hält, zu kaufen.

Der scheidende Vorstandschef Frank Niehage hatte diese Möglichkeit schon Ende vergangenen Jahres ins Spiel gebracht, als er in einem Interview sagte, der deutsche Online-Broker mit Aktivitäten in ganz Europa, sei offen für eine Übernahme durch ein amerikanisches oder asiatisches Unternehmen. „Wenn ein strategischer Partner kommt und ein Angebot macht, uns zu übernehmen und Teil eines größeren Unternehmens zu werden, dann würde das sehr viel Sinn machen“, sagte Niehage und sah darin „die mögliche Schaffung eines wirklich globalen Players“. Kommt es zu so einer Übernahme, würde Förtsch weiter an Einfluss verlieren.

Das ist aber das Gegenteil von dem, was der Gründer will. Förtsch, der sich vor rund zehn Jahren aus der Führung des Unternehmens zurückgezogen hatte und Niehage sowie Aufsichtsratschef Martin Korbmacher das Feld überließ, drängt inzwischen mit Macht zurück. Und weil er beim amtierenden Management nicht auf Gegenliebe stößt, versucht er mit öffentlichen Vorwürfen, die Spitzencrew bei Flatexdegiro mürbe zu machen. Er wirft Niehage und Korbmacher vor, im Vergleich zu anderen Brokerhäusern wie Trade Republic und Scalable zu wenig für die eigene Reputation und Bekanntheit gemacht zu haben. Er will in den Handel mit Kryptowährungen einsteigen, hält nichts von Aktienrückkaufprogrammen und meint das hohe Zinsen auf Tagesgeld ein gutes Mittel seien, um weitere Kunden zu gewinnen. Tatsächlich dürfte es ihm vor allem darum gehen, wieder mehr Einfluss in dem von ihm einst gegründeten Unternehmen zu gewinnen. Seine Taktik hat in sofern Erfolg, als dass Niehage bis auf weiteres das Feld räumt

Vorher hat er allerdings jetzt bei der Vorstellung der Quartalsergebnisse gegenüber Analysten noch einmal gegen Förtsch ausgeteilt. Er erinnerte daran, 2014 eine „notleidende Fintech-Gruppe“ gerettet zu haben. „Flatex  war ein verlustbringender, auf Deutschland fokussierter Nischenbroker aus Kulmbach mit 120.000 Kunden. Der Gründer und Aufsichtsrat hatte einen Streit mit dem Hauptgesellschafter angezettelt und die Firma in eine Sackgasse mit 8 Millionen Euro Verlusten im EBITDA geführt.“ Man habe sich damals auf die neue Strategie der Unabhängigkeit vom Gründer geeinigt und ihn aufgefordert sein Aufsichtsratsmandat niederzulegen. Es folgte die Verlegung des Hauptsitzes von Förtschs Heimatort Kulmbach nach Frankfurt und es folgten Akquisitionen wie DeGiro im Jahr 2019. Heute sei die Gruppe auf dem Weg, „ein echter europäischer Champion“ zu werden. „Ist es nicht seltsam, dass genau derselbe Gründer jetzt versucht, durch die Hintertür als Aufsichtsratsmitglied zurückzukommen und behauptet, er wisse besser, was gut für das Unternehmen ist?“, fragte Niehage in die Analystenrunde und bat alle Aktionäre: „Melden Sie sich für die kommende Jahreshauptversammlung an und machen Sie von ihrem Stimmrecht Gebrauch. Es ist wie in den Demokratien, wenn Sie nicht wählen, unterstützen Sie Minderheiten.“ Niehage, der ebenfalls Großaktionär bei FlatexDegiro ist, will seinen Anteil behalten und kündigte etwas an, was Förtsch durchaus als Drohung verstehen dürfte: „Die Schule des Lebens lehrt uns, dass wir uns immer zweimal treffen.“

Der Online-Broker ist dank gestiegener Zinsen und höherer Provisionen mit einem Gewinnsprung in das Bilanzjahr gestartet und peilt 2024 Rekordwerte an. Im ersten Quartal hat sich das Konzernergebnis auf 30 Mio. Euro mehr als vervierfacht, der Umsatz wuchs um ein Viertel auf 123 Millionen Euro, wie das im SDax notierte Unternehmen mitteilte. Die Marge fiel mit 24 Prozent mehr als dreimal so hoch aus wie im Vorjahr. Für einen möglichen Interessanten sind das verlockende Zahlen. Der Aktienkurs machte am Freitag einen Kurssprung von rund 20 Prozent – die Übernahmeschlacht ist eröffnet.

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