Personal Finance Wirtschaft pfui, Börse hui: Wieso sich Aktionäre in der derzeitigen Krise eine goldene Nase verdienen

Wirtschaft pfui, Börse hui: Wieso sich Aktionäre in der derzeitigen Krise eine goldene Nase verdienen

Die Wirtschaft in Deutschland tritt bestenfalls auf der Stelle, aber die Kurse an der Börse eilen von Rekord zu Rekord. Sind die Anleger blind und taub gegenüber den Sorgen aller anderen geworden? Mitnichten. Sie gucken nur genau hin.

Es herrscht Krise in Deutschland, da sind sich irgendwie fast alle einig. Die Unternehmer schimpfen: „Die Ampel zerstört den Mythos Made in Germany“, sagt zum Beispiel Tunnelbohrer und Familienunternehmer Martin Herrenknecht. Die Verbände stöhnen: „Die Stimmung in der Wirtschaft ist schlecht“, diagnostizierte der Verband der bayerischen Wirtschaft zu Wochenbeginn, beim Blick nach vorne überwiege der Pessimismus. Und selbst die Politiker haben schlechte Laune: Die deutsche Wirtschaft stecke in „schwerem Fahrwasser“ räumte Wirtschaftsminister Robert Habeck bei der jüngsten Vorstellung des Jahreswirtschaftsberichts ein.

Eine größer werdende Gruppe von Menschen kann jedoch das Gerede von der Krise nicht wirklich nachvollziehen: die Aktionärinnen und Aktionäre. Der weltweit wichtigste Aktienindex MSCI-World strebt einem Rekordhoch entgegen. Und selbst, wer den Deutschen Aktienindex Dax anschaut, in dem sich die 40 größten börsennotiertem Konzern sammeln, hat in der vergangenen Woche mal wieder einen neuen Höchststand erlebt. Wer Aktionär ist, kann beruhigt sein Depot betrachten und sich sagen: „Krise – das sind die anderen.“

Ein Rätsel? Die Lösung, wieso es in Deutschland wirtschaftlich schlecht läuft, die Börsenkurse aber auch getrieben von erfreulichen Unternehmensdaten glänzend funktioniert, liegt darin, wie die DAX-konzern aufgestellt sind: Sie erwirtschaften nach jüngsten Statistik-Zahlen nur noch 18 Prozent ihrer Umsätze in Deutschland selbst. Auch die Besitztümer der Unternehmen – Fabriken, Büros, Maschinen und mehr – befinden sich zu mehr als zwei Dritteln nicht in Deutschland. Bei der Aktionärsstruktur sieht es ähnlich aus. Im Jahr 2023 flossen nach Berechnungen der Wirtschaftsberater von EY etwa 20 Milliarden Euro aus Dividenden an Anteilseigner in Deutschland, 26 Milliarden dagegen an internationale Investoren. Nie zuvor wurde so viel an die Aktionäre ausgeschüttet, und nie zuvor ging davon so viel ins Ausland.

Dabei sind vor allem zwei Regionen führend: Aktuell liegen 22,3 Prozent der Aktien der DAX-Konzerne in Depots von Anlegern im europäischen Ausland. Nordamerikanische Anleger halten 21,8 Prozent der Aktien. „Für die deutschen Top-Konzerne werden ausländische Märkte immer wichtiger, und das spiegelt sich auch in der Zusammensetzung ihrer Investoren wider“, ordnet der Vorsitzende der EY-Geschäftsführung, Henrik Ahlers, die Zahlen ein. Es sei nur folgerichtig, wenn mit dieser Internationalisierung des operativen Geschäfts auch eine Internationalisierung der Aktionärsstruktur einhergehe.

Viele Aktionäre deutscher Firmen sitzen also in den USA, wo es besser läuft mit der Konjunktur. Die US-Regierung setzt auf Wachstum, das sie über Schulden finanziert. Ihr gigantischer Inflation Reduction Act (IRA), den Präsident Joe Biden losgetreten hat, ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür. Laut dem aktuellen „German American Business Outlook“, für den die Deutsch-Amerikanischen Handelskammern in den USA aktive deutsche Unternehmen befragt haben, ist ihre Stimmung mit Blick auf den US-Markt prima: 99,5 Prozent der 224 Befragten erwarten keine Rezession, im Gegenteil: 91 Prozent erwarten ein Wachstum ihres Nettoumsatzes. Mehr als zwei Drittel der Unternehmen räumen den USA eine herausragende Stellung ein. Und sie sehen, wie auch der heimische Standort profitiert: Mehr als ein Drittel vergrößerten in den vergangenen drei Jahren in Deutschland die Belegschaften, um die Nachfrage aus den USA zu bedienen. Sie alle loben den IRA über den grünen Klee.

Die Frage, ob sich Deutschland und Europa nicht auch mehr Schulden leisten sollten, um eine Investitionsflut US-amerikanischen Ausmaßes auszulösen, beantworten die gleichen Protagonisten jedoch eher mit Nein. Der schon erwähnte Verband der Bayerischen Wirtschaft hält „solide Staatsfinanzen für die Basis unseres ökonomischen Erfolgs“. „Sparen, sparen, sparen“ wiederholte Verbandschef Wolfram Hatz jetzt seine Position. Auch der Verband der Familienunternehmer warnt vor einem Aushebeln der Schuldenbremse. Die Verbände stellen sich damit hinter Finanzminister Christian Lindner. Deutschland wähnt sich so auf dem langfristig solideren Weg. Ganz widerspruchsfrei ist die Ansicht von dem, was die USA tun und was in Deutschland getan werden sollte, nicht. 

Diese politische Entscheidung bedeutet allerdings auch, dass die Krise, die sich in mangelndem Wachstum im Inland niederschlägt, bewusst in Kauf genommen wird. Das trifft alle mit eben einer bereits erwähnten Ausnahme: Die Aktionäre können den Kampf um die Schuldenbremse gelassen ertragen. Sie bleiben langfristig sowieso die Gewinner, wozu in Deutschland auch eine vergleichsweise niedrige Besteuerung von Kapitalgewinnen beiträgt.

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