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Alex Jacobi: „Ich kenne wenig so kreative Berufe wie Data-Science“

Alex Jacobi
Alex Jacobi
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Aktualisiert
Lesezeit8 Min · 1.580 Wörter

Alex Jacobi lernte ursprünglich das Handwerk des Tonmeisters, merkte aber schnell, dass er seinen Traum einmal einen Grammy-Award zu gewinnen, wohl niemals erfüllen werden kann. Also versuchte Alex sich als Unternehmer und siehe da: heute leitet der Aachener drei Unternehmen, die sich mit Audio, Daten und Künstlicher Intelligenz beschäftigen.

Passt nicht zusammen? Passt schon. Wie genau und warum Audio das Format der Zukunft ist, das haben wir im Gespräch mit Alex Jacobi herausgefunden.

Wie kam es dazu, dass du als Musikproduzent in den 90ern gedacht hast: Datensätze sind eigentlich auch ganz geil?

Alex: Das fand ich schon lange. Ich komme aus einem ungewöhnlichen Haushalt, in dem nur zwei Dinge wichtig waren: Wissenschaft und Kunst. Als ich mein Abi gemacht habe, hatte ich eigentlich zwei Optionen. Theoretische Physik hätte ich voll geil gefunden oder der nächste Dr. Dre werden. Das war das eigentliche Ziel. Jetzt komme ich aus Aachen, was jetzt nicht so richtig heißes Pflaster ist. Ich hatte aber das tierische Glück, dass ich meinen ersten Mentor kennengelernt habe. Das war der Produzent von Reinhard Mey. So bin ich ins Musikbusiness gerutscht. 

Und wann kam dir da die Idee, drei Unternehmen zu gründen?

Alex: Als ich für mich erkannt habe, dass ich ein exekutionsbehinderter Visionär bin, der Dinge nicht fertig machen kann und deshalb auch keine Chance habe in etwas richtig gut zu werden, war das Unternehmertum vorprogrammiert. Ich bin gut, wo Rationales und Emotionales zusammenkommen. 

Dann hast du das Unternehmen weiterentwickelt. Wie?

Alex: Wir haben 2010 eine komplette Self-Service-Web-Applikation gebaut und uns so aus Versehen digitalisiert. Und rund um 2015, 2016 habe ich angefangen mich mit diesen KI-Themen zu beschäftigen. Ich habe dann die Singularity University besucht. 

Was ist denn die Singularity-University?

Alex: Das ist kurz gesagt so ein Silicon-Valley-Think-Tank kurz vor Sekte. Wo dann so Typen wie Ray Kurzweil, der AI-Chef von Google, abhängen. Aber es ist super visionär, wenn du da 40 Prozent abziehst, sind die immer noch 20 Jahre weiter als alle anderen. Als ich damals zurückgekommen bin, dachte ich mir: Du bist am Arsch. In fünf Jahren wird all das, womit du gerade Cash machst, das heißt Tonstudio, Stimmen, Sprachaufnahmen alles von der KI gemacht und du kannst irgendwas Neues suchen.

Ich bin da tatsächlich eher desillusioniert nach Hause gekommen. Wir haben dann mit allen Mitarbeiter:innen zusammen gesessen und überlegt: Wir müssen eine Software-Company werden, sonst sind wir am Arsch. Dann haben wir uns ein Ziel gesetzt und das konsequent verfolgt. Das heißt Software-Engineers eingestellt, Data Scientist eingestellt, mit KI-Modellen angefangen. Und daraus sind heute mehrere Companies geworden. 

Wenn man an Musikproduktion denkt, dann denkt man ja immer an sehr viel Kreativität. Bei Daten eher weniger. Was ist denn die Schnittstelle, die du quasi in deinen Unternehmen vereinst? 

Alex: Ich kenne wenig so kreative Berufe wie Data-Science. 

Was ist daran deiner Meinung nach kreativ? 

Alex: Vielleicht müssen wir erst einmal definieren, was Kreativität ist. Für mich ist Kreativität die Fähigkeit zu absurden Transferleistung. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass das Arbeiten in diesen kreativen Berufen, wie Produzent:in oder Tonmeister:in langweiliger Abarbeitungskram ist, der überhaupt nicht kreativ ist. Das Lösen eines Daten-Problems erfordert dagegen unfassbar viel Kreativität. Aber wo kommt das zusammen?

Alex Jacobi
(Credits: Alex Jacobi)

Als ich angefangen habe, mich mit neuronalen Netzen zu beschäftigen, merkte ich irgendwann: Das ist von der Idee her unserer Arbeitsweise und unserem Denken nicht fremd. Als kreativer Mensch bist du mehr oder minder deinem Bauchgefühl verpflichtet. Wenn du anfängst nachzudenken und zu rationalisieren, dann ist die Idee schon im Arsch. Das heißt, wenn du eine geile Kreation machst, fluppt das und du hast die geilen Ideen. Wenn du aber denkst: „Scheiß Frauentausch-Zielgruppen, das werden die schon geil finden“, hast du komplett verloren. Weil du dann dein Bauchgefühl verlässt. Der Punkt, der beides verbindet, war für mich die Entdeckung der Achtsamkeit.

Ich habe sehr viel mit Meditation angefangen und da gibt’s dieses Grundprinzip der Trennung von Beobachtung und Bewertung. Bewertung ist etwas, was Menschen unfassbar gut können und Maschinen nicht. Dafür können Maschinen richtig gut beobachten. Das nennt man Marktforschung. Wir haben uns überlegt haben, das Bauchgefühl unserer Zielgruppe zu verstehen und unsere ganzen wilden Ideen, nicht auf unser Bauchgefühl, sondern auf das der Zielgruppe werfen.

Du beobachtest also über digitale Marktforschung, über Algorithmen und bewertest dann als kreativer Mensch. Da kommt das Bauchgefühl wieder rein, weil dein Bauchgefühl so viel schlauer ist als jede Frage, weil du als kreativer Mensch die Summe aller Einflüsse deines ganzen Lebens bist.

Ihr habt auf eurer Website stehen: Wenn du wissen willst, wie die Farbe eurer Brand klingt, sind wir für euch da. Was mich da direkt interessiert hat: Wie findet man heraus, wie eine Farbe klingt? 

Alex: In der Regel nehmen wir 2, 3, 4, 500 Musikstücke und dann fragen wir einfach Menschen: Wie fühlst du dich dabei? Hat dieses Musikstück für dich eine Farbe? Wenn du genug Leute befragst, bekommst du eine Häufung von Antworten, die weit fernab der Zufallsverteilung ist.

Du leitest insgesamt drei verschiedene Brands. Vielleicht kannst du kurz erklären, was diese drei Marken überhaupt unterscheidet. 

Alex: Ist im Prinzip simpel: Wundervoices ist eine Produktionsfirma. Text-Konzept rein, geiles Audio raus in 50 Sprachen. WithLoveandData ist eine Consulting-Company. Frage rein, Geld überweisen, dann kommt die Antwort. Also fragen kostet.

Sonarbird ist die dritte Company. Wir nennen es die Sonarbird-Audio-Cloud. Das ist eine Web-Applikation auf der du Podcasts aufnehmen kannst, schneiden kannst, mit deinem Team komplett produzieren und auf allen Plattformen distribuieren kannst, von Apple über Spotify, bis hin zu eigenen Apps. Und anschließend kannst du deine Inhalte monetarisieren.

Und eben mit dem zweiten Schwerpunkt, der sich gerade abzeichnet Corporate Audio. Also dass wir anfangen in Unternehmen Audio zu etablieren. Wir haben das schon selbst in Coronazeiten gemacht. Als wir alle ins Home-Office sind, haben wir angefangen für uns gegenseitig Podcasts aufzunehmen als Alternative zum Stand-Up-Meeting. Diese Idee von Audio als Secondary-Medium, dass du anderes tun kannst, während du die Inhalte kommunizierst, ist eine Billion-Dollar-Idee. Wir kratzen da gerade einmal an der Oberfläche.  

Kannst du ein Beispiel für einen Auftrag nennen?

Alex: Wir haben letztes Jahr einen lustigen Job gemacht, in dem es darum ging, für ein sehr scharfes Würstchen, eine Radiowerbung zu bauen, die speziell auf Heavy-Metal-Sendern funktioniert. Da haben wir dann so Sound-a-likes von Pantera über Slayer bis zu New Metal Sachen gemacht, wo Leute schreien, weil das Würstchen zu scharf ist. Da war die spannende Frage: wie viel Metal ist erlaubt? Das heißt, Respekt davor, sich dem Genre zu nähern und wirklich rauskriegen: Wie muss das Ding klingen, dass es auch die Metalheads geil finden und sich auch respektiert fühlen. 

Okay, was geht denn dann noch? Also was ist da deine Zukunftsvision? 

Alex: Education über Audio. Stell dir vor ein Sales-Mitarbeiter sitzt im Auto, fährt zum Kunden wird währenddessen bezahlt, aber könnte sich in der Zeit die Produkte nochmal reinziehen, die er gleich beim Kunden präsentiert. Da haben wir tatsächlich einen Case von einem Kunden, wo wir das so machen und kriegen nur gutes Feedback von dem Sales-Team. Die sagen, das ist so viel geiler als abends diese Powerpoint-Folien vom E-Learning auf dem Sofa durchzuskippen.

Du kannst dir den Kram eben anhören, kurz bevor du ihn präsentierst. Das ganze Thema Audio hat noch nicht mal richtig angefangen. Du siehst jetzt die ersten Startups aus den USA, die sofort mit siebenstelligen Series As oder Angel-Investments loslegen. Da sind wir gut aufgestellt. 

Du hast jetzt gerade schon kurz Sonarbird angesprochen. Auf der Website steht man kann Plug and Play loslegen mit einem USB-Mic und dann können die Aufnahmen im Nachhinein durch eine KI bearbeitet werden, sodass sich das professionell anhört. Wie funktioniert das? 

Alex: KI ist oft so spannend, weil sie eigentlich was ganz anderes tut, als man glaubt. Die ist jetzt nicht so hyperintelligent, dass sie einen kompletten Algorithmus für deine Stimme zusammen streckt, sondern du hast einfach eher Algorithmen, die checken wie die Lautstärkenverhältnisse untereinander sind und dafür sorgen, dass deine Aufnahme nachher gut klingt. Um solche Algorithmen zu optimieren, sind neuronale Netze oft die einfachste und preiswerteste Methode.

Jetzt bietet ihr mit Sonarbird eine Lösung für Unternehmen, Medienhäuser an. Für wen lohnt sich so etwas?

Alex: Die Idee ist ein bisschen, dass wir das für jede Lokalzeitung enablen wollen. Ich habe viel Consulting Projekte gemacht zum Thema Audio bei Verlagen und immer gemerkt, dass die Situation und das Selbstverständnis der Verlagemanchmal nicht respektiert wurde. Wir haben deshalb versucht, da ein bisschen mehr mit Respekt ranzugehen. Wir wollen den Leuten bewusst nicht einen Weg vorgeben. Du kannst bei uns monetarisieren. Du kannst über unsere Ad-Server monetarisieren. Du musst das aber nicht.

Sind die automatischen Ads angepasst an den Inhalt?

Alex: Ja schon. Auch das muss aber Grenzen haben. Das ist definitiv eine Datenschutz-Thematik. Und gerade bei Podcast ist es eben auch nicht nötig, mit unendlich vielen Targetingdaten das gesamte Leben der Hörer:innen zu analysieren. Wenn ich einen Podcast über Craftbeer höre, sagt das so viel über mich aus. Da brauchst du kein Cookie.

Michael Gnahm

Michael studiert Marketingkommunikation, weil er es mit klassischen Studiengängen wie Wirtschaftswissenschaften einfach nicht so hat. In den Journalismus ist er zufällig reingestolpert und mittlerweile voll in Love. In seiner Freizeit hört er gerne musikalische Kunstwerke aus dem Bereich des deutschen Sprechgesangs. Also komm ins Café, wir müssen reden!