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Trigema-Ex-Chef: Vom Himmel in die Hölle der Mitarbeiterbewertungen“

Wolfgang Grupp, Trigema, Quelle: Picture-Alliance
Wolfgang Grupp, Trigema, Quelle: Picture-Alliance
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Aktualisiert
Lesezeit5 Min · 1.031 Wörter

Wolfgang Grupp, der legendäre Kopf hinter Trigema, steigt in der Unternehmerhierarchie auf. Doch während er den Himmel der PR erklomm, landeten seine Mitarbeiterbewertungen in der Hölle. Von „Gebrüll“ bis „verseuchtem Betriebsrat“ – was steckt wirklich hinter den anonymen Anschuldigungen? Eine ungeschminkte Analyse.

Nach außen sind sie Spitze bei Trigema im schwäbischen Bulardingen, wo der Sport- und Freizeit-Bekleidungshersteller seinen Sitz hat. Der Senior Wolfgang Grupp engagiert sich öffentlichkeitswirksam für Deutschland als Produktionsstandort, was in der Textilbranche Seltenheitswert hat. Er wirbt damit, alle Rohstoffe für Trigema-Kleidungsstücke in EU-Ländern zu erwerben und seit mehr als 30 Jahren weder auf Kurzarbeit noch betriebsbedingte Entlassungen zurückgegriffen zu haben. Er geht soweit, Mitarbeiterkindern ein Arbeits- oder Ausbildungsplatz bei Trigema zu garantieren. 

Der schwäbische Unternehmer, der zu Terminen gerne im eigenen Helikopter anreist, repräsentiert den heimischen Mittelstand noch immer wie kaum ein anderer. Und er ist auch immer für einen kernigen Spruch zu haben: In Krisenzeiten sagte er kürzlich dem SWR, vertraue er nicht der Politik, stattdessen sehe er sich selbst in der Rolle des Machers. Probleme sind für ihn zum Lösen da: „Wer ein großes Problem hat, ist für mich ein Versager. Denn jedes Problem war einmal klein und hätte man es gelöst, als es klein war, hätte man kein großes.“ Zum Jahresende ist der 81jährige Wolfgang Grupp von fast allen seinen Ämtern und Funktionen im Unternehmen zurückgetreten und hat seiner Ehefrau und den beiden Kindern die Führung des Unternehmens anvertraut. Wolfgang Grupp junior lässt bereits von sich hören, wenn er ebenfalls dem Stammsender SWR sagt: „Ich habe die Hoffnung in unser politisches System noch nicht ganz aufgegeben.“ Es besteht kein Zweifel: Die Familie ist eine jener mittalständischen Unternehmerdynastien, von denen es eher mehr als weniger hierzulande gebraucht werden.

Eigentlich müsste es mehr von ihnen geben

Doch auch solche Legenden haben eine andere Seite, und die wird öffentlich, wenn sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über den Chef und das Unternehmen da äußern, wo sie sich hinter Anonymität verbergen können: auf Social Media und insbesondere in Arbeitgeber-Bewertungsportalen. Das ist auf der einen Seite unfair, weil die so öffentlich Angegriffenen nicht wissen, mit wem sie es zu tun haben. Auf der anderen Seite schützt es die Tippgeber und ist eine relevante Information für jene, die – in diesem Fall Trigema – als möglichen Arbeitgeber in Betracht ziehen. Und solche werden derzeit eher abgeschreckt, sich in Bulardingen zu bewerben.

Jüngster Auslöser für Kritik am Senior Chef und seinem Unternehmen war ein Fernsehauftritt von Grupp-Senior, wo er berichtete, dass ihm ein Insolvenzverwalter vorgeschwärmt habe, wie lohnend eine Pleite für ihn sein könnte. „Wenn so etwas in einem Rechtsstaat möglich ist und die Insolvenzkanzlei nicht sofort aufgelöst wird, dann tut es mir leid“, schimpfte Grupp und erhielt zustimmende Kommentare auf X. Nicht so ein Mitarbeiter. Er schrieb: „Ich finde wir haben den Chef aus glücklicherweise vergangener Zeit genug gefeiert. Er hat genug Mitarbeiter fertig gemacht, weil es nur schwarz und weiß bei ihm gibt.“

„Verseuchter Betriebsrat“

Die Kritik ist alles andere als ein Einzelfall. In Arbeitgeber-Bewertungsportalen Kununu schreibt ein Trigema Angestellter aus der Verwaltung von einem „enttäuschenden Unternehmen“ mit einem „verseuchte Betriebsrat“. Es werde viel Wert darauf gelegt, nach außen gut dazustehen. „Leider ist das Gegenteil der Fall.“ Ein anderer schreibt: „Wer gut kriechen kann und immer schön ja sagen kann wird gefördert, wer fachlich kompetent ist und sagt, was er denkt (sachlich), wird klein gehalten.“ Die Geschäftsleitung spiele überall die heile Welt. Doch leider seien vor allem die jungen sehr abgehoben. „Der Senior Chef ist da eher noch alte Schule und mit ihm konnte man bei Problemen auch reden.“ Ältere Kollegen würden meist „von der neuen Geschäftsleitung nieder gemacht und rausgeekelt, weil sie alte Verträge haben und somit mehr Geld kosten“. Ein dritter antwortet kurz und bündig auf die Frage, was gut an Trigema sei: „Nichts“. Auf die Frage, was er schlecht finde, schreibt er: „Alles.“ Beim Punkt „Kommunikation“ lautet der Eintrag im Portal: „Gebrüll“. Eine vierte schreibt: „Im Fernsehen klingt Trigema wie ein 6er im Lotto. In der Realität ist es das Gegenteil. Schade eigentlich. Man hätte aus dieser Firma so viel rausholen können. Echt schade.“ Vielen Einträgen gemeinsam ist, die Klage über den bescheidenen Lohn. Es gebe zumindest für die Neuen, kein Weihnachtsgeld, kein Urlaubsgeld und nur 25 Tage Urlaub. Auch in anderen Jobbewertungsportalen kommt Trigema nicht gut weg. So heißt es etwa bei Indeed mit Blick auf mögliche Bewerber: „Wenn Du nur ein bisschen Geld verdienen möchtest, ist es okay. Aber es ist definitiv kein Unternehmen für die Zukunft.“

Trigema selbst reagiert auf Anfrage so: „Wir wollen, dass alle Kolleginnen und Kollegen jeden Tag gerne zur Arbeit kommen.“  Zur Bezahlung heißt es: Sie sei nach Tarif und es geben zahlreiche Benefits, etwa eine betriebliche Altersvorsorge, Fahrradleasing, einen Fitness-Pass. Bei allen nach 2005 eingetretenen Beschäftigten werde das Urlaubs- und Weihnachtsgeld über das reguläre Jahresgehalt ausgezahlt. Das Unternehmen habe seit mehr als 50 Jahren Kurzarbeit und betriebsbedingte Entlassungen vermeiden können und garantiere den Kindern der Mitarbeitenden nach ihrem Schulabschluss einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz. Mit einer durchschnittlichen Betriebszugehörigkeit von 16 Jahren gegenüber dem Bundesdurchschnitt aller Unternehmen von rund elf Jahren im Jahr 2023 gehören man zu den verlässlichsten Arbeitgebern Deutschlands.

Verlässlicher Arbeitgeber

Wie kommen also die schlechten Bewertungen zustande? Tatsächlich landen in Bewertungsportalen vornehmlich kritische Kommentare, was daran liegt, dass sich Kritiker oft so sehr ärgern, dass sie ihre Wut Luft machen, während sich die, denen es in einem Unternehmen gut geht, eher nicht äußern. Arbeitgeber kennen das und reagieren entsprechend. So hat beispielsweise der westfälische Landmaschinenhersteller Claas, auch ein Familienbetrieb in mittlerweile dritter Generation, eine Personalabteilung, die auf Kritik in Bewertungsportalen unmittelbar – und genauso öffentlich – reagiert. Da wird manches anderes dargestellt, oft erscheint aber auch ein Dank für den kritischen Hinweis, dem man nachgehen wolle. Bei Trigema ist das jedenfalls bislang nicht der Fall.

Portrait Oliver Stock

Oliver Stock

Oliver Stock ist Herausgeber und Chefredakteur von Business Punk. Der studierte Volkswirt und Historiker sowie Autor mehrerer Bücher und Blogger (https://einbisschenbesser.de/) kennt die Welt der Politik, der Startups und der Unternehmen: Als Journalist arbeitet der 1965 in Hannover geborene Stock für focus online, die Schweizer Weltwoche und den Börsianer aus Wien. Er war Vize-Chef bei der Wirtschaftswoche und 16 Jahre beim Handelsblatt, als Korrespondent in Zürich, als Chef der Finanzzeitung in Frankfurt und die letzten fünf davon als Anführer von Handelsblatt online. Als Kommunikationschef von Ergo, Sprecher im Wirtschaftsministerium und Startup-Mitgründer kennt er auch die andere Seite.