AnlagePunk · Bürgergeld

Sozialschmarotzer sind sie beide

Sozialschmarotzer sind sie beide
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Wer Bürgergeldbetrüger mit dem Argument in Schutz nimmt, dass Steuerhinterzieher die schlimmeren Kriminellen sind, tut uns allen keinen Gefallen.

Im Netz und den Zeitungen tobt eine scharfe Debatte: Es geht um sogenannte Sozialschmarotzer. Und der Dreh, der von LinkedIn bis zur Frankfurter Rundschau beschrieben wird, ist der: Nach den erfolgreichen Sondierungsgesprächen von Union und SPD ist klar, dass sich am Bürgergeld etwas ändert. „Großangelegter Sozialleistungsmissbrauch, im Inland sowie durch im Ausland lebende Menschen, muss beendet werden“, steht im Sondierungspapier.

Daraus wird in der Debatte abgleitet, dass die sich abzeichnende Koalition das „Vorurteil des faulen Bürgergeld-Empfängers“ pflegt. Soziologen kommen dann im Netz zu Wort, die all jene, die so denken, als von „eigener Abstiegsangst“ Beladene bezeichnen. Anschließend bekommt die Debatte einen anderen Dreh, in dem jemand, der sich Unternehmensberater nennt, sagt, dass die wahren Sozialschmarotzer die Steuerhinterzieher sind. Um dem ganzen mehr Wums zu verleihen, hängt schließlich am Text noch die Einschätzung der Steuergewerkschaft dran, die behauptet, dass dem Staat mehr als 200 Milliarden Euro Steuern im Jahr durch Hinterziehung verloren gehen.

Das blöde: Wer das so sieht, ersetzt schlicht eine Perspektive, die er ablehnt, durch die eigene, die ihm natürlich besser passt. Warum?

Ganz formal: Wieviel Bürgergeld missbräuchlich benutzt wird und wieviel Steuern tatsächlich hinterzogen werden, sind reine Vermutungen. Denn wären es Fakten, ließe sich natürlich dagegen vorgehen. Es ist schon jetzt strengstens verboten, Bürgergeld zu beziehen, wenn dafür kein Grund vorhanden ist. Genauso wird bestraft, wer seine Steuern nicht bezahlt, obwohl er das müsste. Nur sind die Täter eben schlau, und lassen sich nicht erwischen. Entsprechend vage sind die Zahlen, die die Schäden beziffern sollen.

Und ganz inhaltlich: Bürgergeldbetrug und Steuerhinterziehung gegeneinander aufzurechnen, ist etwa so sinnvoll, wie sich vorzunehmen, mit dem Rauchen aufzuhören, um wenigstens munter weiter Trinken zu können. Beides ist für Geist und Körper keine gute Idee. Der Unterschied: Beides ist Privatsache und kann in Maßen die Heiterkeit fördern. Bürgergeld- wie Steuerbetrug dagegen hinterlassen Schäden im Land, für die wir alle gerade stehen müssen und können – das eine, wie das andere – von niemanden toleriert werden.

Portrait Oliver Stock

Oliver Stock

Oliver Stock ist Herausgeber und Chefredakteur von Business Punk. Der studierte Volkswirt und Historiker sowie Autor mehrerer Bücher und Blogger (https://einbisschenbesser.de/) kennt die Welt der Politik, der Startups und der Unternehmen: Als Journalist arbeitet der 1965 in Hannover geborene Stock für focus online, die Schweizer Weltwoche und den Börsianer aus Wien. Er war Vize-Chef bei der Wirtschaftswoche und 16 Jahre beim Handelsblatt, als Korrespondent in Zürich, als Chef der Finanzzeitung in Frankfurt und die letzten fünf davon als Anführer von Handelsblatt online. Als Kommunikationschef von Ergo, Sprecher im Wirtschaftsministerium und Startup-Mitgründer kennt er auch die andere Seite.