Business & Beyond 100.000 Jobs auf der Kippe: Deutschlands Auto-Mythos kracht in die Realität

100.000 Jobs auf der Kippe: Deutschlands Auto-Mythos kracht in die Realität

Bosch kündigt 13.000 Stellenstreichungen an, doch das ist erst der Anfang. Experten prognostizieren bis 2030 den Verlust von 100.000 Arbeitsplätzen in der deutschen Zuliefererindustrie. Der dreifache Schlag aus KI, Protektionismus und globalem Wettbewerb trifft auch andere Branchen.

Der deutsche Industriestandort erlebt ein Erdbeben. Während Bosch 13.000 Stellen in der Mobilitätssparte streicht, warnt Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer bereits vor dem nächsten Schlag: Bis 2030 könnten rund 100.000 weitere Arbeitsplätze bei Automobil-Zulieferern verschwinden. Ein Kahlschlag, der laut „Merkur“ vor allem kleinere und mittlere Unternehmen sowie Maschinenbauer treffen wird. Die Chance, dass diese Jobs in Deutschland jemals wieder entstehen? Gleich null.

Dreifacher Strukturwandel trifft deutsche Industrie

Was aktuell passiert, ist mehr als eine normale Konjunkturdelle. Die deutsche Industrie steckt in einem dreifachen Strukturwandel fest. Erstens: Der globale Wettbewerb – besonders aus China – drückt massiv auf Margen und Produktionskosten. Zweitens: Protektionistische Handelspolitik, wie die US-Zölle, verschärft den Kostendruck. Drittens: KI-Technologien machen zahlreiche Ingenieurs- und Verwaltungsjobs überflüssig.

Bis 2030 könnten 30 Prozent der heutigen Arbeitsstunden durch Technologie ersetzt werden, berichtet „Focus“ unter Berufung auf eine Studie des McKinsey Global Institute. Bereits jetzt ist die Zahl offener Stellen im ersten Quartal 2025 um 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken. Die Botschaft ist klar: Der Wandel findet nicht in ferner Zukunft statt – er läuft bereits.

Fünf Branchen im Umbruch

Nicht nur die Automobilindustrie steht unter Druck. Laut „Focus“ sind mindestens fünf Schlüsselbranchen besonders gefährdet: Neben der Automobilzulieferung auch Maschinenbau, Energietechnik, Telekommunikation sowie Banken und Versicherungen.

Bei Unternehmen wie ZF, Schaeffler und Continental könnten demnach bald ähnliche Hiobsbotschaften folgen wie bei Bosch. Jürgen Mindel, Geschäftsführer beim Verband der Automobilindustrie (VDA), nennt gegenüber „Merkur“ weitere Faktoren: „Die Nachfrage in Europa und den USA ist weiter schwach, zudem ist die allgemeine wirtschaftliche Lage hierzulande schwierig.“ Hinzu kommen Regulierungsdruck, hohe Energiepreise, Steuern und Bürokratie.

Politik reagiert – spät, aber immerhin

Angesichts der Krisenstimmung hat Bundeskanzler Friedrich Merz für den 9. Oktober einen Autogipfel einberufen. Teilnehmen werden Minister, Ministerpräsidenten aus Autoländern sowie Vertreter von Herstellern, Zulieferern und Gewerkschaften. Ob dabei mehr als warme Worte herauskommen, bleibt abzuwarten.

Die historische Dimension des Wandels ist jedenfalls klar: Wie bei der Industrialisierung im 19. Jahrhundert oder der Digitalisierung in den 1990ern stehen wir vor einer massiven Umwälzung der Arbeitswelt. Damals wie heute gilt: Nach schmerzhaften Anpassungsphasen entstehen neue Chancen – allerdings nicht für alle und nicht automatisch am Standort Deutschland.

Business Punk Check

Der Autogipfel wird wenig ändern, denn die Krise ist strukturell, nicht konjunkturell. Deutschland hat zu lange auf alte Stärken vertraut und den Dreiklang aus Digitalisierung, Energiewende und globaler Neuordnung verschlafen. Die Wahrheit ist unbequem: Wir können nicht gleichzeitig höchste Löhne, kürzeste Arbeitszeiten, teuerste Energie und komplexeste Bürokratie haben – und dann mit China konkurrieren.

Der Standort braucht keinen Gipfel, sondern einen radikalen Reset: Weniger Regulierung, schnellere Genehmigungen, wettbewerbsfähige Energiepreise. Wer jetzt auf staatliche Rettung wartet, hat bereits verloren. Erfolgreiche Unternehmen setzen auf Spezialisierung, KI-Integration und agile Strukturen. Die Zukunft gehört nicht den Größten, sondern den Anpassungsfähigsten.

Häufig gestellte Fragen

  • Welche Branchen sind neben der Automobilindustrie vom Stellenabbau bedroht?
    Neben der Automobilzulieferung sind besonders Maschinenbau, Energietechnik, Telekommunikation sowie Banken und Versicherungen gefährdet. In all diesen Bereichen sorgen KI-Automatisierung, globaler Wettbewerb und strukturelle Veränderungen für massiven Anpassungsdruck.
  • Wie können sich Fachkräfte auf den Strukturwandel vorbereiten?
    Erfolgreiche Fachkräfte setzen auf Kombi-Kompetenzen: Die Verbindung aus Branchenwissen und KI-Verständnis macht sie wertvoller. Gleichzeitig sollten sie aktiv Change-Rollen übernehmen und Veränderungsprozesse mitgestalten, statt sie zu erleiden. Agiles Denken und kontinuierliche Weiterbildung sind entscheidend.
  • Was müsste die Politik konkret tun, um den Industriestandort zu stärken?
    Statt symbolischer Gipfeltreffen braucht es einen Bürokratieabbau mit messbaren Zielen, wettbewerbsfähige Energiepreise durch einen technologieoffenen Energiemix und beschleunigte Genehmigungsverfahren. Zudem müsste die digitale Infrastruktur massiv ausgebaut und Bildungsinvestitionen in KI und Zukunftstechnologien erhöht werden.
  • Welche Mittelständler haben bessere Überlebenschancen in der Transformation?
    Unternehmen mit hoher Spezialisierung, flexiblen Strukturen und früher KI-Integration sind klar im Vorteil. Besonders erfolgreich sind jene, die sich von reinen Produktlieferanten zu Lösungsanbietern entwickeln und ihre Geschäftsmodelle um digitale Services erweitern. Entscheidend ist auch die Fähigkeit, internationale Märkte jenseits der klassischen Absatzregionen zu erschließen.

Quellen: „Merkur“, „Focus“

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