Tech & Trends Du kannst Gott zu mir sagen

Du kannst Gott zu mir sagen

Die Tech-Elite dieser Welt hat sich aufgemacht, das ewige Leben zu erforschen. Eigennützige Motive sind nicht ausgeschlossen.

Geboren wird man nur mit Rückfahrkarte? Blödsinn, sagt Meta-Chef Mark Zuckerberg, Jahrgang 1984. Abseits seiner digitalen Reiche hat er im Meta-Imperium einen Forschungszweig eingeführt, der sich dem Kampf gegen die tödliche Krankheit namens Altern widmet. Für Zuckerberg ist es mittlerweile sein zentrales Lebensthema: 2015 fragte ihn Stephen Hawking einmal, welche großen wissenschaftlichen Fragen ihn antreiben. Seine Antwort: „Am meisten interessiere ich mich für Fragen zum Menschen. Was wird es uns ermöglichen, ewig zu leben? Wie können wir alle Krankheiten heilen? Wie funktioniert das Gehirn?“ Heute glaubt er fest, dass gegen Ende dieses Jahrhunderts ein Alter jenseits der 100 Jahre normal sein könnte. Spielt er Gott?

Zuckerberg ist nicht allein. Die Silicon-Valley-Elite hat sich dem „Endgegner Tod“ verschrieben – mit dem klaren Motto: nicht mit uns. Da ist Larry Ellison, Jahrgang 1944 – und alterslos wirkend. Er investierte über Jahrzehnte massiv gegen das, was er als mysteriöses Phänomen Tod bezeichnet. Bereits 1997 gründete er die Ellison Medical Foundation zur Förderung der biomedizinischen Grundlagenforschung rund ums Altern. Bis Ende 2013 vergab die Stiftung rund 398 Millionen Euro – etwa 80 Prozent davon flossen in Projekte rund um ewiges Leben.

Larry Page, 52 Jahre alt, stieg ebenfalls 2013 in den Anti-Aging-Bereich ein. Er gründete die California Life Company – besser bekannt als Calico Labs – mit dem Ziel, Medikamente gegen altersbedingte Krankheiten zu entwickeln. Calico gilt als Vorläufer von Altos Labs, einem Start-up zur Zellverjüngung, bei dem auch Jeff Bezos (60) mitmischt. Sergey Brin, ebenfalls 52 Jahre alt, brachte persönlich durch eine genetische Disposition die Motivation mit, Parkinson zu bekämpfen. Laut „Forbes“ gab er in den letzten 15 Jahren über eine Milliarde US-Dollar zur Erforschung dieser Krankheit aus – mit dem erklärten Ziel, den Alternsprozess insgesamt aufzuhalten.

Nicht zu vergessen: Sean Parker (45), Mitgründer von Napster, dessen Parker Foundation etwa 600 Millionen US-Dollar in Biowissenschaften und globale Gesundheitsprojekte steckte. Und Yuri Milner (63) vergibt über seine Milky Way Research Foundation Millionenzuschüsse für Langlebigkeitsforschung, etwa zur zellulären Reprogrammierung, die neue Anti-Aging-Gene entdeckbar machen könnte. Doch wie realistisch ist das Ganze?

Jochen Maas – bis vor kurzem Forschungschef bei Sanofi Deutschland – bremst: Bisher habe die Wissenschaft beim Menschen wenig bewirkt. Die durchschnittliche Lebenserwartung sei zwar gestiegen – inzwischen bei rund 88 Jahren (Frauen) bzw. 84,2 Jahren (Männer). Die natürliche Lebensspanne bleibe aber bei maximal etwa 120 Jahren. Historisch gesehen gab es schon im Mittelalter sehr alte Menschen – Michelangelo soll den „David“ mit etwa 88 Jahren gemeißelt haben. In Wahrheit sei man nicht viel weiter als früher.

Im Tierversuch sieht Maas Fortschritte: „Meta führt ernstzunehmende Experimente etwa mit Stammzelltransplantation durch. Bei Mäusen konnte tatsächlich eine Lebensverlängerung erzielt werden. Aber frühestens um 2040 oder 2045 könnten wir entsprechende Ansätze am Markt sehen.“

Während also seriöse Stimmen vorsichtig bleiben, überschlagen sich Futuristen in Euphorie. José Cordeiro, Co-Autor des Buches „Der Sieg über den Tod“ (2017 Bestseller in Spanien), spricht vom täglichen Verlust von über 100 000 Menschen – ein Verbrechen gegen die Menschheit. Eine Anti-Aging-Heilung würde sich demnach durch wegfallende Alterskrankheiten und längere Erwerbsleben von selbst finanzieren.

Die Lebensverlängerungsfraktion setzt bewusst auf Geld und Wissenschaft statt auf Esoterik: Menschen am Lebensende klammern sich an jeden neuen Hoffnungsschimmer. Leben und Tod seien eben eine Frage der wirtschaftlichen Mittel. Noch immer liegt die durchschnittliche Lebenserwartung in Monaco bei 89,5 Jahren, in der Zentralafrikanischen Republik bei 53,7 Jahren.

Der Schriftsteller Dietmar Krug kritisiert, dass Jugendkult und Fitnesswahn eine Strategie der Selbstoptimierung begünstigen, als sei der Mensch eine Maschine, die durch Wartung maximale Leistung liefern solle. Doch solche ethischen Einwände stören die Tech-Elite kaum. Ihre möglichen Ansätze sind vielfältig: die quasi-unsterbliche Qualle Turritopsis dohrnii, deren Verjüngungspotenzial auf menschliche Zellen übertragbar wäre; Stammzelltherapien, genetische Reprogrammierung, Geweberegeneration, Kryokonservierung von Zellen in flüssigem Stickstoff – und eines Tages vielleicht ein digitales Gehirn-Backup mit Bewusstsein.

Aber die Frage bleibt: Wollen wir das überhaupt? Die europäische Herangehensweise der Superreichen sieht anders aus als die Euphorie der Silicon-Valley-Größen. Ein gutes Beispiel ist die hanseatische Unternehmerlegende Klaus-Michael Kühne (88). Er betreibt im Schweizer Davos eine Hochgebirgsklinik für Herzkrankheiten, in der er sich selbst schon operieren ließ. Auch er träumt vom ewigen Leben – und hat sich dennoch auf dem Friedhof in Hamburg-Olsdorf, in der Nähe von Helmut Schmidt, Heinz Erhardt und dem Grab des eigenen Vaters Alfred, einen Platz reservieren lassen. Klar wird: Realismus siegt. Jedenfalls hierzulande.

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