Business & Beyond Tropenfeeling auf dem Gästeklo: Wie die Bürokratie die Energiewende ausbremst

Tropenfeeling auf dem Gästeklo: Wie die Bürokratie die Energiewende ausbremst

325 000 Jobs sind in Deutschland nur deswegen da, weil bürokratische Vorschriften abgearbeitet werden müssen, zeigt eine offizielle Studie. Einer, der das am eigenen Leib erlebt, ist Wolfgang Gründinger. Sein großgewordenes Start-up sitzt ausgerechnet in einem Kernbereich deutscher Hoffnungen. Sein Geschäft ist die Energiewende.

Deutschland will beim Klimaschutz Tempo machen – doch wer die Energiewende wirklich vorantreibt, hat oft das Gefühl, im Rückwärtsgang zu fahren. Denn während Politik und Wirtschaft von Dekarbonisierung, Elektrifizierung und Transformation sprechen, kämpfen die Praktiker der Energiewende mit Formularen, Zulassungen und Genehmigungen. Einer, der das Tag für Tag erlebt, ist Wolfgang Gründinger.

Der 39-Jährige ist Energiewende Pionier vertritt das Berliner Energieunternehmen Enpal nach außen. Vor viereinhalb Jahren kam er zu dem damals noch jungen Start-up, das als erstes Unternehmen in Deutschland Solaranlagen online verkaufte – ein digitaler Bruch mit der Tradition des Haustürgeschäfts und der Vertreterordner, die bis dahin die Branche dominierten. Inzwischen ist Enpal der größte Solarinstallateur Europas. Mehrere tausend Systeme bringt das Unternehmen jeden Monat ans Netz, knapp 10 Prozent Marktanteil in Deutschland verbuchen die Berliner. Dazu kommen 1000 Wärmepumpen-Installationen pro Monat, ein eigenes Smartmeter-Geschäft und der Stromhandel: Enpal kauft Strom ein, verkauft ihn wieder. Mehr als 3000 Mitarbeiter arbeiten inzwischen für das Unternehmen, davon ein Drittel in der Montage. Knapp eine Milliarde Euro Umsatz hat Enpal 2024 gemacht. Es ist ein Musterbeispiel für die neue, digitale Energiewirtschaft – und gleichzeitig ein Lehrstück, wie Deutschland sie ausbremst.

Gründinger beschreibt, wie aus guter Regulierung lähmende Bürokratie wird. „Das Erneuerbare-Energien-Gesetz ist eigentlich eine tolle Sache“, sagt er – und dann kommt das „Aber“: Wer Solarstrom ins Netz einspeist, bekommt etwa acht Cent pro Kilowattstunde vom Staat. Morgens jedoch, wenn viele Haushalte Strom brauchen, fließt kaum etwas ins Netz, weil der Solarstrom die Batterien zuhause lädt. Mittags dagegen, wenn die Sonne scheint, sind die Batterien voll – und alle speisen gleichzeitig ein. Die Folge: Das Netz glüht, und es gibt zu viel Strom, der am Markt nichts wert ist. Der Staat zahlt trotzdem. So entstehen paradoxe Situationen: morgens Strommangel, mittags Stromüberfluss, abends Leere im Netz – und dazwischen jede Menge ineffiziente Bürokratie.

Das „Heilige Römische Reich deutscher Netzbetreiber“

Enpal versucht, das zu ändern. Das Unternehmen vernetzt die Speicher seiner Kunden zu einem virtuellen Großspeicher, der Strom dann bereitstellt, wenn er gebraucht wird. Das ist für viele Unternehmen ein Problem: Denn dafür braucht es eine intelligente Steuerung, Smart Meter eben – und die scheitert oft an Vorschriften, die aus einer analogen Welt stammen. Wenn Gründinger von den Netzbetreibern spricht, klingt es, als würde er über ein mittelalterliches Feudalsystem reden. „Es gibt 900 Netzbetreiber in Deutschland“, sagt er. „Jeder hat eigene Formulare, eigene Prozesse, eigene Fristen. Das ist das Heilige Römische Reich deutscher Netzbetreiber.“ Für jede neue Solaranlage muss Enpal zwei Anmeldungen durchführen: eine bei der Bundesnetzagentur und eine beim jeweiligen Netzbetreiber. Schon das kann dauern.

Manche Formulare lassen keine Sonderzeichen oder Buchstaben in der Hausnummer zu. „Wenn ein Kunde in der 14a wohnt, lehnt der Netzbetreiber die Anmeldung ab, weil das System die Adresse nicht kennt“, erzählt Gründinger.

Die Folge: Telefonate, Nachweise, manuelle Korrekturen – ein Prozess, der Wochen oder Monate dauern kann. Enpal hat inzwischen eine eigene Abteilung mit 100 Mitarbeitern, die nichts anderes tun, als mit Netzbetreibern zu kommunizieren, um Anmeldungen zu korrigieren oder Freigaben zu beschleunigen. Diese 100 sind Teil jener Armee von 325 000 Menschen in Deutschland, die laut Berechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Deutschland in den vergangenen drei Jahren eingestellt wurden, um den Bürokratieberg zu bewältigen.

Und selbst danach geht es weiter: Um Strom verkaufen zu dürfen, braucht man eine sogenannte Marktlokationsidentifikationsnummer – kurz und schrecklich: MaLoID. Diese wird vom Netzbetreiber vergeben. „Das dauert manchmal bis zu ein Jahr“, sagt Gründinger, was kein böser Wille, keine Sabotage, sondern schlicht bürokratische Kleinstaaterei sei. Und ein Mangel an Digitalisierung.

Besonders absurd wurde es bei den sogenannten Smartmetern, den intelligenten Stromzählern. Enpal wollte sie selbst installieren, um die Energieflüsse der Kunden zu steuern. Doch das war lange Zeit praktisch verboten. „Wir durften die Geräte nicht im Auto lagern, nicht im Büro, sondern nur in einem Raum mit zehn Zentimeter dicken Wänden und Zylinderschloss“, erinnert sich Gründinger. „So stand es in der Vorschrift.“ Erst unter Wirtschaftsminister Robert Habeck wurde diese Regelung entbürokratisiert. Heute dürfen Smartmeter ganz normal verschickt werden – per Paketdienst. Ein Fortschritt, aber einer, der spät kam. Das nächste Hindernis: überhaupt an einen Smartmeter kommen. Aktuell haben beispielsweise über 200 der knapp 900 Netzbetreiber noch keinen einzigen Smart Meter verbaut. Enpal baut die Geräte nun einfach selbst ein.

Noch kafkaesker wird es beim E-Auto-Laden. Eigentlich könnten viele Fahrzeuge ihren Strom zurück ins Netz speisen, wenn die Preise dort zu hoch sind – also Teil einer intelligenten Stromsteuerung werden. Doch gesetzliche Vorgaben machen das zurzeit horrend teuer.  Die Regulierung will, dass jede einzelne Kilowattstunde exakt gemessen werden muss. Dafür braucht man aber einen zusätzlichen Zähler, der sich brav an das deutsche Eichrecht halten muss. Das klingt nach deutscher Präzision – ist aber in der Praxis Unsinn, weil die meisten Wallboxen diese Genauigkeit gar nicht erreichen. Ergebnis: Statt Energieflüsse zu steuern, bleiben Millionen Kilowattstunden im Auto stecken. In Frankreich ist es anders, dort müssen sich die Autos nicht an ein vergleichbares Eichrecht halten. Auch deswegen klappt im Nachbarland das E-Auto-Laden viel besser.

Auch bei der Wärmewende regiert der Paragraf. Wer eine Wärmepumpe einbauen und dafür staatliche Förderung beantragen will, muss nachweisen, dass jeder Raum im Haus – wirklich jeder – bei minus zehn Grad Außentemperatur auf 20 Grad Innentemperatur beheizt werden kann. „Dabei will niemand im Hobbykeller dauerhaft 20 Grad“, sagt Gründinger.
Doch die Vorschrift verlangt den Nachweis. Das heißt: große Heizkörper, Tropenfeeling auf dem Gästeklo und mehr Bürokratie – für eine Förderung, die eigentlich Effizienz belohnen sollte. Für Gründinger steht fest: Die Energiewende braucht weniger Ideologie und mehr Pragmatismus. „Wir müssen weg von der Eigenoptimierung, hin zur Systemoptimierung“, sagt er. „Die Technik ist da, die Menschen sind bereit – aber das System ist nicht darauf ausgelegt, dass es einfach funktioniert.“ Würden Netzbetreiber, Speicher und Verbraucher vernetzt agieren, ließen sich nach einer aktuellen Studie der New Energy Alliance Milliarden Euro einsparen – und die Energiewende würde nicht an Formularen, sondern an Innovationen gemessen. Doch die Realität zeigt: Der Bürokratiedschungel wird eher dichter. Deutschland muss jetzt eine neue EU-Verbraucherkreditrichtlinie in nationales Gesetz umsetzen. Der Entwurf sollte eigentlich nur junge Menschen vor „buy now, pay later“-Krediten schützen. Nun verhaftet er aber Finanzierungslösungen für Erneuerbare Energien gleich mit und bürdet ihnen allerlei bürokratische Berichts- und Schulungspflichten auf. Klar wird am Beispiel Enpal: Nicht Windflauten oder Wolken bremsen die Energiewende, sondern Vorschriften, Fristen und Formulare. Die Energiewende scheitert nicht an der Physik – sie scheitert am Papier.


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