Business & Beyond Millionen für den Stadtbummel: „Nachhaltige Stadtrundgänge“ werden als Entwicklungshilfe gefördert

Millionen für den Stadtbummel: „Nachhaltige Stadtrundgänge“ werden als Entwicklungshilfe gefördert

Statt Brunnen in Afrika gibt’s Rundgänge durch deutsche Klamottenläden: Das Entwicklungshilfeministerium finanziert Projekte, die Wirtschaft und Konsum kritisieren. Der Bund der Steuerzahler ist fassungslos.

Deutschland geht finanziell am Stock, die Wirtschaftsweisen warnen vor dem Zusammenbruch – aber es gibt dennoch Geld für Projekte, deren Nutzen zumindest auf den ersten Blick nicht ganz auf der Hand liegt: zum Beispiel für „konsumkritische Stadtrundgänge“. Sie sind Teil des 43-Millionen-Euro schweren Programms zur „Förderung der entwicklungspolitischen Bildung“, das das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) aufgelegt hat. Und wer glaubt, dass dieses Programm vor allem Entwicklungshilfe-Ländern zugutekommt, irrt: Das Geld wird ausschließlich im Inland unters Volk gebracht. Es ist Entwicklungshilfe für den deutschen Schreibtisch – auch das will erst einmal erklärt sein.

Der Reihe nach: Das sogenannte Programm „entwicklungspolitische Bildung“ richtet sich an gemeinnützige Organisationen in Deutschland – Vereine, Stiftungen, Museen, Bibliotheken, Schulen –, die lebensnah und anschaulich entwicklungspolitische Themen aufgreifen. Gefördert werden Seminare, Projekttage, Kampagnen, Ausstellungen, Theater und eben auch Stadtrundgänge. Zielgruppe sind Kinder, Jugendliche, Lehrer sowie „gesellschaftliche Gruppen im Globalen Norden“.  Es gehe darum, globale Zusammenhänge sichtbar zu machen, zu zeigen, wie Wirtschaft, Umwelt, Konsum, Politik, Kultur miteinander verschränkt sind, heißt es von den Machern. Der Gedanke: Wer hier konsumiert, trägt in Entwicklungsländern mit dazu bei, dass dort Probleme verschärft werden. Die gemeinnützige bundeseigene Gesellschaft „Engagement Global“ wickelt das Projekt ab. Das BMZ erklärt dazu: Ziel der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit sei unter anderem, „die Situation der Länder des Globalen Südens und ihre Verflechtung mit den OECD-Staaten darzustellen“.

Das noble Ziel führt in der Praxis jedoch zu skurrilen Folgen. So wurden vor diesem Hintergrund quer durch die Republik sogenannte „konsumkritischen Stadtrundgänge“ gefördert. Über dieses Format heißt es bei einem lokalen Kölner Veranstalter: Man betrachte „Lebensmitteldiscounter, Klamottengeschäft, Weltladen und einiges mehr aus globalem Blickwinkel. Denn wir alle leben jeden Tag ein globales Leben – hier in Köln und in jeder anderen Stadt auf dieser Erde.“ Es lässt sich also vermuten, dass es um Postwachstum, Kapitalismuskritik und ähnliche Wohlfühlthemen für jene geht, die am Wochenende gern im Unverpacktladen Schlange stehen. Dass die Fördersummen wie ausgewürfelt erscheinen, überrascht wenig: Die Beträge pro Träger liegen zwischen 500 und 6000 Euro – in Städten unterschiedlichster Größe, von Bayreuth bis Berlin. Eine Korrelation mit Einwohnerzahl oder anderen nachvollziehbaren Kriterien? Fehlanzeige.

Neben Kölle Global in Köln haben zum Beispiel auch ein Rostocker Verein, eine Agentur in Aachen und andere Träger in der Republik „Konsumkritische Stadtrundgänge“ angeboten. Im vergangenen Jahr schließlich ist der Bund der Steuerzahler auf sie aufmerksam geworden und fragte nach: „Warum finanziert der Staat mit Steuergeld – das zuallererst durch Wirtschaftswachstum und Konsum zustande kommt – Projekte, die genau dieses Wachstum und diesen Konsum kritisch beleuchten?“ Das Ministerium habe nach dieser Anfrage aus den „Konsumkritische Stadtrundgänge“ „Nachhaltige Stadtrundgänge“ gemacht, berichtet der Steuerzahlerbund.

Bleibt die Frage: Wird all das wenigstens auf seinen Nutzen überprüft? Natürlich, sagt das BMZ empört. Regelmäßig sogar: Die Projekte würden „in der Regel mittels Teilnehmendenbefragung“ bewertet. Das bedeutet: Die Empfänger der Fördersumme fragen ihre eigenen „Teilnehmenden“ – und alle finden’s toll. Der Kreis schließt sich. Nur Menschen in Entwicklungsländern profitieren davon ungefähr so sehr wie Magdeburg vom Hauptstadtbonus.

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