Green & Generation Gen Z flüchtet vor KI ins Handwerk

Gen Z flüchtet vor KI ins Handwerk

Praktische Berufe statt Bürojobs: Fast die Hälfte der jungen Erwachsenen setzt auf handwerkliche Karrieren – aus Angst vor KI-Disruption und dem Wunsch nach sinnstiftender Arbeit.

Die Arbeitswelt erlebt einen bemerkenswerten Stimmungswandel. Während Handwerksbetriebe jahrelang verzweifelt nach Nachwuchs suchten, entdeckt die Generation Z plötzlich ihre Liebe zu Hammer, Schraubenschlüssel und Co. Laut einer aktuellen LinkedIn-Umfrage ziehen 47 Prozent der 18- bis 28-Jährigen einen praktischen Beruf dem klassischen Bürojob vor. Dahinter steckt nicht nur der Wunsch nach sinnstiftender Arbeit, sondern auch eine überraschend nüchterne Zukunftskalkulation.

KI-Angst treibt Gen Z ins Handwerk

Die Sorge vor künstlicher Intelligenz entwickelt sich zum entscheidenden Karrierefaktor für junge Menschen. Über 53 Prozent der Gen Z treffen ihre Berufswahl mittlerweile danach, wie „KI-sicher“ ein Job ist, wie die Erhebung von „LinkedIn“ zeigt. „Wir beobachten, dass sich der Berufseinstieg gerade stark wandelt, unter anderem durch den Einfluss von KI. Junge Menschen stehen vor der Aufgabe, sich auf veränderte Anforderungen einzustellen und suchen nach krisensicheren, sinnstiftenden Alternativen zu klassischen Bürojobs“, so Barbara Wittmann, Country Managerin DACH bei LinkedIn.

Diese strategische Neuorientierung könnte den Fachkräftemangel im Handwerk lindern. Während Industriekonzerne ihre Personalplanung zurückfahren, eröffnet sich für kleinere Betriebe ein strategisches Fenster. Besonders die Gesundheits- und Baubranche profitieren von diesem Trend, da sie als weniger anfällig für technologische Disruption gelten.

Sinnsuche statt Statusdenken

Der Wertewandel geht tiefer als nur die Angst vor KI-Disruption. Für 57 Prozent der jungen Befragten fühlen sich handwerkliche Tätigkeiten sinnstiftender an als klassische Bürojobs, wie „Deutsche Handwerks Zeitung“ berichtet. Teamarbeit (32 Prozent) und Kreativität (24 Prozent) sind dabei zentrale Faktoren.

Die Wahrnehmung praktischer Berufe hat sich fundamental gewandelt – nicht zuletzt durch die Pandemie, die den Wert systemrelevanter Tätigkeiten ins öffentliche Bewusstsein rückte. Dennoch kämpfen viele junge Menschen gegen gesellschaftliche Erwartungen. Fast 40 Prozent der Gen Z spüren sozialen Druck, einen Bürojob zu wählen, weil sie befürchten, dass Familie und Freunde handwerkliche Berufe geringer schätzen. Mehr als vier von zehn jungen Erwachsenen berichten, dass ihre Eltern aktiv von nicht-akademischen Laufbahnen abraten.

Sichtbarkeitsproblem im digitalen Raum

Die fehlende digitale Präsenz erweist sich als Achillesferse für Handwerksbetriebe. Über die Hälfte der Gen Z gibt an, dass Fach- und Handwerksberufe in sozialen Medien kaum sichtbar und dadurch weniger attraktiv seien. Hier liegt ein entscheidender Wettbewerbsnachteil gegenüber Bürojobs, die in der digitalen Welt omnipräsent sind.

Die Zahlen offenbaren eine klare Marktlücke für mittelständische Betriebe: Wer jetzt in zeitgemäßes Employer Branding investiert, kann im Wettbewerb um junge Talente punkten. Transparente Karrierewege, Skills-basierte Einstellungsverfahren und authentische Kommunikation auf digitalen Kanälen werden zu entscheidenden Erfolgsfaktoren.

Business Punk Check

Der Trend zum Handwerk ist kein romantischer Rückzug ins Analoge, sondern knallharte Zukunftsstrategie einer Generation, die die Disruption durch KI hellwach antizipiert. Während Konzerne und Politik noch über theoretische KI-Regulierung debattieren, trifft die Gen Z bereits praktische Karriereentscheidungen. Die wahre Revolution findet nicht in Tech-Hubs statt, sondern in Werkstätten und auf Baustellen.

Für den Mittelstand bedeutet dies: Wer jetzt digital sichtbar wird und moderne Arbeitskultur bietet, sichert sich die klügsten Köpfe einer Generation, die Handarbeit neu definiert. Der akademische Weg bleibt dennoch dominant – über 56 Prozent eines Jahrgangs beginnen weiterhin ein Studium. Die Wirtschaftspolitik muss diese Parallelentwicklung anerkennen und beide Karrierepfade gleichwertig fördern.

Häufig gestellte Fragen

  • Wie können Handwerksbetriebe die Gen Z trotz geringer Social-Media-Präsenz erreichen?
    Mittelständische Betriebe sollten in authentisches Content-Marketing auf Instagram und TikTok investieren, das den Arbeitsalltag, Teamkultur und konkrete Entwicklungsmöglichkeiten zeigt. Entscheidend ist die Darstellung von Sinnhaftigkeit und Kreativität im Beruf, nicht nur technischer Aspekte.
  • Welche Handwerksberufe gelten als besonders „KI-sicher“?
    Berufe mit komplexen manuellen Tätigkeiten in unstrukturierten Umgebungen bieten die höchste KI-Sicherheit: Sanitär-/Heizungs-/Klimatechnik, Elektroinstallation und spezialisierte Bauhandwerke. Zusätzlich profitieren Gesundheitshandwerke wie Orthopädietechnik von ihrer Kombination aus manueller Fertigkeit und persönlicher Kundenbetreuung.
  • Wie sollten Wirtschaftsverbände auf diesen Trend reagieren?
    Wirtschaftsverbände müssen ihre Lobbyarbeit neu ausrichten: Weg von der einseitigen Akademisierungsforderung, hin zu gleichwertiger Förderung praktischer und akademischer Bildungswege. Konkret bedeutet das: Investitionen in moderne Ausbildungszentren, Digitalisierung des Handwerks und gezielte Imagekampagnen, die handwerkliche Berufe als zukunftssicher positionieren.
  • Welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen könnten den Trend zum Handwerk verstärken?
    Steuerliche Anreize für Ausbildungsbetriebe, Modernisierung der Meisterausbildung mit digitalen Komponenten und gezielte Förderung von Handwerks-Startups würden den Trend verstärken. Besonders wirksam wäre eine Gleichstellung der finanziellen Förderung von akademischer und beruflicher Bildung sowie die Integration von Handwerksmodulen in Schulcurricula.

Quellen: „Deutsche Handwerks Zeitung“, „wiwo.de“

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