Business & Beyond Härter als ihr Kanzler: Katherina Reiche geht dort voran, wo Merz zögert

Härter als ihr Kanzler: Katherina Reiche geht dort voran, wo Merz zögert

Die Wirtschaftsministerin lässt Gaskraftwerke bauen, fordert längeres Arbeiten und strengere Regeln beim Bürgergeld – und nimmt Konflikte bewusst in Kauf. Sie lässt den Kanzler alt aussehen.

Wer sie erlebt hat, kennt ihre Disziplin. Der Schreibtisch: immer aufgeräumt. Der Auftritt: pünktlich. Die Sprache: schnörkellos. Ihre Karriere liest sich wie ein Lehrbuch ostdeutscher Selbstermächtigung. Katherina Reiche geboren 1973 in Luckenwalde, ist eine Frau der klaren Worte und harten Analysen – eine Politikerin, die Reformen anmahnt, und sie, wo sie kann, umsetzt, wenn andere zögern. Seit dem 6. Mai 2025 ist sie Bundesministerin für Wirtschaft und Energie im Kabinett von Kanzler Friedrich Merz. Und während Merz oft wie ein von der SPD getriebener unentschlossene Mitte-Politiker wirkt, prägt Reiche die konservative Agenda offensiv als wäre sie Deutschlands Schattenkanzlerin.  

Die promovierte Chemikerin und langjährige CDU-Politikerin saß zwischen 1998 und 2015 im Bundestag, war Staatssekretärin in Umwelt- und Verkehrsministerien und kehrte nach einem Jahrzehnt in der Wirtschaftspolitik in die politische Spitzenebene zurück. Die Kombination aus politischem Erfahrungsschatz und wirtschaftlicher Erfahrung macht sie zu einer der profiliertesten Stimmen der Regierung. Privat ist Reiche seit diesem Jahr mit dem ehemaligen CSU-Minister Karl-Theodor zu Guttenberg liiert, die beiden sind ein Paar, das mediale Aufmerksamkeit auf sich zieht. Sie machten ihre Beziehung öffentlich, kurz bevor Reiche zur Ministerin ernannt wurde, es sollte keine Gerüchte geben.

Die Managerin im Ministerium

Die forsche Gangart der Ministerin stößt nicht nur außerhalb, sondern auch im eigenen Haus auf Widerstand. In den Abteilungen ihres Ministeriums gilt Reiche als fordernd, mitunter als ungeduldig. Beamte berichten von hohem Tempo, knappen Fristen und wenig Neigung zu ministerialer Schonroutine. Nicht jeder folgt ihrem Kurs widerstandslos, manche vermissen den ausgleichenden Ton, den frühere Amtsinhaber pflegten. Reiche nimmt das in Kauf. Führung, so ihr Verständnis, bedeutet nicht Moderation um jeden Preis, sondern Richtungsvorgabe – gerade in Zeiten, in denen politische Entscheidungen wieder Wirkung entfalten sollen.

Ein zentraler Punkt in ihrer Agenda ist die Energieversorgung Deutschlands. Reiche fordert einen pragmatischen Kurs: „Wir brauchen flexible Gaskraftwerke, die dann Strom liefern, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint“, sagt sie und setzt damit ein deutliches Zeichen für den raschen Neubau von Gaskraftwerken, während andere noch von Brückentechnologie mit kurzer Restlaufzeit träumen. Entsprechend geteilt sind die Reaktionen. „Wir wollen den Bau neuer steuerbarer Kraftwerke schnell auf den Weg bringen – und wir unterstützen die Ministerin dabei, diese Kapazitäten zügig auszuschreiben“, sagt Kerstin Andreae, Präsidentin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft. Ricarda Lang dagegen, ehemalige Grünen-Chefin sieht es so: „Die Gaslobby will mit fossilen Energien weiter Milliarden machen. … Mein Eindruck ist, dass sich insbesondere Katherina Reiche nicht primär als Wirtschaftsministerin, sondern als deren Hauptvertreterin versteht.“ Sie warnt vor einem Rückfall in fossile Abhängigkeiten. Vertreter der Umweltschutzorganisation Urgewald kritisierten, dass der Fokus auf Gas „zu einer Aufweichung der Klimaziele“ führen könne und den dringend notwendigen Ausbau erneuerbarer Energien verzögern würde.

Rentendebatte und Bürgergeld-Reform

Reiche hält das nicht auf. Im Gegenteil: Ihr Reformeifer beschränkt sich nicht auf Energie. In diesem Sommer eröffnete sie die Debatte um eine längere Lebensarbeitszeit. „Wir können nicht ein Drittel des Erwachsenenlebens in Rente verbringen“, sagte die forsche Ministerin in einem Interview, in dem sie eine ehrliche gesellschaftliche Auseinandersetzung über die steigenden Belastungen des Rentensystems forderte. Die Aussage löste prompt und erwartbar scharfe Kritik aus: Sozialverbände und Gewerkschaften warnten davor, dass eine Verlängerung der Arbeitszeit faktisch eine Rentenkürzung durch die Hintertür sein könne, und bezeichneten den Vorstoß als „fern der Lebensrealität“. Teile der eigenen Partei warnten, der Reformvorschlag sei nicht im Koalitionsvertrag verankert. Doch die Debatte um die Rente zeigt ein wiederkehrendes Muster: Reiche tritt dort auf, wo Reformbedarf spürbar ist, in einer Sprache, die mehr nach Weckruf als nach Kompromiss klingt.

Auch bei der jüngsten Bürgergeld-Reform zeigt sich die Ministerin konsequenter als ihr Chef, der Kanzler. Ursprünglich sollte der dazu verfasste Gesetzentwurf der SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas noch in der vergangenen Woche im Kabinett beschlossen werden. Doch Reiche setzte – gemeinsam mit Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) – einen formalen Einspruch gegen zentrale Regelungen für Jobverweigerer durch, die ihr im bisher abgestimmten Regierungsentwurf nicht weit genug gehen. Sie stoppte so die Beschlussfassung kurz vor dem Termin. Kritik aus der SPD folgte prompt. Merz muss nun vermitteln, während Reiche ihre Bedenken mit juristischen und inhaltlichen Einwänden begründet. Die Episode markiert ein weiteres Kapitel in ihrem Ruf als Ministerin, die Regierungskompromisse nicht einfach nur abnickt, sondern ihren eigenen Kopf durchsetzt.

Aus dem linken Spektrum kommen deswegen zunehmend harte Bewertungen, die ihr auf der rechten Seite Anerkennung einbringen: Nach ihren unsäglichen Aussagen zur Rente haut Reiche gleich den nächsten Klopper raus … und zeigt einmal mehr, wie wenig sie von den hart arbeitenden Menschen in diesem Land hält“, erklärte Ines Schwerdtner, Vorsitzende der Partei Die Linke, nach Reiches Forderungen zur Arbeitszeit und Rentendebatte.

Katherina Reiche ist damit mehr als nur irgendeine Ministerin im Kabinett Merz. Sie ist die feste Stimme harter Reformforderungen in einer Zeit, während der Kanzler oftzögert. Ob Energiepolitik, Arbeit oder Sozialstaat – Reiche prägt die Agenda. Für ihre Anhänger ist sie die, die Deutschland dringend braucht: eine Managerin, die einen klaren Kurs einfordert. Für ihre Kritiker bleibt sie zu marktwirtschaftlich, zu hart und zu wenig sensibel für soziale Realität.

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