Finance & Freedom Dönerpreis für Arztbesuch: Kassenchef Gassen will Gesundheitssystem umkrempeln

Dönerpreis für Arztbesuch: Kassenchef Gassen will Gesundheitssystem umkrempeln

Kassenärztechef Gassen fordert Praxisgebühr 2.0, Zuckersteuer und Streichung von Homöopathie. Seine radikalen Reformvorschläge sollen Milliarden bringen – Krankenkassen sind skeptisch.

Das deutsche Gesundheitssystem braucht frisches Geld – und die Patienten sollen es bezahlen. Mit diesem provokanten Vorschlag prescht Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, vor. Seine Idee: Eine „Praxisgebühr 2.0“ in Döner-Preislage, höhere Steuern auf Genussmittel und radikale Streichungen bei umstrittenen Leistungen.

Dönerpreis für die Gesundheit

„Zehn Euro Praxisgebühr pro Quartal sind zumutbar, das ist der Preis eines Döners“, erklärt Gassen laut „Bild“. Anders als beim gescheiterten Vorgängermodell sollen jedoch nicht die Arztpraxen das Geld eintreiben, sondern die Krankenkassen selbst. Die frühere Praxisgebühr brachte immerhin zwei Milliarden Euro jährlich in die Kassen. Zum Vergleich: Ein Hautarzt erhält derzeit nur etwa 15 Euro pro Patient und Monat.

Neben der Patientenbeteiligung setzt Gassen auf höhere Abgaben für ungesunde Produkte. Eine Zuckersteuer nach skandinavischem Vorbild sowie höhere Tabak- und Alkoholsteuern könnten Milliarden generieren. „Zwei Euro Steuern mehr pro Zigaretten-Packung wären doch ein guter Anfang. Das würde rund sieben Milliarden Euro im Jahr bringen“, zitiert „Focus“ den KBV-Chef. Entscheidend sei, dass diese Einnahmen zweckgebunden ins Gesundheitssystem fließen und nicht im allgemeinen Bundeshaushalt versickern.

Rotstift bei Globuli und Gesundheits-Apps

Bei den Ausgaben will Gassen ebenfalls ansetzen. Besonders die Homöopathie hat er im Visier: „Es gibt keine Evidenz, dass Homöopathie wirkt“, so Gassen laut „Merkur“. Die Kassen geben jährlich rund 50 Millionen Euro für Globuli und Co. aus – Geld, das nach Ansicht des Kassenärztechefs besser investiert werden könnte.

Noch teurer kommen die digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGAs). Zwischen 2020 und 2024 flossen laut „Focus“ etwa 234 Millionen Euro in Gesundheits-Apps – ohne nachgewiesenen medizinischen Nutzen, wie Gassen kritisiert. Es fehle an echter Nutzenbewertung und Kontrolle.

Die Kassen selbst sehen Gassens Vorschläge kritisch. „Einfach mehr Geld führt nicht zu einer besseren Versorgung, sondern konserviert nur die alten Strukturen“, kontert Florian Lanz vom GKV-Spitzenverband laut „Bild“. Das System habe kein Einnahmen-, sondern ein Ausgabenproblem. Auch Pharmaindustrie und Ärzte müssten ihren Beitrag leisten.

Business Punk Check

Der Vorstoß von Kassenärztechef Gassen ist mehr als nur ein Sparvorschlag – er ist ein Offenbarungseid des deutschen Gesundheitssystems. Die Rechnung ist simpel: Während Gesundheits-Apps und Homöopathie zusammen fast 300 Millionen Euro verschlingen, sollen Patienten mit Dönerpreisen die Finanzlücken stopfen. Gleichzeitig werden die strukturellen Probleme – Doppeluntersuchungen, ineffiziente Krankenhauslandschaft, überbordende Verwaltung – kaum angetastet.

Die wahre Innovation wäre ein System, das Prävention belohnt statt Krankheit zu verwalten. Stattdessen werden Zuckersteuer und Praxisgebühr als Allheilmittel präsentiert. Besonders pikant: Ausgerechnet der Vertreter der Ärzte fordert mehr Patientenbeteiligung, während die eigene Vergütungsstruktur unangetastet bleibt. Für Startups im Gesundheitssektor ist die Botschaft fatal: Wer digitale Lösungen entwickelt, steht unter Generalverdacht der Geldverschwendung – ohne dass etablierte Strukturen ähnlich kritisch hinterfragt werden.

Häufig gestellte Fragen

  • Was würde die Praxisgebühr 2.0 für Patienten konkret bedeuten?
    Anders als beim früheren Modell müssten Patienten nicht beim Arztbesuch zahlen. Die Krankenkassen würden die 10 Euro pro Quartal direkt einziehen – unabhängig davon, ob man einen Arzt aufsucht oder nicht. Chronisch Kranke müssten besonders geschützt werden, um Unterversorgung zu vermeiden.
  • Welche Auswirkungen hätten die Vorschläge auf den Mittelstand?
    Für mittelständische Unternehmen im Gesundheitssektor bedeuten die Vorschläge unterschiedliche Konsequenzen: Digital-Health-Startups müssten mit strengeren Nutzenbewertungen rechnen, während Anbieter präventiver Gesundheitsleistungen von Zuckersteuern profitieren könnten. Entscheidend wird sein, ob die Mehreinnahmen tatsächlich in Innovation statt in Verwaltung fließen.
  • Wie könnten sinnvolle Alternativen zu Gassens Vorschlägen aussehen?
    Statt pauschaler Gebühren wäre ein System denkbar, das gesundheitsbewusstes Verhalten belohnt – etwa durch Beitragsrückerstattungen für Präventionsmaßnahmen. Gleichzeitig müssten Effizienzreserven durch Digitalisierung und Entbürokratisierung gehoben werden. Ein echter Systemwandel würde Gesundheit honorieren, nicht Krankheit verwalten.
  • Welche Branchen würden von den vorgeschlagenen Reformen profitieren?
    Klare Gewinner wären Anbieter von Präventionslösungen und digitale Plattformen, die nachweisbare Gesundheitseffekte erzielen können. Verlieren würden Hersteller von Süßwaren, Tabak und Alkohol sowie Anbieter alternativer Heilmethoden ohne Wirksamkeitsnachweis. Für Tech-Unternehmen im Gesundheitssektor entsteht ein härterer, aber potenziell fairerer Wettbewerb.

Quellen: „Merkur“, „Bild“, „Focus“

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