Startup & Scaling Katja Riemann – Über ein Investment gegen die Trinkgewohnheiten einer Nation

Katja Riemann – Über ein Investment gegen die Trinkgewohnheiten einer Nation

Katja Riemann engagiert sich bei drynkspilot, weil sie an eine neue Form von Genuss glaubt: bewusst, frei, neugierig. Seit vielen Jahren lebt sie ohne Alkohol – nicht als Dogma, sondern als persönliche Entscheidung, die ihr Blick auf Geschmack, Gesundheit und Gesellschaft geschärft hat. Mit ihrem Investment und ihrem Beiratsmandat unterstützt sie ein Start-up, das alkoholfreien Premiumdrinks eine selbstverständliche Bühne gibt. Ein Gespräch über zeitgemäßen Genuss, die Freude am Entdecken und die Frage, wie man eine Kultur verändert, ohne laut werden zu müssen.

Sie waren nie der Typ für Markenbotschafterinnen-Rollen. Was musste passieren, damit Sie in den alkoholfreien Lifestyle-Markt einsteigen?

Mein Leben verläuft vermutlich anders, als man es sich gemeinhin vorstellt. Ich habe zum ersten Mal so ein Angebot bekommen, ehrlich gesagt, und als ich die beiden sympathischen Gründer Roland Große und Philipp Stradtmann in ihrem Laden in der Kantstraße in Berlin traf zum Kennenlernen und wirklich sehr interessiert war an dem, was sie da aufbauen, boten sie mir statt eines Werbevertrags eine Partnerschaft an. Ich hoffe, dass ich damit Ihre Frage beantworten konnte. Ich freue mich auf das, was kommt, ich möchte lernen, wie das Prozedere der Herstellung funktioniert. Interessanterweise ist es nämlich so, dass man einen Wein oder Champagner mit Alkohol herstellt und diesen in der zweiten Runde wieder entzieht.

Ihr Investment ist auch ein Statement gegen eine jahrzehntelang alkoholisierte Kultur. Welche Reaktionen aus der Branche haben Sie erwartet – und welche haben Sie bekommen? Molly-Weasley-Vibes oder Rolling-Stones-Schulterzucken?

Ich kann hier nicht für meine Partner, nur für mich sprechen, aber es geht mir nicht darum, gegen Alkohol zu sein, sondern für alkoholfreie Produkte, die Räume öffnen zu unbekannten Geschmackserlebnissen. Da entwickelt sich irgendwie etwas Neues oder jedenfalls noch nicht so Bekanntes und ich freue mich, dass ich da dabei sein darf.

Welche Branche meinen Sie? Meine Welt des Films und Theaters? Finden alle super! Aber ich fange ja quasi jetzt erst an. Heute. Mit Ihnen. Vielen Dank dafür.

Frauen über 50 werden in Deutschland gern in Wohlfühlrollen gedrängt. Jetzt investieren Sie radikal in ein Zukunftssegment. Was nervt Sie persönlich am deutschen Alkohol-Narrativ – und was wollen Sie daran verändern?

Also radikal investiere ich leider nicht, ich bin ja noch Neuling und habe nur wenige Prozente bei drynkspilot. Vermutlich sollte ich das nicht sagen… Mich nervt nichts, die Menschen sind erwachsen, sie können entscheiden, was sie möchten, wie sie ihr Leben verbringen, was sie in ihren Körper hineintun. Dass Alkohol eine Droge ist, wissen ja alle, dass er gesellschaftlich anerkannt ist und irgendwie in dem Pool von „Kultur“ mit herumschwimmt, macht ihn ja nicht weniger harmlos. Tägliches Trinken wird mit Entspannung und sozialem Ereignis assoziiert, ich mache da niemandem einen Vorwurf und ich kenne in meiner Welt genug Leute, die erst sehr spät gemerkt haben, dass die Kultur sich als Sucht herausstellte.

Ich glaube, wir können uns auch entspannen ohne Prozente und sozial sein, ohne einen Hangover am nächsten Tag. Es ist eine Erweiterung von Kultur, wenn man will, kein Verbot von irgendetwas anderem.

Ihr persönlicher Verzicht auf Alkohol ist konsequent. Was war der Moment, in dem Sie entschieden haben: „Ich bin raus aus diesem System“?

Hahaha, das ist lustig… „dieses System“. Ich habe früher auch Alkohol getrunken, vor allem gern Champagner und Cava, keinen Wein, Bier oder Spirituosen, ich bin keine Alkoholikerin gewesen, obwohl ich mir manchmal überlege, dass das vielleicht ein gutes Argument gewesen wäre, als Personen noch vor ein paar Jahren zu mir sagten: „Komm Katja, einmal anstoßen, ist doch Silvester, mach mal eine Ausnahme.“ Aber das hat komplett aufgehört, dass mir dies gesagt wird. Meine jüngeren Kolleg:innen trinken alle gar nicht und alle anderen Generationen sagen mittlerweile: „Ich trink auch nur ab und zu, vertrag’s nicht mehr.“ Das ist doch eigentlich eine schöne Erkenntnis, wenn man merkt, dass es einem gar nicht so gut bekommt. Warum ich gänzlich aufgehört habe? Ich bekomme von Alkohol Migräne. Die Fiese, bei der es blitzt, kennen Sie vielleicht. Das ist völlig unverhältnismäßig, weil ich dann nämlich so brutale Medikamente nehmen muss, um den Schmerz ein wenig zu zähmen. Darum schaue ich immer hinten auf die Flaschen, wenn es vorn auf dem Etikett heißt „alkoholfrei“. Das bedeutet: unter 0.5-% Alkohol – geht bei mir nicht. Nur 0,0 % geht. Und nur das gibt es bei uns. Und ohne Zucker drin übrigens.

Viele Menschen denken, Alkoholverzicht sei ein Verlust. Was haben Sie gewonnen?

Ja, da haben Sie recht, das ist doch wirklich verrückt, oder? Ich habe gewonnen, dass ich morgens nach einer Party aufstehen kann. Dass ich nicht mehr so irre spät ins Bett gehe. Dass ich gut aussehe. Dass ich keine Reue habe. Keinen Filmriss, keine Ausfälligkeit, kein Kotzen, kein: „Nie wieder.“ Kein Hangover, Kopfschmerzen, Migräne, kein blaues Autofahren. Ich wünschte, ich hätte schon 20 Jahre früher komplett das Alkoholgetrinke sein gelassen. Eine Freundin hat mich gefragt: „Warum hast du soviel Energie?“ Als sie mal sechs Wochen gar keinen Alkohol trank, sagte sie: „Alles klar, ich weiß, woran es liegt.“

Wie politisch darf ein alkoholfreies Produkt heute sein? Geht es nur um Genuss – oder auch um Verantwortung für eine komplett überalkoholisierte Gesellschaft?

Ich bin keine Person, die doziert oder anderen sagt, was sie tun sollten. Vor ein paar Tagen in London, wo mein zweites zuhause wohnt, war ich bei einer Veranstaltung im Frontline Club und da sagte einer der Teilnehmenden des Panels, wo es um Krieg und internationale Politik ging, einen Satz, den ich großartig fand: „We can find knowledge, if we seek it.“ Wir können Wissen erlangen, wenn wir es suchen. Ich glaube, so ist es mit allem. Nicht nur mit Alkohol, sondern auch in unseren Beziehungen in privater und beruflicher Hinsicht oder bei der Entscheidung, welche Partei wir wählen, oder wie sehr uns das Gleichgewicht der Welt interessiert.

Wenn Sie heute einen Satz formulieren müssten, der in 20 Jahren die Wand eines alkoholfreien Flagship Stores ziert:
Was wäre Ihre persönliche „Philosophie des bewussten Trinkens“?

Ich spiele am Staatsschauspiel ein Stück von Sibylle Berg, da heißt es: „Wir brauchen ein Wachstum, das laut ist, damit wir unsere Angst nicht hören, die uns in den Ohren rauscht, denn wir wissen nicht, was wir da tun, und hoffen nur, dass die Welt noch hält, solange wir leben.“ Ich weiß nicht, ob ich in 20 Jahren noch lebe, aber sicherlich macht es Sinn einen Beitrag zu leisten, jeden Tag, für die Gemeinschaft, in der wir leben, alle zusammen, hier, auf dieser schönen Mutter Erde, die wir so grausam behandeln.

In welchen Bereichen sehen Sie persönlich das größte Potenzial, das Unternehmen weiterzuentwickeln – und worauf freuen Sie sich dabei am meisten?

Oh, vielen Dank für diese Frage. Ich freue mich darauf, dass ich die Freiheit habe, Vorschläge zu machen, ich habe Ideen. Zuerst aber möchte ich lernen. Winzer.innen kennenlernen und Produzent.innen alkoholfreier Weine, Biere, Spirituosen, meinen Geschmackssinn bilden, um schließlich darüber nachzudenken, was für ein Produkt ich selbst zukünftig kreieren möchte. Ich habe Lust, Veranstaltungen zu machen, vielleicht gemeinsam mit der „queer und sober“ Szene. Ich glaube, dass wir mit alkoholfreien Produkten heute dort sind, wo veganes Essen vor fünf Jahren war.

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