Business & Beyond Fehltage-Rekord: Krankenstand kostet deutsche Firmen 200 Milliarden Euro

Fehltage-Rekord: Krankenstand kostet deutsche Firmen 200 Milliarden Euro

Krankheitskosten explodieren: Deutsche Unternehmen zahlen 200 Milliarden Euro für Produktionsausfälle und Lohnfortzahlung. Besonders betroffen: Pflege und Metallindustrie. Handelsverband fordert Ende der telefonischen Krankschreibung.

Die deutsche Wirtschaft blutet durch Krankheitsausfälle. Über 200 Milliarden Euro kosteten Produktionsausfälle und Lohnfortzahlungen die Unternehmen im vergangenen Jahr. Jeder Beschäftigte fehlte durchschnittlich fast 21 Tage – ein massiver Anstieg um vier Tage gegenüber 2020, wie aus einem Bericht der Bundesregierung hervorgeht.

Die Kostenfalle Krankenstand

Der Produktionsausfall durch erkrankte Mitarbeiter summierte sich laut „Bild“ auf 134 Milliarden Euro – ein dramatischer Anstieg von 87 Milliarden Euro im Jahr 2020. Jeder einzelne Ausfalltag schlägt mit 152 Euro zu Buche, 28 Euro mehr als noch vor fünf Jahren. Parallel dazu explodieren die Kosten für Lohnfortzahlungen: Arbeitgeber zahlten vergangenes Jahr 72,3 Milliarden Euro – ein Plus von über 26 Prozent binnen fünf Jahren.

Besonders betroffen sind demnach die Pflegebranche mit einer Krankenquote von 9,36 Prozent und die Metallerzeugung mit 9,33 Prozent. Auch öffentliche Verwaltung (8,70 Prozent) und Einzelhandel (7,14 Prozent) kämpfen mit hohen Ausfallraten.

Deutlich robuster präsentieren sich Finanz- und Versicherungsbranche (5 Prozent) sowie das Gastgewerbe (4,84 Prozent). Die Hauptursachen für Arbeitsausfälle sind Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems mit 19,4 Prozent aller Krankheitstage, gefolgt von Atemwegserkrankungen (18,1 Prozent) und psychischen Störungen (16,7 Prozent).

Wirtschaftliche Konsequenzen

Der Handelsverband Deutschland sieht in der telefonischen Krankschreibung einen wesentlichen Treiber der Entwicklung und fordert deren Abschaffung. Die massiven Ausfallkosten belasten die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen in einer ohnehin angespannten Wirtschaftslage zusätzlich.

Insgesamt fielen 2024 laut „Bild“ 881,5 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage an – eine Dimension, die strukturelle Fragen zur Gesundheitsvorsorge und Arbeitsorganisation aufwirft.

Business Punk Check

Die 200-Milliarden-Rechnung ist nur die Spitze des Eisbergs. Was in der Debatte untergeht: Die Produktivitätsverluste durch Präsentismus – wenn Mitarbeiter krank zur Arbeit erscheinen – könnten die offiziellen Zahlen noch übertreffen. Während Arbeitgeberverbände reflexartig die telefonische Krankschreibung ins Visier nehmen, bleibt die eigentliche Frage unbeantwortet: Warum werden wir überhaupt krank?

Die Zunahme psychischer Erkrankungen und Rückenleiden deutet auf fundamentale Probleme in der Arbeitsorganisation hin. Statt Symptombekämpfung braucht es einen radikalen Perspektivwechsel: Prävention als Investition statt Krankheit als Kostenfaktor. Unternehmen, die in ergonomische Arbeitsplätze, flexible Arbeitszeitmodelle und mentale Gesundheit investieren, könnten den Wettbewerbsvorteil der Zukunft sichern.

Häufig gestellte Fragen

  • Wie können Unternehmen den steigenden Krankenstand effektiv bekämpfen?
    Statt Symptombekämpfung sollten Unternehmen in Prävention investieren: Ergonomische Arbeitsplätze, flexible Arbeitszeitmodelle und Gesundheitsprogramme zahlen sich langfristig aus. Wichtig ist ein ganzheitlicher Ansatz, der physische und psychische Gesundheit gleichwertig behandelt.
  • Welche Branchen haben das größte Einsparpotenzial bei Krankheitskosten?
    Besonders Pflege, Metallerzeugung und öffentliche Verwaltung mit Krankenquoten über 8 Prozent können durch gezielte Maßnahmen erheblich profitieren. Erfolgreiche Konzepte aus der Finanz- und Versicherungsbranche (5 Prozent Krankenstand) lassen sich teilweise übertragen.
  • Wie wirkt sich der hohe Krankenstand auf den Mittelstand aus?
    Für mittelständische Unternehmen sind die Auswirkungen oft existenzbedrohender als für Konzerne. Während Großunternehmen Ausfälle kompensieren können, fehlen im Mittelstand oft die Ressourcen für Vertretungen. Gleichzeitig bieten kleinere Strukturen Chancen für schnellere Implementierung von Gesundheitsmaßnahmen.
  • Ist die telefonische Krankschreibung wirklich das Hauptproblem?
    Die Daten zeigen keinen eindeutigen kausalen Zusammenhang. Vielmehr deuten die steigenden Zahlen bei psychischen und muskuloskelettalen Erkrankungen auf strukturelle Probleme in der Arbeitsorganisation hin. Statt die Zugangshürden zur Krankschreibung zu erhöhen, sollten die Ursachen bekämpft werden.

Quellen: „Bild“

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