Business & Beyond Zu warm für Glühwein, zu kalt für Aufbruch – und warum trotzdem was geht

Zu warm für Glühwein, zu kalt für Aufbruch – und warum trotzdem was geht

Zwischen Regulierungswahn und Reformschiss gibt es auch zwei Funken Hoffnung. Lassen wir uns anstecken.

Deutschland steckt in einem Winter, der nicht mal mehr weh tut. Kein Frost. Kein Feuer. Einfach grau. Zu warm für Glühwein. Zu kalt für Aufbruch. Selbst Zigarette und Kaffee helfen nicht. Und jetzt stille Nacht.

Der große Reformherbst? Abgesagt. Wie so oft. Statt Fortschritt gibt’s PowerPoint, statt Mut gibt’s Prozesse. Die Zahlen liefern den Soundtrack: Wachstum nahe null. Und diese Null fühlt sich schon an wie Optimismus. Deutschland, früher Maschine, heute Wartezimmer. Nummer ziehen. Hinsetzen. Hoffen. Lauschen: Die Tastaturen klappern, einer hüstelt, der Tee wird kalt. Die Zuversicht? War mal Grundrauschen. Heute ist sie ein Special Guest.

Warum das so ist, weiß jeder. Und genau das ist das Problem. Überregulierung ist kein Buzzword mehr, sie ist Lebensgefühl. Seit 2019 hat die EU mehr als 13.000 neue Rechtsakte herausgehauen. 13000 Mal: „Wir trauen euch nicht.“ Denn sonst hätte es ja so einer Vorschrift nicht bedurft. Dazu die nationale Version von Bürokratie-Bingo: Berichte, Nachweise, Lieferketten, ESG, DSGVO, und bitte alles dreifach. Für Konzerne nervig. Für den Mittelstand existenzbedrohend. Investitionen werden vertagt, Risiken gemieden wie ein peinlicher LinkedIn-Post. Die Investitionsquote dümpelt unter internationalem Schnitt. Und der Wohlstand? Rutscht leise ab. Reallöhne minimal erholt, aber über Jahre gerechnet immer noch unter Vor-Corona-Niveau. Das Gefühl, ärmer zu werden, ist keine Einbildung. Es ist Statistik mit Bauchgefühl.

Der Endgegner dieser Republik heißt Rente. Die Lage ist brutal eindeutig. Heute: 100 Arbeitnehmer finanzieren 37 Rentner. 2035: über 45. Der Bundeszuschuss liegt bei mehr als 100 Milliarden Euro im Jahr. Ein Viertel des Haushalts. Jeder Ökonom hat es vorgerechnet. Jeder Thinktank hat gewarnt. Länger arbeiten, flexibler Einstieg, Kapitaldeckung – alles fertig gedacht. Und was macht die Politik? Trommelwirbel: Arbeitskreis. Schon wieder. Politik als Endlosschleife. Währenddessen verdampft Vertrauen. Nicht nur in diese Regierung, sondern in die Idee, dass hier überhaupt noch jemand Entscheidungen trifft. Wo Stillstand regiert, wirkt jede Alternative plötzlich sexy. Egal wie schräg.

So. Tief durchatmen. Denn das ist nicht die ganze Story. Deutschland kann auch anders. Wenn man es lässt.

Beispiel eins: Herzogenaurach. Adidas. Während andere DAX-Konzerne rumjammern, liefert der Sportartikelriese. Umsatz 2025 währungsbereinigt plus elf Prozent. Operatives Ergebnis: von 270 Millionen auf über eine Milliarde Euro. Marge zurück bei rund neun Prozent. Das ist kein Glück. Das ist Handwerk.

Adidas hat aufgeräumt. Fokus statt Firlefanz. Weniger Modelle, klarere Linien, mehr Sport, mehr Marke. CEO Bjørn Gulden spielt nicht CFO-Bingo, sondern Trainer: Kondition hoch, Spielsystem simpel, Team wieder hungrig. Analysten feiern Preissetzungsmacht, besseren Margenmix, neue Disziplin. Während andere über „das Umfeld“ reden, hat Adidas einfach geliefert. Oldschool aber wirksam. Punk genug.

Beispiel zwei: München. Europäisches Patentamt. Klingt trocken. Ist aber Future as hell. Die Zahlen knallen: Europa ist weltweit Nummer zwei bei Patenten für Quantencomputer-Technologien. Direkt hinter den USA. Nicht China. Rund 25 Prozent der globalen Patente kommen aus Europa. Deutschland ist Top-Anmelder. Quantencomputing ist kein Nerd-Spielplatz. Das ist die Basis für Medizin, Industrie, Sicherheit, alles. Wer hier Patente hält, schreibt die Spielregeln von morgen. Und das passiert nicht im lauten Silicon Valley, sondern in Laboren, Unis, Max-Planck- und Fraunhofer-Instituten. Leise. Präzise. Effektiv.

Ja, uns fehlt Wagniskapital. Ja, wir sind langsamer. Aber Patente entstehen nicht aus Hype. Sie entstehen aus Können. Und davon hat dieses Land mehr, als es sich gerade zutraut.

Vielleicht ist das die Pointe dieses Winters: Deutschland ist nicht kaputt. Es ist einfach schlecht drauf. Aber zwischen Regulierungswahn und Reformschiss gibt es Leute, die nicht warten, sondern machen. Die keinen Arbeitskreis brauchen, sondern einen Plan. Adidas rettet nicht die Volkswirtschaft. Quantenpatente zahlen keine Renten. Aber sie beweisen: Stillstand ist kein Naturgesetz. Er ist eine Haltung. Und Haltungen kann man ändern. Punks – packen wir’s an.

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