Business & Beyond Kranken Mann Europas reloaded: Warum Deutschlands Pleitewelle alarmiert

Kranken Mann Europas reloaded: Warum Deutschlands Pleitewelle alarmiert

Insolvenzwelle in Deutschland erreicht 20-Jahres-Hoch: 24.000 Firmenpleiten in 2023. Experten sehen Parallelen zur Wirtschaftskrise Anfang der 2000er – mit neuen Herausforderungen für den Standort.

Deutschland erlebt eine Pleitewelle historischen Ausmaßes. Knapp 24.000 Unternehmen haben 2023 Insolvenz angemeldet – ein Niveau, das zuletzt vor zwei Jahrzehnten erreicht wurde. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform rechnet mit einem weiteren Anstieg, während offizielle Zahlen vom Statistischen Bundesamt erst im Frühjahr erwartet werden. Ein Alarmsignal für den Wirtschaftsstandort, der zunehmend unter Druck gerät.

Zurück in die Vergangenheit

Die aktuelle Situation weckt Erinnerungen an die frühen 2000er Jahre, als Deutschland als „kranker Mann Europas“ galt. Steffen Müller, Leiter der Insolvenzforschung am Institut für Wirtschaftsforschung Halle, bestätigt diese Parallele.

„Vergleicht man das Ganze mit den Jahren vor diesen Doppelkrisen aus Pandemie und Ukraine-Krieg, dann liegen die Zahlen von heute sogar 50 Prozent höher als damals“, so Müller laut „mdr.de“. Doch während die damalige Krise hauptsächlich konjunktureller Natur war, sind die Ursachen heute komplexer.

Pandemiehilfen als Verzögerer

Ein wesentlicher Faktor für die aktuelle Insolvenzwelle ist das Auslaufen der Corona-Hilfen. Während der Pandemie hielten staatliche Subventionen viele angeschlagene Unternehmen künstlich am Leben. Mit dem Ende dieser Unterstützung trifft die Realität den Markt mit voller Wucht.

„Da haben sich einfach Insolvenzen aufgestaut und dieser Stau wurde in den letzten drei Jahren aufgelöst“, so Müller. Die Zahlen bestätigen: Im November gingen die Insolvenzen zwar leicht zurück, blieben aber auf besorgniserregend hohem Niveau.

Strukturelle Probleme belasten Unternehmen

Neben dem Subventionsende kämpfen deutsche Unternehmen mit einer Vielzahl struktureller Probleme. Marc Evers von der Deutschen Industrie- und Handelskammer bringt es auf den Punkt: „Die Kosten sind sehr hoch, die Kosten für Energie, die Kosten für Personal, die Kosten für Beschaffung, die in Teilen wirklich enorme Bürokratielast“, so Evers laut „mdr.de“. Diese Faktoren, gepaart mit leeren Auftragsbüchern, setzen besonders mittelständische Unternehmen unter Druck.

Die wirtschaftlichen Herausforderungen werden durch geopolitische Spannungen zusätzlich verstärkt. Der Ukraine-Krieg hat die Energiepreise in die Höhe getrieben und Lieferketten gestört. Gleichzeitig sorgt die Handelspolitik wichtiger Partner wie den USA für Unsicherheit. Diese Gemengelage trifft den exportorientierten deutschen Mittelstand besonders hart. Die Kombination aus hohen Kosten und unsicheren Märkten erweist sich für viele Unternehmen als existenzbedrohend.

Business Punk Check

Der Vergleich mit dem „kranken Mann Europas“ von 2003 greift zu kurz. Damals fehlten strukturelle Reformen – heute kämpft Deutschland mit einem toxischen Mix aus Überregulierung, Energiepreisschock und demografischem Wandel. Die Wahrheit: Während Politiker über Industriepolitik schwadronieren, erstickt der Mittelstand an Bürokratie und Kostendruck.

Die Pleitewelle ist kein konjunkturelles Phänomen, sondern Symptom eines tieferen Standortproblems. Wer jetzt auf staatliche Rettung hofft, verkennt die Realität. Erfolgreiche Unternehmen setzen stattdessen auf Digitalisierung, Prozessoptimierung und internationale Expansion – weg vom überregulierten Heimatmarkt. Deutschland braucht keine neuen Subventionen, sondern einen radikalen Bürokratieabbau und wettbewerbsfähige Energiepreise.

Häufig gestellte Fragen

  • Ist die aktuelle Insolvenzwelle nur eine vorübergehende Erscheinung?
    Nein, die Pleitewelle ist mehr als ein konjunkturelles Phänomen. Sie offenbart grundlegende Strukturprobleme des Wirtschaftsstandorts Deutschland: überbordende Bürokratie, hohe Energiekosten und mangelnde Digitalisierung. Experten erwarten, dass sich die Situation ohne radikale Reformen mittelfristig nicht entspannen wird.
  • Welche Branchen sind besonders von Insolvenzen betroffen?
    Am stärksten trifft es energieintensive Industrien, traditionelle Einzelhändler und das produzierende Gewerbe. Diese Branchen leiden unter der Kombination aus hohen Energiepreisen, Fachkräftemangel und internationaler Konkurrenz. Besser positioniert sind digitale Dienstleister und Unternehmen mit internationaler Ausrichtung.
  • Wie können mittelständische Unternehmen in diesem Umfeld überleben?
    Erfolgreiche Mittelständler setzen auf drei Kernstrategien: Erstens, konsequente Digitalisierung von Prozessen zur Kostensenkung. Zweitens, Erschließung internationaler Märkte jenseits des überregulierten Heimatmarktes. Drittens, Fokussierung auf Nischenprodukte mit hoher Wertschöpfung, wo der Preisdruck geringer ist.
  • Was müsste die Politik jetzt tun, um den Standort zu stärken?
    Statt neuer Subventionsprogramme braucht es einen radikalen Bürokratieabbau, wettbewerbsfähige Energiepreise und eine Modernisierung der digitalen Infrastruktur. Kurzfristig würden bereits vereinfachte Genehmigungsverfahren und eine Aussetzung neuer Regulierungen die Lage verbessern.
  • Bietet die aktuelle Krise auch Chancen für Unternehmen?
    Ja, die Marktbereinigung schafft Raum für innovative Geschäftsmodelle. Zudem werden qualifizierte Arbeitskräfte verfügbar, die vorher in ineffizienten Strukturen gebunden waren. Unternehmen mit schlanken Prozessen, digitaler Ausrichtung und internationaler Perspektive können gestärkt aus der Krise hervorgehen.

Quellen: „mdr.de“, „magdeburg-klickt.de“, „it-boltwise.de“

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