Startup & Scaling Alle vernetzt. Alle allein.

Alle vernetzt. Alle allein.

Ein Interview mit Lili Vogelsang, Gründerin von fredie, über Einsamkeit, Social Skills und die Krise der Gen Z.

Die Generation Z gilt als die bestvernetzte aller Zeiten – und steckt doch in einer Krise der Einsamkeit. Dass digitale Dauerverfügbarkeit nicht automatisch echte Nähe bedeutet, war mir bewusst. Wie tief die sozialen Folgen aber tatsächlich reichen, wurde mir erst klar, als ich Lili getroffen habe: Spiegel-Bestseller-Autorin, Content-Creatorin mit einer Community von über 250.000 Menschen – und Gründerin von fredie.

fredie hat ein klares Ziel: eine Million Freundschaften schaffen. Ein Start-up, das nicht nur technologische Antworten liefert, sondern auch wissenschaftlich fundiert an einem der größten Probleme unserer Zeit arbeitet. Wir haben mit Lili darüber gesprochen, warum gerade die Gen Z so einsam ist, welche Folgen das für uns alle hat – und wie man soziale Fähigkeiten tatsächlich trainieren kann. Unserer Meinung nach einer der spannendsten Zukunftsmärkte und fredie derzeit eines der vielversprechendsten Startups aus Berlin.

Aber lest selbst.

Business Punk: Lili, du beschäftigst dich mit dem Thema Einsamkeit, vor allem mit der GenZ – warum ist die Generation so einsam? 

Lili: Das ist wirklich eine gute Frage – vor allem, wenn wir wissen, dass diese Generation eine der am besten vernetzten Generation ist, die es jemals gab. Aber: Studien von der WHO oder der Bertelsmann Stiftung zeigen ziemlich klar: Die Gen Z ist die einsamste Generation, die es je gab. Aber genau in dieser Vernetzung liegt der Knackpunkt: Wir verbringen unheimlich viel Zeit online. Zu viel! 

Aus den USA gibt es zum Beispiel Zahlen, dass viele Jugendliche mehr Zeit auf TikTok verbringen als mit echten Freunden. Das hat dann zur Folge, dass wir sozialen Kontakt “simulieren” der eben nicht echt ist. Dadurch verlernt die Gen-Z dann Stück für Stück, wie Interaktion im echten Leben läuft.  Das führt dann zu dieser Spirale aus Einsamkeit und Social Anxiety.

Business Punk: Das klingt nicht gerade rosig. Was sind die Folgen?

Lili: Einsamkeit ist nicht nur ein bisschen unangenehm, sondern echt gefährlich. Laut WHO kann sie so schädlich wie 15 Zigaretten am Tag sein. Das Risiko für Demenz steigt, die Lebenserwartung sinkt. Aber es bleibt nicht beim Körperlichen: Auch unsere Gesellschaft leidet darunter. Studien zeigen, dass einsame Menschen eher zu populistischen Parteien tendieren. Das heißt: Einsamkeit ist ein Gesundheitsproblem, ein Demokratieproblem – und damit etwas, das uns alle betrifft. Und jetzt, mit AI, wird alles noch komplizierter.

Business Punk: Was meinst du damit? Welche Rolle spielt AI bei dem Thema? 

Lili: Mit dem massiven Einzug von AI in unsere Arbeitswelt verändert sich gerade ganz viel. Alles, was sich automatisieren lässt, werden Maschinen übernehmen. Was bleibt, sind die zwischenmenschlichen Fähigkeiten – Empathie, Kommunikation, echte Beziehung. Das wird unser Human USP. Und genau da haben wir gerade das größte Defizit bei den jungen Generationen. Wenn man so will, rasen wir da gerade auf einen echten Crash zu: Der Bedarf an Social Skills steigt – und gleichzeitig sinken sie drastisch.

Business Punk: Aber es gibt doch schon unzählige Apps, um neue Leute kennenzulernen. Reicht das nicht?

Lili: Da passiert tatsächlich viel Spannendes. In Frankreich gibt’s zum Beispiel Timeleft, die das super machen. Aber die meisten Angebote helfen vor allem uns Millennials – weil wir eher das Problem haben, dass klassische „Third Places“ wie Vereine oder Bars verschwinden und wir neue Räume brauchen, um Menschen zu treffen.

Für Gen Z sieht das anders aus: Viele würden gar nicht erst hingehen, weil sie mit Social Anxiety kämpfen. Und dann helfen diese tollen Angebote eben nicht, weil der erste Schritt schon zu groß ist. Genau da wollen wir ansetzen.

Business Punk: Verstanden. Aber was kann man dagegen tun?

Lili: Bei fredie haben wir uns gefragt: Kann man soziale Fähigkeiten üben – so wie eine Sprache? Und die Antwort ist: Ja. Es gibt spannende Studien, die zeigen, dass das funktioniert, gerade auch digital. Genau das bauen wir mit fredie: ein „Duolingo für soziale Skills“. Kleine Übungen, die man immer wieder machen kann – und die einem dann helfen, im echten Leben leichter ins Gespräch zu kommen.

Business Punk: Und wie bist du selbst auf das Thema gekommen?

Lili: Ganz ehrlich: Das war gar kein geplanter Business-Move. Auch wenn der Loneliness-Markt inzwischen auf 3 Billionen geschätzt wird, habe ich einen sehr persönlichen Bezug dazu. Vor zwei Jahren war ich in einer persönlichen Krise. In der Zeit habe ich angefangen, auf Social Media über Kommunikation und Freundschaft zu sprechen, weil das für mich selbst so wichtig war. Die Resonanz war riesig. Auf einmal bekam ich tausende Nachrichten von Menschen, die mir ihre Einsamkeit beschrieben haben. Da war mir klar: Das ist kein Nischenthema, das ist ein Massenphänomen. Ab da konnte ich das nicht mehr ignorieren.

Business Punk: Und dann bist du alleine losgelaufen?

Lili: Nein, Gott sei Dank habe ich schnell ein super starkes Team gefunden. Mein Co-Founder Felix, ist seit über 15 Jahren Softwareentwickler. Dazu arbeiten wir von Anfang an mit Wissenschaftler:innen zusammen, weil mir wichtig war, dass fredie nicht so eine Lifestyle-Spielerei wird, sondern wissenschaftlich fundiert. Wir wollen langfristig auch Forschung vorantreiben – mit eigenen Daten und Studien.

Business Punk: Stark! Das heißt, wo siehst du fredie in den nächsten Jahren? 

Lili: I hate to say it – aber Einsamkeit wird einer der größten Märkte der kommenden Jahre sein. Schon heute sind in Europa 57 Prozent der Gen Z betroffen, in den USA sprechen Studien sogar von bis zu 73 Prozent. Die Kosten sind enorm – fürs Gesundheitssystem, für unsere Gesellschaft, für jeden Einzelnen. Und durch AI wird der Bedarf an echten sozialen Fähigkeiten noch weiter steigen.

Unsere Vision ist, fredie zu einer Plattform auszubauen, auf der sich Menschen, die höchste „Social Fluency“ aufbauen können – und über uns in Zukunft auch gematcht werden. Wir wollen der größte Player im Kampf gegen die Pandemie der Einsamkeit werden. 

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