Business & Beyond Selbst Investoren kapitulieren: Deutschland will keiner mehr haben

Selbst Investoren kapitulieren: Deutschland will keiner mehr haben

Bi zu 24.000 Insolvenzen, Milliardenverluste, Kliniken vor dem Aus. Energiepreise, Bürokratie und globale Konkurrenz treiben den Standort Deutschland an seine Grenzen. Ein Befreiungsschlag ist nicht in Sicht.

Die seit drei Jahren andauernde Rezession in Deutschland fordert immer mehr Opfer unter den deutschen Unternehmen. Das Jahr 2025 war geprägt von einer Vielzahl von Firmenpleiten, mit allen ihren ökonomischen und menschlichen Folgen. Und 2026 ist keine Besserung in Sicht. Seit zwanzig Jahren gab es nicht mehr so viele Insolvenzen, hat das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) ausgerechnet. Damit übertrifft die Schreckenszahl von 17.604 Unternehmenspleiten sogar jene aus der internationalen Finanzkrise 2009.

Dabei deutet ein nochmals besonders bedrückender Dezember, vor allem aus Sicht des Handels nach einem schleppenden Weihnachtsgeschäft, nicht auf eine Wende in diesem Jahr hin. Das Statistische Bundesamt vermerkte eine Zunahme der Insolvenzen von 15,7 Prozent gegenüber dem Dezember 2024; endgültige Zahlen wünscht die Behörde im März vorzulegen. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform schätzt die aufgetretenen Forderungsausfälle auf 57 Milliarden Euro. Creditreform rechnet die Zahl der Insolvenzen für das Jahr sogar auf 24.000 hoch und sieht ebenfalls keine Änderung des Trends, solange nicht entscheidende Verbesserungen der politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen eintreten. Das betrifft vor allem die Bürokratiekosten, die hohen und wohl weiter steigenden Energiepreise und die Steuerlast für den Mittelstand. Tiefgreifende strukturelle Probleme seien mittlerweile eine Ursache, nicht mehr nur konjunkturelle Schwankungen.

Strukturkrise statt Konjunkturdelle

Die anhaltende Rezession droht damit in eine echte Depression zu münden. Das wahre niederdrückende Signal zeigt sich da, wo Insolvenzverwalter nach neuen Investoren im In- und Ausland suchen – und sie nicht finden. Die Düsseldorfer Unternehmensberatung Falkensteg zum Beispiel stößt zunehmend auf Investoren, die grundsätzlich in Deutschland nicht mehr investieren. Die kumulierten Belastungen am Standort seien einfach zu groß.

Nichts weniger als ein großer Befreiungsschlag scheint vonnöten.

Der käme, wenn der denn kommt, für sehr viele zu spät. Zahlreiche klangvolle Namen sind aus der Unternehmenswelt und dem Alltag der Bürger verschwunden, viele davon fast jedem in Deutschland geläufig: Der Schuhhändler Görtz, der Modehersteller Gerry Weber und der Herrenausstatter Wormland. Closed, Esprit, der Zoohändler Zajac. Gerade noch die Kurve bekam der Dekoriese Depot, und Galeria (Kaufhof) steht erneut in einer Umstrukturierung. Ob Chemieindustrie oder die Autobranche mit ihren zahllosen mittelständischen Zulieferern – wenn es bei einzelnen Werksschließungen oder Kurzarbeit bleibt, können die Beschäftigten noch froh sein. Für 170.000 Angehörige insolventer Firmen gab es 2025 nur noch den Weg zum Jobcenter. Der Verband der Chemischen Industrie sieht die Produktionsanlagen derzeit nur zu 70 Prozent ausgelastet, das reicht nicht zum Geldverdienen. Ähnlich wie in der Autoindustrie registriert man auch bei der Chemie reichlich Blutgrätschen aus China: Angesichts einer auch nicht rosigen Weltkonjunktur können deutsche Unternehmen die Preisbrecher aus Asien nicht unterbieten. „Auch der Standort Deutschland ist eine Belastung für die Unternehmen an sich, vor allem aufgrund hoher Energiepreise und in Zukunft steigender Kosten für CO2-Zertifikate”, resümierte unlängst die „Wirtschaftswoche” und beschreibt damit einen Teil der Misere. Der negative Effekt auf den Außenhandel ist zweifach: Zum einen gehen die Importe von Industriegütern durch die Chinesen zurück, zum anderen tritt China inzwischen als harter Konkurrent auf. Der deutsche Maschinenbau und die Autohersteller, lange auf der Sonnenseite des Exportmeisters Deutschland, tragen nun zum schrumpfenden Bruttoinlandsprodukt bei. Mit jeder Schließung geht außerdem Knowhow verloren, Innovationskraft verschwindet, und verbundene Unternehmen müssen umstrukturieren, weil Vorprodukte ausbleiben oder fehlende Zulieferungen die eigene Produktion lahmlegen.

Gesundheitswesen am Limit

Ein noch wenig beachteter Sektor in der Insolvenzstatistik ist das Gesundheitswesen. Dass ganze Kliniken pleitegehen, klingt immer noch ungewöhnlich. Dabei schreiben vier Fünftel der deutschen Krankenhäuser rote Zahlen. Unzureichende Krankenkassen-Erstattungen bei gleichzeitig dramatisch steigenden Kosten – viele namhafte Häuser kratzen am Limit. Einer der größten Träger im Pflegebereich, Argentum aus Bad Homburg, meldete im Januar 2025 Insolvenz an. Damit in einer Reihe mit der Rotkreuzklinik Würzburg oder dem Medizin Campus Bodensee und zehn weiteren Krankenhaus-Schließungen. Auch Metropolen sind betroffen: Die Schlosspark-Klinik in Berlin-Charlottenburg, eine renommierte Privatklinik mit rund 750 Beschäftigten und 10.000 Patienten pro Jahr, ging im Juni 2025 in Insolvenz. Trotz eines Schutzschirmverfahrens bereits seit Oktober des Vorjahres scheiterte die Sanierung an den anhaltenden Verlusten, vor allem durch steigende Energiepreise und Personalmangel. Andere Krankenhäuser, vor allem im ländlichen Raum, wählten 2025 das gesetzliche Schutzschirmverfahren, um sich in der Insolvenz sanieren zu können. Diese oft kleineren Kliniken würden bei einer Schließung eine echte Versorgungslücke hinterlassen, weshalb in vielen Fällen die betroffenen Kreise Unterstützung versprechen. Damit aber rettet der Steuerzahler am Ende einen Teil des Gesundheitswesen, für das er ohnehin mit stark steigenden Krankenversicherungsbeiträgen bezahlt, von den staatlichen Geldspritzen und Förderungen aus Steuermitteln ganz zu schweigen.

Insolvenzen, fast gleich aus welcher Branche, hinterlassen im Land meist eine Kaskade an Folgen, die das Alltagsleben in Kommunen und Kreisen belasten. Die Arbeitsplatzverluste führen zu sinkendem Konsum und stellen damit den Einzelhandel auf die Probe. Oft müssen kleine Gastronomen in der Folge schließen, Freizeitangebote schrumpfen, die Lebensqualität sinkt ebenso wie das Steueraufkommen. Der Befreiungsschlag? Er ist bislang nicht in Sicht.

Das könnte dich auch interessieren