Green & Generation Weil andere kiffen, soll er wieder leiden

Weil andere kiffen, soll er wieder leiden

Cannabis brachte Nicolas Enriquez zurück ins Leben. Doch jetzt will die Politik die Regeln für die Abgabe von medizinischem Cannabis wieder verschärfen – aus Sorge vor Missbrauch. Die politische Debatte kreist um Zahlen und Kontrolle. Die Folgen könnten echte Patienten treffen, nicht die schwarzen Schafe.

Nicolas Enriquez war jung, als sein Körper beschloss, gegen ihn zu arbeiten: Angststörungen, chronische Schmerzen, Schlaflosigkeit. Tage, an denen schon das Aufstehen ein Risiko war. Nächte, in denen der Kopf nicht abschaltete. Medikamente kamen, Medikamente gingen. Manche machten müde, andere abhängig, viele wirkungslos. Den Beruf als Kinderpfleger auf der Intensivstation musste er aufgeben. Er wechselte in die klassische Arzneimittelforschung. Bis auch das nicht mehr ging. Anfang des vergangenen Jahres war Nicolas vollständig bettlägerig. Myalgische Enzephalomyelitis lautet der Fachausdruck für das, was ihn lähmte. Er wurde zum Pflegefall, seine Partnerin schob ihn im Rollstuhl. Jeder Lichtstrahl schmerzte. Was blieb, war sein Gefühl, im eigenen Körper gefangen zu sein.

Dann kam Cannabis. Ein Kumpel hatte es ihm gereicht – zum Entspannen. Zum Abschalten. Nicht als Rausch. Sondern als Bremse. Gegen die Angst. Gegen die Schmerzen. Gegen das Gedankenkarussell. Und es half. Nicolas beschreibt keinen euphorischen Neustart, sondern etwas viel Unspektakuläreres – und viel Wertvolleres: einen Alltag, der wieder planbar wurde. Termine einhalten. Schlafen. Funktionieren. Leben. Sein Arzt war skeptisch, doch er sah den Fortschritt. Seither erhält Nicolas Cannabis auf Rezept. Er kann wieder laufen.

Diese Geschichte ist kein Einzelfall. Sie ist der Grund, warum medizinisches Cannabis überhaupt existiert. Und sie ist der Grund, warum die aktuelle politische Debatte so heikel ist. Denn während Menschen wie Nicolas versuchen, ihren Alltag zusammenzuhalten, diskutiert die Politik darüber, den Zugang zu medizinischem Cannabis wieder deutlich zu erschweren. Zu Jahresbeginn gab es dazu eine Anhörung im Deutschen Bundestag. Im Kern geht es um einen Referentenentwurf aus dem Gesundheitsministerium von Nina Warken (CDU), der Verschreibungen strenger regeln soll: mehr persönliche Arztkontakte, weniger Versand, mehr Hürden.

Der Hintergrund ist ein Verdacht, der inzwischen offen ausgesprochen wird: Ein Teil des medizinischen Cannabis werde gar nicht medizinisch genutzt, sondern schlicht zum Kiffen. Freizeitkonsum auf Rezept. Grauzone statt Therapie. Schwarze Schafe statt Patienten. Warken sagt, es gebe „Fehlentwicklungen beim Konsum von Cannabisblüten zu medizinischen Zwecken“, die sie korrigieren wolle. Dieser Verdacht scheint nicht aus der Luft gegriffen zu sein. Seit Cannabis nicht mehr unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, ist die Zahl privater Verschreibungen gestiegen. Auch die Importmengen. Das sieht nach Markt aus. Und wo Markt ist, ist Missbrauch nicht weit.

Fest steht: Die Zahl der medizinischen Cannabis-Verschreibungen ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Bundesweit hat sie sich seit 2018 mehr als verdoppelt – von rund 185.000 Verordnungen auf zuletzt mehr als 400.000 pro Jahr. Das ist der harte Fakt. Was aber fehlt, sind belastbare Detaildaten. Denn öffentlich ausgewiesen wird bislang nicht, wie viele dieser Verordnungen über die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) laufen – und wie viele privat bezahlt werden. Genau hier setzt die politische Interpretation an. Das Bundesministerium für Gesundheit argumentiert, dass der starke Anstieg der Importmengen für medizinisches Cannabis nicht durch die vergleichsweise stabilen GKV-Verordnungen erklärbar sei. Daraus leitet das Ministerium den Schluss ab, dass vor allem der Selbstzahler-Markt stark gewachsen sein müsse. Und damit auch der Verdacht, ein Teil der Rezepte diene nicht der Therapie, sondern dem Freizeitkonsum.

Belegt ist dieser Verdacht bislang nicht. Es gibt keine empirischen Studien, keine forensischen Auswertungen, keine belastbaren Zahlen, die zeigen, dass der Zuwachs privater Verordnungen überwiegend auf Missbrauch zurückgeht. Was es gibt, ist eine Mengenbeobachtung – und eine politische Schlussfolgerung. Genau an diesem Punkt verläuft die Bruchlinie der Debatte: zwischen Statistik und Interpretation, zwischen Regulierung und Generalverdacht. Die Frage ist deswegen: Trifft Warken, wenn sie die Keule schwingt, und die Vergabe schärfer regelt, die Richtigen? Oder trifft sie Menschen wie Nicolas? „Mich betrifft es auch, weil ich nicht jedes Mal zum Arzt und zur Apotheke rennen kann“, sagt der 31-Jährige. Als Mann vom Fach stellt er sich folgende Frage: Warum seien Medikamente, die stark süchtig machen, wie Ritalin, einfacher zu erhalten als das vergleichsweise harmlose Cannabis?

Sascha Mielcarek, Chef des Cannabis-Händlers Canify sieht es so: Es sei nachvollziehbar, dass der Gesetzgeber einige schwarze Schafe der Branche beschränken möchte. „Die vorgeschlagenen pauschalen Verschärfungen schießen aber über das Ziel hinaus.“ Sein Hauptargument: Die Leidtragenden wären nicht die Trickser, sondern die Schwerkranken. Schon heute fänden viele Patienten keinen Arzt, der eine Cannabis-Therapie begleitet. Wer dann persönliche Kontakte zwingend vorschreibt und Versandwege kappt, verschärft ein ohnehin bestehendes Versorgungsproblem, besonders auf dem Land.

Was politisch wie Ordnungspolitik aussieht, wirkt im Alltag schnell wie Rückbau. „Für die Branche bedeutet das einen enormen Rückschritt“, sagt Mielcarek weiter. „Anstatt Qualität und ärztliche Begleitung gezielt zu stärken, würde ein funktionierendes Versorgungsmodell ausgebremst.“ Sein Satz, der hängen bleibt: „Medizinisches Cannabis ist kein Missbrauchsproblem, sondern eine anerkannte Therapieoption.“

Auch Antonia Menzel vom Bundesverband pharmazeutischer Cannabinoidunternehmen schlägt in diese Kerbe. Ja, sagt sie, Fehlgebrauch müsse eingedämmt werden. Seriöse Anbieter hätten daran selbst ein Interesse. Aber der Entwurf arbeite mit einem Generalverdacht – vor allem gegenüber privat Versicherten und Selbstzahlern. Das Problem: Viele dieser Menschen sind Patienten, weil ihre Krankenkasse die Kostenübernahme ablehnt. Nicht, weil sie in der Freizeit konsumieren wollen.

Am Ende steht eine einfache, unbequeme Wahrheit: Man könnte Missbrauch bekämpfen, ohne Patienten zu bestrafen. Man kann unseriöse Anbieter kontrollieren, ohne funktionierende Versorgung zu zerschlagen. Aber dafür braucht es Differenzierung. Und Mut zur Genauigkeit. Und keine ideologische Debatte. Für Nicolas Enriquez ist das keine Theorie. Wie die Bundesregierung vorgeht, entscheidet darüber, ob sein Alltag stabil bleibt oder wieder kippt. Ob er versorgt wird – oder wieder Versorgung suchen muss. Politik redet gern von Einzelfällen. In Wahrheit sind es genau diese Einzelfälle, an denen sich zeigt, ob ein Gesetz taugt.

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