Business & Beyond Wie ich Donalds Davos erlebe

Wie ich Donalds Davos erlebe

Eigentlich wollte der Wirtschaftswissenschaftler Professor David Matusiewicz beim Weltwirtschaftsforum in Davos seinem Kernthema nachgehen: der Gesundheitsökonomie. Doch er erlebt ein Forum, das von den Amerikanern dominiert wird. Die Stimmung? Mal Faszination, mal betretenes Schweigen. Hier sein Bericht.

Davos erinnert mich in diesem Jahr an ein überdimensionales Wimmelbild: eine Promenade voller bunter Häuser, die sich die Marken, die beim Weltwirtschaftsforum (WEF) vertreten sind, errichtet haben: Vom weltgrößten US-Vermögensverwalter und Ex-Friedrich-Merz-Arbeitgeber Black Rock im Westen der ungefähr einen Kilometer langen Promenade bis zu Google im Osten in der Nähe des Congress Centers, dem Epizentrum des Geschehens. Auf den Straßen reihen sich überwiegend schwarze Limousinen Stoßstange an Stoßstange, die ihre Passagiere am liebsten durch Hintereingänge zu den Veranstaltungen bringen. Zu Fuß bin ich schneller.

Nach fünfzig Metern habe ich das Gefühl, fünf parallele Welten durchquert zu haben. Es gibt eine Sicherheitszone, eine Medienzone, eine Investorenzone, einen NGO-Treffpunkt und einen Kunst- und Tech-Spielplatz. Und ein Minigolfplatz aus Eis. Alles passiert gleichzeitig, alles buhlt um Aufmerksamkeit. Davos ist in diesen Tagen kein Ort mehr, sondern ein verdichtetes Szenario globaler Macht, Eitelkeit und Erwartung auf einer Meta-hoch-zwei-Ebene. Diejenigen, die hier sind, haben keinen geringeren Anspruch, als die Welt zu verbessern. Und Geschäfte zu machen. Es ist eine Welt zwischen Frieden und Krieg, Sicherheit und Angst, Abhängigkeit und Souveränität, Gemeinwohlökonomie und Eigennutz. Über allem liegt der Name eines Mannes, der das Forum ins Zentrum der globalen Aufmerksamkeit katapultiert: Donald Trump.

Trump schenkt Davos Aufmerksamkeit – und das ist eine knallharte Währung

Zu den ersten Menschen, denen ich auf der Promenade begegne, gehört André Hoffmann, aktueller Co-Präsident des WEF und einer der Erben des Pharmakonzerns Roche. Er wirkt als Chef des WEF ruhig und gelassen. Hoffmann hat keine hohen Erwartungen an Trumps Rede. Er sagt jedoch auch, dass er froh ist über die Aufmerksamkeit, die der US-Präsident dem Forum schenkt. Aufmerksamkeit ist in Davos eine knallharte Währung.

Wenn ich durch den Ort laufe, begegne ich den USA alle paar Meter. Ich laufe an zwei „USA House“ vorbei: eines ist die berühmte kleine Kirche, die ich aus unzähligen Fernsehbildern kenne, und auf jetzt der ernst schauende US-Adler abgebildet sind. Das andere steht nur wenige Meter weiter – doppelt hält besser. Es sind sichtbare Symbole amerikanischer Selbstgewissheit.

Bei einem Abstecher mit der gelben Standseilbahn auf die Schatzalp spreche ich mit Thom Tillis, dem US-Senator für North Carolina. Er ist ein großer Mann und trägt eine große US-Flagge als Anstecknadel auf seinem Anzugrevers. „Ich weiß, ich sehe aus wie Joe Biden in seinen guten Jahren“, sagt er, um das Eis zu brechen. „Wenn es hilft, einen besseren Platz im Restaurant zu bekommen, warum nicht“, entgegne ich. Mit ihm reist eine große Gruppe auf den „Zauberberg“, der durch den Schriftsteller Thomas Mann bekannt wurde. Umgeben von vielen gut gelaunten Amerikanern, die Fotos machen und herumscherzen, wage ich immer wieder die Frage, mit welchen Erwartungen sie nach Davos gekommen sind. „To have a great time!“ ist jedes Mal die gutgelaunte uramerikanische Antwort.

Niemand stellt Fragen, alle pitchen

Ein amerikanisches Pärchen aus New York kann mir nicht entkommen, denn wir stehen gemeinsam eine Stunde an, um unsere Hotelbadges in der alten Post abzuholen. Auch ihnen stelle ich die Frage, wie sie als Amerikaner den Besuch von Donald Trump sehen. Rohinee, die sich mit „Digital Fluency“ und damit einer eigenen Wortneuschöpfung beschäftigt, und ihr Ehemann, der in der Cybersecurity-Branche arbeitet, haben eine klare Meinung. Ihnen ist es weniger wichtig, was Donald Trump in Davos sagt und was nicht. Ihnen geht es darum, dass er generell einen guten Job für die Menschen macht. Ich höre auf, Fragen zu stellen. In Davos stellt niemand Fragen, ist mein Eindruck, sondern jeder pitcht gleich Ideen, wie er oder sie die Welt verbessern möchte.

Bei Nicht-Amerikanern schwankt die Wahrnehmung über Trumps Teilnahme zwischen betretenem Schweigen und einer Faszination, der auch ich mich nichr entziehen kann. Davos wird so zu „Little America“. Amerika im Takt, Europa im Echo. Er führt, sie folgt. Ich frage mich: Wo ist das House of Europe? Wo ist der Ort, an dem Europa als politische, wirtschaftliche und kulturelle Kraft gebündelt sichtbar wird? Ich habe keine einzige Europa-Flagge gefunden.

Die nationalen Houses der Europäer stehen verstreut herum, irgendwie leise, fast schüchtern. Alle warten auf Trump. Wir warten darauf, was der mächtigste Mann der Welt sagen oder andeuten könnte: Zur Ukraine, zu Venezuela, Gaza, Iran, Friedensnobelpreis-Schenkung, „eigene” NATO, Zölle – und ach ja: Grönland. Alles, was bislang in Davos und medial passiert, wirkt wie eine Vorband für ihn.

Europa kommt nicht aus der Deckung

Ich spüre es: Dieses Warten fühlt sich falsch an. Ich fühlte mich besser, wenn Europa shier nicht als Fanclub auftreten würde, sondern als Akteur. Nicht reaktiv, sondern gestaltend. Davos bietet die Bühne dafür – in Davos ordnen sich Macht, Kapital und Narrative jedes Jahr neu. Doch ohne ein sichtbares europäisches Gegengewicht droht das Forum zu einem Schaufenster einseitiger Stärke zu werden.

Vielleicht ist es noch nicht zu spät. Vielleicht formiert sich dieses House of Europe noch – als Raum für Debatte, Selbstvergewisserung und eine gemeinsame Vision. Ein „House of Europe“-Hotel existiert immerhin bereits – allerdings hat es Gäste, nur keine keine Inhalte. Diese Leerstelle sagt mehr über den Zustand Europas aus als jede Wortmeldung auf einem Podium der Kongresshalle.

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