Business & Beyond Gaskrise 2.0? Warum Deutschlands Speicher gefährlich leer sind

Gaskrise 2.0? Warum Deutschlands Speicher gefährlich leer sind

Die deutschen Gasspeicher sind so leer wie seit fünf Jahren nicht mehr. Nur 38 Prozent Füllstand – und die Politik setzt auf den Markt. Doch der versagt gerade spektakulär.

Deutschland spielt Vabanque mit seiner Gasversorgung. Die Speicher sind auf 38 Prozent geschrumpft, laut Zeit ein historischer Tiefstand für diese Jahreszeit. Zum Vergleich: Vor einem Jahr lagen die Füllstände bei komfortablen 65 Prozent.

Die kritische Schwelle von 20 Prozent, ab der Schwimmbäder und Industrieanlagen vom Netz gehen, rückt näher. Und die Bundesregierung? Hofft auf mildes Wetter. Das ist keine Energiepolitik – das ist Wetterspekulation.

Wenn der Markt versagt: Warum niemand Gas einspeichert

Die Ampel-Regierung hatte nach der Energiekrise klare Vorgaben definiert: Am 1. Februar sollten die Speicher mindestens zu 30 Prozent gefüllt sein. Die Realität sieht anders aus. Deutschlands größter Gasspeicher in Rehden dümpelt bei mageren 11 Prozent.

Der Grund ist simpel: Im Sommer war Gas teurer als im Winter – wirtschaftlich unattraktiv für Händler, die Speicher zu füllen. Stefan Dohler, Chef des Energieversorgers EWE, bringt es auf den Punkt: Die Instrumente funktionieren nicht. Das Energiewirtschaftsgesetz sei voller Ausnahmen, Sanktionsmöglichkeiten praktisch nicht vorhanden.

Das unterschätzte Risiko: Wenn Gas da ist, aber nicht schnell genug kommt

Hier wird es technisch – und brisant. Ab einem Füllstand unter 50 Prozent sinkt der Druck in den Speichern. Die Folge: Gas lässt sich physikalisch bedingt langsamer ausspeichern. An kalten Tagen mit Verbrauchsspitzen wird das zum Problem.

Die Vereinigung der Fernleitungsnetzbetreiber Gas bestätigt: Import- und LNG-Kapazitäten reichen in Spitzenlastszenarien allein nicht aus. Ohne ausreichende Speicherbevorratung wird es eng. Das Gas ist vorhanden – aber nicht beliebig schnell verfügbar. Ein Unterschied, der an frostigen Februartagen entscheidend sein kann.

Die Trump-Karte: Europas gefährliche LNG-Abhängigkeit

Der Großteil des nach Deutschland importierten Flüssigerdgases stammt aus den USA. Geopolitische Spannungen? Ein Restrisiko, das die Bundesnetzagentur kleinredet. Dohler fordert eine nationale Gasreserve nach Vorbild der Ölreserve – eine Versicherung, die Geld kostet, aber Sicherheit schafft.

Die Bundesnetzagentur kündigt Änderungen an der Verordnung an. Möglicherweise. Denn parallel steigen die Großhandelspreise seit Jahresbeginn um 38 Prozent. Ein Schneesturm in Texas, der Förderstätten und Exporthäfen bedroht, treibt die europäischen Gaspreise auf ein Siebenmonatshoch von 42 Euro pro Megawattstunde.

Paradoxe Marktsituation: Verbraucher zahlen wenig, Großhandel explodiert

Während die Großhandelspreise durch die Decke gehen, zahlen Verbraucher aktuell nur rund 8 Cent pro Kilowattstunde für Gas. Diese Diskrepanz wird nicht lange halten. Die Preisunterschiede zwischen Sommer- und Wintergas waren zu gering, um Speicherkosten zu decken. Das Ergebnis: Der Staat griff nicht mehr ein – und der Markt sprang nicht ein.

Uniper warnt vor kurzfristigen Preisspitzen, nicht wegen fehlender Lieferungen, sondern wegen begrenzter Ausspeicherleistung. Europaweit werden die Speicher so schnell geleert wie seit fünf Jahren nicht mehr. Analysten von Wood Mackenzie rechnen damit, dass Europas Speicher den Winter bei nur noch 20 Prozent beenden könnten.

Business Punk Check

Die Bundesregierung hat ein wirtschaftspolitisches Eigentor geschossen. Nach Abschaffung der Gasspeicher-Sicherheitsumlage sollte der Markt es richten – hat er aber nicht. Das strukturelle Problem: Fehlende Anreize für Speicherbefüllungen im Sommer, kombiniert mit einem zahnlosen Energiewirtschaftsgesetz. Die Konsequenz tragen Industrieunternehmen und energieintensive Mittelständler. Bei Verbrauchsspitzen drohen nicht Abschaltungen, aber Preisspitzen am Spotmarkt. Für produzierende Unternehmen bedeutet das: kalkulatorische Unsicherheit und potenzielle Wettbewerbsnachteile gegenüber Konkurrenten in Ländern mit stabilerer Energiepolitik.

Die geopolitische Abhängigkeit von US-LNG ist das zweite Versäumnis. Über ein Viertel der EU-Gasimporte stammen aus den USA – ein Hebel, den Washington jederzeit nutzen kann. Die Forderung nach einer nationalen Gasreserve ist richtig, kommt aber Jahre zu spät. Europaweit wird bereits über staatliche Eingriffe und verbindliche Speicherziele diskutiert. Deutschland hinkt hinterher. Für Unternehmen heißt das: Energiekosten werden volatiler, Planungssicherheit schwindet. Wer jetzt nicht auf Energieeffizienz und alternative Versorgungsstrategien setzt, spielt das gleiche Vabanque-Spiel wie die Politik.

Häufig gestellte Fragen

Welche Branchen sind von niedrigen Gasspeicherständen besonders betroffen?

Energieintensive Industrien wie Chemie, Glas, Keramik und Metallverarbeitung tragen das größte Risiko. Bei Verbrauchsspitzen und begrenzter Ausspeicherleistung drohen Preisspitzen am Spotmarkt, die Produktionskosten sprunghaft erhöhen. Mittelständische Zulieferer ohne langfristige Hedging-Strategien sind besonders exponiert.

Wie können Unternehmen sich gegen volatile Gaspreise absichern?

Langfristige Lieferverträge mit festen Preiskomponenten bieten Planungssicherheit. Parallel sollten Unternehmen in Energieeffizienz investieren und alternative Energieträger prüfen. Industrielle Wärmepumpen und Prozesswärme aus erneuerbaren Quellen reduzieren die Gasabhängigkeit strukturell.

Was bedeutet die US-LNG-Abhängigkeit für deutsche Unternehmen?

Über ein Viertel der EU-Gasimporte stammen aus den USA – ein geopolitisches Risiko. Handelspolitische Spannungen oder Exportbeschränkungen können Lieferketten unterbrechen. Unternehmen sollten Lieferantenportfolios diversifizieren und Versorgungsalternativen aus Norwegen, den Niederlanden oder Belgien prüfen.

Wann werden die niedrigen Speicherstände für Verbraucher spürbar?

Die aktuell niedrigen Verbraucherpreise von 8 Cent pro Kilowattstunde spiegeln noch alte Einkaufspreise wider. Sobald Versorger zu aktuellen Großhandelspreisen von 42 Euro pro Megawattstunde nachkaufen müssen, werden diese Kosten an Endkunden weitergegeben. Realistisch ist das ab Frühjahr 2026.

Welche politischen Maßnahmen sind jetzt notwendig?

Eine nationale Gasreserve nach Vorbild der Ölreserve schafft strategische Sicherheit. Verbindliche Speicherziele mit Sanktionsmöglichkeiten für Händler verhindern Marktversagen. Subventionen für Speicherbefüllungen im Sommer könnten Anreize setzen. Das Bundeswirtschaftsministerium kündigt Änderungen an – die Umsetzung muss vor dem nächsten Winter erfolgen.

Quellen: Fnp, Zdfheute, Zeit, Merkur

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