Tech & Trends Spotify macht Gefühle berechenbar – und nennt es Feature

Spotify macht Gefühle berechenbar – und nennt es Feature

Playlist bauen war gestern. Spotify will jetzt wissen, wie du dich fühlst – und lässt eine KI den Soundtrack dazu ausspucken. In den USA und Kanada startet mit „Prompted Playlists“ ein neues Feature für Premium-User. Statt Genres, Jahreszahlen oder Musik-Nerd-Vokabular reicht ab sofort ein ganz normaler Satz. Oder ein Roman. Oder ein Gefühl. Willkommen in der Ära der sprechenden Playlists.

Spotify rollt das nächste KI-Spielzeug aus – und diesmal geht’s direkt ans Eingemachte: unsere Playlists. Mit Prompted Playlists können Premium-Nutzer:innen in den USA und Kanada einfach in eigenen Worten beschreiben, was sie hören wollen.Kein „Indie-Electro 2016–2019“ mehr, sondern: „Ich brauche Musik für einen leicht übermotivierten Dienstag mit Existenzkrise.“ Die KI hört zu. Und baut dir eine Playlist. Neu ist: Du kannst Regeln setzen. Nur neue Songs. Mehr Deep Cuts, weniger Hits. Bestimmte Ära. Der Algorithmus folgt – erstaunlich brav.

Von simplen Befehlen zu echten Gesprächen

Ganz neu ist das nicht. Schon 2024 testete Spotify KI-Playlists mit braven Prompts à la „konzentriert arbeiten mit instrumentaler Electronica“. Nett. Aber flach.
Jetzt geht Spotify all in. Die neue Version versteht lange, verschachtelte Anfragen. In einer Demo ließ sich die KI bitten, einen neuen Lieblingsartist zu finden – inklusive Einführung, Dramaturgie und Gewichtung der Songs. Auf Wunsch erneuert sich die Playlist täglich oder wöchentlich automatisch. Kuratieren auf Autopilot. Mit persönlichem Touch und eingebauter Refresh-Taste.

„Du brauchst nicht die richtigen Worte – nur deine“

J.J. Italiano, Head of Global Music Curation, sagt offen, was Sache ist: Playlist-Bauen ist für die meisten Menschen kein Hobby, sondern Arbeit. Und dafür fehlt oft Zeit, Energie oder Lust. Die Idee hinter Prompted Playlists: Jede:r soll kuratieren können – ohne Genre-Wissen, ohne Szene-Codes, ohne Nerdtum. Beschreib ein Gefühl, eine Situation, einen Vibe. Die KI erledigt den Rest. Spotify nennt das „Collaboration, not automation“. Klingt besser als es ist, trifft aber den Kern: Du lieferst Idee und Spielregeln, der Algorithmus setzt sie um. Wer ein Gefühl beschreiben kann, kann jetzt auch eine Playlist bauen.

Die KI weiß alles – auch über dich

Im Hintergrund läuft schweres Gerät. Die KI analysiert Trends, Charts, Kultur, Musikgeschichte – und dein komplettes Hörverhalten seit Tag eins. Nicht nur die letzten Wochen, sondern deine gesamte musikalische Biografie. Neu sind kleine Erklärungsschnipsel bei einzelnen Songs: Warum dieser Track? Weil er zu deinem Hörmuster passt. Oder gerade trendet. Oder beides. Wer aus der eigenen Bubble raus will, kann der KI aber auch sagen: „Ignorier meinen Geschmack.“ Oder: „Überrasch mich.“ Mutige Menschen entdecken Neues. Der Rest bleibt bequem im eigenen Sound-Kokon.

Playlist-Ideen ohne Musik-Wissen

Das Beste: Du musst nicht mal über Musik sprechen. Wetter reicht. Serie reicht. Stimmung reicht. Weil Prompts teilbar sind, entsteht nebenbei ein neuer Creator-Typ: Menschen, die keine Playlists bauen, sondern perfekte Anweisungen. Spotify testet dafür bereits Beispiel-Prompts im Home-Bereich, kuratiert von internen Culture-Teams. Die Ergebnisse bleiben trotzdem individuell – jede Playlist wird auf deinen Account zugeschnitten und lässt sich danach weiter verbiegen. Remix-Kultur, aber mit Algorithmen.

Evolution oder Feature-Wirrwarr?

Spotify spricht von der „nächsten Evolutionsstufe“. Mehr Kontext, mehr Kontrolle, mehr Echtzeit-Kultur. Gleichzeitig bleibt das alte KI-Playlist-Feature bestehen. Zwei ähnliche Tools, ein Interface, wenig Erklärung. Verwirrung inklusive. Aktuell ist alles Beta: Nutzungs-Limits, nur Englisch, begrenzte Märkte. Globaler Rollout? Irgendwann. Erst lernen, dann skalieren. Parallel feilt Spotify an allgemeinen KI-Regeln und Transparenzfragen rund um KI-generierte Musik. Prompted Playlists sind Teil einer größeren AI-Strategie – kein nettes Gimmick.

Der Algorithmus hört jetzt zu

Spotify verkauft hier mehr als ein Feature. Es verkauft Entlastung. Du musst nicht wissen, was du hören willst – du musst es nur irgendwie fühlen. Den Rest erledigt der Code. Ob das Befreiung oder Bequemlichkeit ist, bleibt Geschmackssache. Sicher ist nur: Die Playlist wird persönlicher. Die KI redseliger. Und der DJ? Sitzt im Code. Aber den Prompt hältst immer noch du.

Das könnte dich auch interessieren