BusinessPunk Voices Die große KI-Panikmache in den Medien

Die große KI-Panikmache in den Medien

Mann, geht mir das auf den Keks!


Ständig kommt der nächste Bericht raus. Der Citrini Research Report prognostiziert radikale Veränderungen bis 2028. Matt Shumer twittert seine Einschätzungen zur KI-Entwicklung. Beide sorgen für massive Aufmerksamkeit. Wir leben gerade zwischen zwei Extremen: Entweder wird uns versprochen, dass KI alle Probleme löst, oder dass sie alle Jobs vernichtet, die Gesellschaft zerstört, die Menschheit überflüssig macht.

Das eigentliche Problem? Keiner hat eine Glaskugel. Die haben maximal ein großes Marketingbudget.

Szenarien sind keine Fakten

Aber hier ist die Wahrheit: Das sind keine Fakten. Das sind Szenarien. Reflexionen. Überlegungen von Menschen, die in der Szene stecken. Ich arbeite selbst seit vielen Jahren in der KI-Szene. 2018 habe ich GPT-2 getestet und danach die Aussage getätigt: "Aus denen wird nie was." Vier Jahre später kam ChatGPT und hat alles verändert.

Das zeigt: Wir sind als Menschen unglaublich schlecht darin, die Zukunft vorherzusagen, vor allem in Zeiten exponentieller Veränderung. Erinnert euch an den Club of Rome. Lauter kluge Köpfe prognostizierten, dass die Menschheit verhungern wird. Die Logik war simpel: Weltbevölkerung wächst exponentiell, Nahrungsversorgung nur linear. Tipping Point, Verhungern, Ende. Was sie nicht vorhergesehen haben? Die Antibabypille und technologische Durchbrüche in der Landwirtschaft. Sie konnten nicht exponentiell denken. Wir können es Jahrzehnte später immer noch nicht.

Wie die Medien Panik produzieren

Und dann passiert das Eigentliche: Die Medien greifen diese Szenarien auf. Wir haben die KI-Berichterstattung deutscher Medien der letzten Monate strukturiert ausgewertet. Das Ergebnis: 80 Prozent negativ, 20 Prozent positiv. Warum? Weil Dystopie sich besser verkauft als differenzierte Einordnung. Angst klickt. Panik teilt sich. Nuancen sind langweilig.

Die Bild macht aus dem Citrini-Report sofort einen Bericht über den drohenden Jobverlust. Das ZDF setzt sich bewusst in die Nesseln: Erinnert euch an den ICE-Vorfall vor ein paar Wochen, bei dem ein KI-generiertes Video genutzt wurde, um Dramatik zu erzeugen. KI wird hier selbst zum Werkzeug der Panikmache. Die FAZ springt auf den Zug auf und fragt, ob wir alle bald überflüssig sind.

Panik oder Hype, je nachdem, welches Extrem gerade besser klickt.

Die widersprüchliche Studienlage

Das heißt nicht, dass wir uns nicht mit diesen Themen auseinandersetzen sollen. Im Gegenteil. Wir müssen über Gefahren sprechen. Wir müssen Risiken bewerten. Aber sachlich und ruhig.

Denn wenn wir tiefer einsteigen, sehen wir sehr unterschiedliche Herangehensweisen, Methoden, Studien, die sich zu großen Teilen widersprechen.

Beispiel: Die letzte Vanguard Studie zeigt, dass KI exponierte Jobs gerade stärker wachsen und im Verhältnis zu anderen wesentlich besser bezahlt werden. Unternehmen wollen offenbar Leute, die diese Expertise haben und mit KI arbeiten, anstatt dass KI diesen Job wegnimmt.

Gleichzeitg werden die Modelle immer intelligenter. Aber deswegen werden wir noch lange nicht produktiver in den Unternehmen. Warum? Weil wir gar nicht in der Lage sind, diese Cases wirklich umzusetzen. Technologie ist nicht gleich gesellschaftliche Entwicklung.

Das beste Gegengift: Kompetenz

Und umso entscheidender ist, dass wir uns mit der Technologie auseinandersetzen. Dass wir selbst ausprobieren. Dass wir vor allem die Grenzen kennenlernen.

Denn das beste Gegengift gegen Panik ist Kompetenz.

Wenn ich Dinge einordnen kann, wenn ich sie selbst ausprobiere, bin ich in der Lage, selbst Entscheidungen zu treffen. Ich bin nicht abhängig von Schlagzeilen.

Marie von Ebner-Eschenbach hat das so treffend formuliert: „Wer nichts weiß, muss alles glauben”.

Das ist gelebte Medienkompetenz. Das ist Souveränität im KI-Zeitalter. Zwischen Weltuntergang und Wunderversprechen liegt wie immer die Realität. Und die ist kompliziert, widersprüchlich, unsicher. Aber sie ist handhabbar, wenn wir aufhören, uns von Schlagzeilen treiben zu lassen, und anfangen, selbst zu denken.

Dominic von Proeck ist Gründer von Leaders of AI, einer Akademie für KI-Transformation, in der ein kleines Team von weniger als zehn Menschen mit über fünfzig KI-Assistenten experimentiert, wie die Organisation von morgen funktioniert. Als Mitglied im KI-Expertenrat von Microsoft beschäftigt er sich täglich mit den strategischen Fragen der digitalen Zukunft in Europa. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter „KI mit Köpfchen – Wie man mit ChatGPT & Co die Organisation der Zukunft baut“ (Springer Gabler).

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