Business & Beyond Deutschlands geheime Ölreserve: 20 Millionen Tonnen für den Krisenfall

Deutschlands geheime Ölreserve: 20 Millionen Tonnen für den Krisenfall

Wenn der Ölpreis explodiert, greifen Regierungen zu ihrem letzten Instrument: der strategischen Ölreserve. Tief unter Norddeutschland lagern Millionen Tonnen Benzin und Diesel für genau diesen Moment.

Wenn der Ölpreis plötzlich durch die Decke geht, beginnt hinter den Kulissen ein gut eingeübtes Krisenszenario. Dann telefonieren Finanzminister, Energieminister und Marktstrategen miteinander. Sie entscheiden über den Einsatz der „strategischen Reserve“. Im Fall von Deutschland sind das rund 20 Millionen Tonnen Benzin, Diesel und andere Ölprodukte, die vor allem in Salzkavernen in Norddeutschland unter der Erde lagern und auf ihren Einsatz warten. Verantwortlich dafür ist der Erdölbevorratungsverband (EBV). Kaum jemand kennt ihn. Aber ohne ihn wäre Deutschland in einer Energiekrise binnen Wochen schwer verwundbar.

Gerade wieder ist dieser Moment näher gerückt. Der Krieg im Nahen Osten hat den Ölpreis in einer Nacht um bis zu 29 Prozent auf fast 120 Dollar pro Barrel nach oben geschoben.
Die G7-Staaten schalteten sich deshalb an diesem Monat kurzfristig zusammen. Die Frage: Müssen die strategischen Reserven geöffnet werden? Noch zögern die Regierungen. Frankreichs Finanzminister Roland Lescure sagte nach der Krisenrunde, man sei „noch nicht an dem Punkt“, die Reserven freizugeben, halte diese Option aber ausdrücklich bereit.

Allein dieses Versprechen wirkt. Schon die Aussicht auf zusätzliches Öl drückte den Preis wieder etwas nach unten. Im Hintergrund sitzt dabei immer auch die Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur, die solche Aktionen koordiniert. Sein Satz ist inzwischen ein Mantra der Energiepolitik: „Strategische Reserven sind die Versicherung der Weltwirtschaft gegen plötzliche Schocks.“

Wie eine Versicherungspolice

Deutschland zahlt in diese Versicherung über den Erdölbevorratungsverband ein. Der EBV hält Rohöl sowie Diesel, Benzin und Kerosin für mindestens 90 Tage Importausfall bereit. Bene der Lagerung in gigantischen Salzkavernen tief unter der Erde, ruht ein Teil des Vorrats auch in Tanks nahe Raffinerien. An diese Vorräte darf aber nur in Ausnahmefällen gegangen werden. Tatsächlich passiert das selten, aber es wirkt:

1991, im Golfkrieg, war es das erste Mal. Die Internationale Energieagentur koordinierte eine Freigabe, um die Nervosität der Märkte zu bremsen. Der Effekt war weniger physisch als psychologisch: Die Preise stabilisierten sich, weil Händler wussten, dass plötzlich Millionen Barrel zusätzlich auf den Markt kommen könnten.

Psychologische Beruhigung

2005, nach Hurrikan Katrina, fiel ein großer Teil der amerikanischen Ölproduktion aus. Wieder öffneten die Industriestaaten ihre Reserven. Diesmal floss das Öl tatsächlich in Raffinerien – und half, einen massiven Benzinengpass in den USA zu verhindern.

2011 wiederholte sich das Spiel beim Ausfall libyscher Exporte während des Arabischen Frühlings. Rund 60 Millionen Barrel kamen auf den Markt. Die Botschaft an Händler und Spekulanten war klar: Die Industrienationen können kurzfristig gegensteuern.

Der größte Eingriff kam 2022 nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Die Mitgliedstaaten der IEA gaben gemeinsam zunächst 60 Millionen Barrel frei; später folgten deutlich größere Mengen aus der US-Reserve. Ziel war nicht nur Versorgung, sondern auch Preisdämpfung in einer Phase explodierender Energiepreise.

Die Erfahrung aus all diesen Fällen ist nüchtern: Strategische Reserven lösen keine Energiekrisen. Aber sie kaufen Zeit. Sie verhindern Panik. Und manchmal reichen schon ein paar Millionen Barrel, um einen Markt daran zu erinnern, dass Staaten noch immer einen letzten Trumpf in der Hand halten.

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