Ablage Affe, Pinguin, Schaf: Was Marken von Tier-Memes lernen können

Affe, Pinguin, Schaf: Was Marken von Tier-Memes lernen können

Von Adil Sbai, CEO WeCreate und 9:16® Summit

Ein Pinguin watschelt ins Nirvana. Fünfzig Schafe stürmen einen Supermarkt. Ein Baby-Affe klammert sich an ein IKEA-Plüschtier. Klingt nach Internet-Chaos – ist aber gerade das effizienteste Marketing, das Marken (unfreiwillig) bekommen können. Ich beobachte seit Jahren, wie Marken versuchen, auf Internetkultur zu surfen. Meistens scheitern sie: zu spät, zu steif, zu corporate. Aber drei Cases der letzten Wochen zeigen, was passiert, wenn Speed auf echtes Meme-Verständnis trifft: Penny, Lidl, IKEA. Und ja: Es ist kein Zufall, dass in allen drei Geschichten Tiere die Hauptrolle spielen.

Warum Tiere als Meme so brutal gut funktionieren

Tiere sind universelle Emojis. Du brauchst keine Sprache, keine kulturelle Vorbildung, keine Erklärung. Ein Blick reicht: süß, traurig, verloren, rebellisch. Dazu kommt die Projektionsfläche – Menschen laden Tiere mit menschlichen Motiven auf. Dem einsamen Pinguin wird je nach Perspektive Burnout, Rebellion, Pioniergeist oder einfach „lost-sein“ attestiert. Der verstoßene Affe Punch landete – Wochen nach dem initialen Hype – sogar in meiner Familiengruppe auf whatsapp, geteilt von meiner 73jährigen Mutter. Tiere funktionieren generationsübergreifend, plattformübergreifend – und als Remix-Maschine. Sie lassen sich captionen, vertonen, cutten, duetten. Immer wieder. Während ein Witz oder ein humorvolles Video verpuffen nach dem einmaligen Effekt, sind Memes Kommunikations-Assets. Wer als Marke da rein will, muss aber eine Grundregel verstehen: Nicht das Meme benutzen. Das Meme verstehen.

Case 1 – Das Schaf: Penny und der Millionen-Zufallstreffer

Im Januar laufen in der Kleinstadt Burgsinn rund 50 Schafe in einen Penny-Markt. Zwanzig Minuten Chaos. Die lokale Geschichte wird zum nationalen Meme – und Penny reagiert: Bio-Anpassung mit „määähga günstig“, Creator direkt in die Filiale, die Kampagne wird schnell breiter gezogen. Was stark daran war: Die Community merkte sofort, dass Penny nicht wie ein Corporate Account reagiert – also langsam, vorsichtig, bedacht, auf Fehlerminimierung aus. Sondern wie ein Meme-Account. Aber – und das ist der eigentliche Trick – sie haben nicht einfach einen Post gemacht. Sie haben ein Realtime-System aktiviert, womit ich meine: Es gibt jemanden, der entscheiden darf. Es gibt Templates. Es gibt eine klare Brand-Stimme. Und es gibt entweder soviel Plan oder soviel Vertrauen, dass man Momentum innerhalb einer Woche maximiert. Dafür braucht es die Offenheit, schnell zu reagieren und andere Pläne über den Haufen zu werfen: In der Praxis sind Redaktionspläne oft wochenlang im Voraus vorherbestimmt. Wenn dann zufällig 50 Schafe durch deinen Laden laufen, braucht es jemanden, der sagt „Stop“ – und jemanden, der das ernst nimmt und intern verkauft. Nur so entsteht ein Unterschied zwischen einem viralen Post und einer viralen Mini-Kampagne. Aus der Praxis kann ich sagen: Genau das ist das Problem bei den meisten Lebensmitteleinzelhändlern (und auch anderen Corporates). Abstimmungsschleifen dauern ewig. Hohe Manager müssen Dinge freigeben, die sie oft gar nicht einordnen können – und was man nicht einordnen kann, genehmigt man nicht. Das ist der Tod für gute Ideen, für Mut und für Agilität. Penny hat es offensichtlich anders organisiert. Und man hat gesehen, was dabei rauskommt. Der Case zeigte aber auch: Wer’s groß machen will, sollte schnell sein. Memes haben Halbwertszeiten – wer zu spät kommt, wird zumindest auf TikTok eher belächelt als bestaunt.

Case 2 – Der Pinguin: Lidl und „Meme-Ownership“

im Februar geht der „Nihilistic Penguin“ viral: eine Szene aus Werner Herzogs Antarktis-Doku von 2007. Ein Adélie-Pinguin läuft weg – nicht ans Meer, sondern in die entgegengesetzte Richtung, Richtung Berge. Richtung nichts. Das Internet macht daraus ein Sinnbild für Existenzialismus, Burnout, das große Loslassen. Lidl macht daraus eine Kampagne. Innerhalb weniger Tage: Social Content, dann ein DOOH-Takeover am Hamburger Hauptbahnhof. Das Meme landet in der echten Welt – und geht von dort zurück auf Social. Das ist, was ich Meme-Ownership nenne: Meme → Brand Message (ohne den Witz zu töten) → echte Welt → UGC-Loop. Der Vergleich zeigt, was Speed bedeutet: Lidl war mutig und schnell – und erntete 99% positives Sentiment. Mitbewerber, die später und vorsichtiger reagierten, wirkten wie Nachahmer. Wer Brand-Safety über Speed stellt, hat in der Meme-Ökonomie kaum eine Chance auf Kredibilität. Was Lidl hier bekommen hat, lässt sich kaum sauber in Media Value übersetzen – weil ein Großteil davon earned war (also organisch gewonnen, nicht eingekauft). Das ist die Währung, die zählt. Lidl selbst spricht auf Linkedin vom „erfolgreichsten Social Media Post jemals“.

Case 3 – Der Affe: IKEA und die Königsklasse

Ein Baby-Affe namens Punch wurde in einem Zoo in Japan von seiner Gruppe zunächst gemieden – und klammerte sich in Videos an ein IKEA-Plüschtier (DJUNGELSKOG). Das ging viral, die Nachfrage nach dem Plüschtier explodierte, einzelne Stores meldeten Ausverkäufe. Das Entscheidende: IKEA hat das Meme nicht “gemacht”. Das Internet hat IKEA reingezogen. Und IKEA hat (größtenteils) das Richtige getan: nicht den Abverkauf feiern, sondern den Moment empathisch nehmen und die Story atmen lassen. Der Fail-Move wäre “20% Rabatt für Punch-Fans” gewesen – dann bist du sofort der Bösewicht. Wer empathisch reagiert, gewinnt. Wer emotionales Storytelling monetarisiert, verliert. Was mich besonders beeindruckt hat: der globale Rollout in zig Ländermärkte. Bei 45 Milliarden Euro Umsatz ist der direkte Commerce-Effekt eines Plüschtiers marginal. Was IKEA gewonnen hat, ist globale Sympathie – und die ist nicht zu kaufen.

Das Playbook: 7 Regeln für Marken

  1. Erst Kontext, dann Content. Was bedeutet das Meme wirklich? Welcher Subtext schwingt mit?
  2. Tempo schlägt Perfektion. 80% heute ist besser als 100% nächste Woche.
  3. Sprich wie die Community – nicht wie eine Marke. Aber ohne dich zu verstellen.
  4. Mach aus einem Post ein Format-Set. Post → Reel → Story → UGC-Hook → ggf. OOH/PR → via UGC-Creator wieder zurückholen auf Social
  5. Baue einen UGC-Loop. Menschen müssen es nachmachen können.
  6. Rechte & Risiken abwägen. Film-Snippets, Sounds, Logos – Kosten/Nutzen im Blick behalten, aber meist lohnt sich Agilität im Graubereich
  7. Steig rechtzeitig aus. Memes sterben schnell. Bleib nicht als Letzter im Club.

Und Bonusregel 8: Wenn du keinen Spaß und Mut mitbringst, lass es. Die Community riecht „Corporate Try-Hard“ auf zwanzig Meter.

Fazit: Memes sind Infrastruktur

Der größte Irrtum im Meme-Marketing ist, dass es „billig“ sei. In Wahrheit ist es kulturell wie infrastrukturell anspruchsvoll. Du brauchst Geschmack, Timing, Mut – und ein Team, das Entscheidungen treffen darf, ohne drei Approval-Loops zu durchlaufen. Die besten Memes entstehen nicht in Agenturen. Sie entstehen im Zoo, in einem Penny in Burgsinn, in einer Antarktis-Doku aus dem Jahr 2007. Was Marken brauchen, ist kein Kreativteam, das Memes erfindet. Sie brauchen ein System, das erkennt, wann ein Moment kommt – und dann in 48 Stunden liefert. Affe, Pinguin, Schaf. Drei Zufälle. Drei Marken, die daraus Kultur gemacht haben. Das ist Reichweite, die man mit Media kaum kaufen kann.

Noch nicht genug von Tier-Memes? Magnus Folten, Managing Director der Kreativagentur WeCreate, erklärt in diesem Video, wie das Pinguin-Meme entstanden, woher die Melodie aus dem Song kam (Spoiler: Hamburg!) – und wie es mal gut, mal weniger gut genutzt wird von Marken:

In einem weiteren Podcast gehen Adil Sbai und Magnus Folten, Managing Director WeCreate, genauer auf den Hype um Tier-Memes ein.


Adil Sbai, CEO von WeCreate und Initiator des 9:16® Summit, ist Creator Economy-Experte und Kolumnist für den Business Punk.

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