Brand & Brilliance Ferry Hansen: „Ich wollte einen Duft schaffen, der nicht nach 15 Minuten verschwindet.“

Ferry Hansen: „Ich wollte einen Duft schaffen, der nicht nach 15 Minuten verschwindet.“

Zwischen Molekülen und Erinnerungen, zwischen Labor und Vorstellungskraft entsteht manchmal etwas, das mehr ist als nur ein Duft. Parfum ist flüchtig – und doch bleibt es. Es ist eine unsichtbare Architektur aus Blüten, Gewürzen und Holz, die sich erst auf der Haut vollendet und von Mensch zu Mensch eine andere Geschichte erzählt.

Ferry Hansen kennt diese Welt seit Jahrzehnten: als Beauty Director, als Beobachter der Branche, als jemand, der unzählige Lancierungen gesehen und beschrieben hat. Doch irgendwann reichte es ihm nicht mehr, über Parfum zu sprechen. Er wollte verstehen, wie es wirklich entsteht. Also ging er ins Labor – als Praktikant, mitten hinein in eine der diskretesten und zugleich faszinierendsten Industrien der Welt.

Dort begann eine unerwartete Reise: von der Theorie der Duftpyramide über die Chemie der Moleküle bis hin zu einem eigenen Parfum, das mehr als neunzig Inhaltsstoffe vereint und sich bewusst gegen die üblichen Dramaturgien der Branche stellt. „No.1“, so heißt Hansens Duft – nicht als Geste des Egos, sondern als Hinweis auf seinen Ursprung: die erste, unveränderte Version aus dem Labor.

Im Gespräch erzählt Hansen von weißen Blütenbouquets in klimatisierten Clubs, von der Kunst, Moleküle miteinander sprechen zu lassen – und von einem Moment im Labor, der so emotional war, dass er ihn bis heute nicht verändern wollte.

Herr Hansen, Sie haben viele Jahre als Beauty Director gearbeitet – und plötzlich selbst einen Duft kreiert. Wie kam es dazu?

Eigentlich aus einer gewissen Frustration heraus. Ich habe über zwanzig Jahre in der Beautybranche gearbeitet und irgendwann gemerkt, wie viel Marketing-Storytelling dort betrieben wird. Diese klassischen PR-Narrative – Sonnenuntergänge über Lavendelfeldern, mediterrane Inspiration und so weiter – sind oft einfach Fiktion.
Also dachte ich: Ich möchte einmal wirklich hinter die Kulissen schauen. Ich habe ein Sabbatical gemacht und bin als Praktikant in ein Parfumlabor gegangen. Und dort habe ich verstanden, wie unglaublich komplex und faszinierend diese Welt ist.

Was hat Sie dort am meisten überrascht?

Wie wissenschaftlich Parfum eigentlich ist. Am Ende ist alles Chemie: Moleküle, die sich verbinden oder abstoßen, Stoffe, die flüchtig sind oder stabil bleiben. Die klassische Duftpyramide – Kopf-, Herz- und Basisnote – basiert genau darauf.

Und gleichzeitig hat mich etwas daran immer irritiert: Die Kopfnote eines Parfums ist oft nur zehn bis fünfzehn Minuten präsent. Aber genau in dieser Zeit entscheiden die meisten Menschen, ob sie einen Duft kaufen. Danach riecht er völlig anders. Ich habe mich immer gefragt: Warum legt man auf diesen kurzen Moment so viel Gewicht?

Sie wollten dieses Prinzip also aufbrechen?

Genau. Ich wollte die klassische Pyramide nicht komplett abschaffen – sie ist chemisch ja sinnvoll –, aber ich wollte sie anders denken. In meinem Duft bleiben Elemente der Kopfnote auch später noch erhalten. Das florale Bouquet verschwindet nicht einfach, sondern taucht in Herz- und Basisnote immer wieder auf.

Ihr Duft erzählt sogar eine räumliche Geschichte.

Ja, das war mein Konzept. Man betritt einen Private Club in Abu Dhabi. Draußen herrscht die brütende Hitze der Wüste, drinnen ist es kühl und elegant. Das Erste, was einen empfängt, ist ein opulentes Bouquet weißer Blumen – Lilien, Hyazinthen, Tuberose, Jasmin. Diese enorme florale Präsenz kennt man aus luxuriösen Hotels oder Foyers.

Dann setzt man sich hin, bestellt etwas zu trinken – und der Duft verändert sich. Die zweite Ebene ist gourmand: schwarzer Tee mit Mandelmilch, Gebäck mit Zimt und Zucker, Karamell, Schokolade. Die Blumen sind noch da, aber nur noch beiläufig, wie ein Echo im Raum.

Und die Basis?

Die Basis ist der Raum selbst. Holzvertäfelte Wände, schwere Samtvorhänge, Ledersessel, Tabaknoten. Vielleicht auch ein Hauch Cannabis im Stoff der Vorhänge. Das sind erdende Elemente, die die Süße der gourmand-Noten ausbalancieren. Ein Parfum trennt sich ja nicht wirklich in Schichten – es entwickelt sich nur. Alles vermischt sich und verändert sich mit der Zeit.

Ihr Duft enthält über 90 Inhaltsstoffe – ungewöhnlich viel.

Ja, das ist enorm. Die meisten Parfums arbeiten mit vielleicht 30 bis 50 Komponenten. Diese Vielzahl macht den Duft leider auch teuer. Mein Eau de Parfum kostet 340 Euro für 100 Milliliter. Aber das liegt wirklich an der Qualität der Materialien. Der Duft wird in Grasse hergestellt – der historischen Hauptstadt der Parfümerie.

Viele Inhaltsstoffe sind heute reguliert oder verboten. Wie wirkt sich das aus?

Sehr stark. Klassische Duftstoffe wie echtes Moschus oder Amber stammen ursprünglich aus tierischen Quellen – das ist heute aus guten Gründen nicht mehr erlaubt. Deshalb arbeitet man mit synthetischen Molekülen.

Und auch hier gibt es enorme Qualitätsunterschiede. Manche synthetischen Stoffe sind billig produziert und können sogar Allergien auslösen. Andere sind hochentwickelte Moleküle, die unglaublich präzise funktionieren – teilweise sogar besser als natürliche Varianten. Mein Problem ist nur: Sie entwickeln sich oft nicht so schön auf der Haut.

Warum riecht derselbe Duft bei jedem Menschen anders?

Da spielen viele Faktoren eine Rolle: Körpertemperatur, pH-Wert der Haut, Ernährung, sogar der Fettgehalt der Hautoberfläche. Warme Haut lässt Düfte schneller aufblühen. Eine leicht ölige Haut ist ein besserer Duftträger als eine trockene. Deshalb kann ein Parfum bei zwei Menschen völlig unterschiedlich wirken. Und genau diese Individualität wollte ich unbedingt behalten.

Der Name Ihres Duftes lautet „No.1“. Warum?

Weil es tatsächlich die erste Version aus dem Labor ist. In der Parfumindustrie ist es üblich, zehn, fünfzehn oder zwanzig Varianten zu entwickeln und sie in mehreren Runden zu verändern.

Bei mir war es anders. Der erste Entwurf hat sofort funktioniert. Und der Moment im Labor war so emotional – ich habe tatsächlich geweint –, dass ich nichts daran verändern wollte.

Sie nennen auch die Parfümeurin auf der Verpackung. Das ist eher ungewöhnlich.

Ja, und genau deshalb war mir das wichtig. Viele Marken vermitteln den Eindruck, der Gründer sei automatisch auch der Parfümeur. In Wahrheit ist es fast immer Teamarbeit. Meine Parfümeurin heißt Hyacinte Cassam Chenaï– und ihr Name steht auf der Verpackung. Ohne sie gäbe es diesen Duft nicht.

Sie haben sogar selbst für die Kampagne posiert – unter anderem nackt.

(lacht) Ja, das war eine große Überwindung. Aber ich wollte zeigen, wie weit man für seine eigene Marke gehen muss. Wenn ich nicht bereit bin, mich komplett einzubringen, wer dann? Die Fotos sind in Schwarzweiß entstanden und leicht von Yves Saint Laurent inspiriert – einer meiner großen Stil-Helden.

Heute sprechen Sie von einem „Club der Parfümeure“. Wie exklusiv ist diese Welt wirklich?

Extrem. Weltweit gibt es vielleicht 500 Parfümeure. Und was mich am meisten überrascht hat: Diese Branche ist erstaunlich kollegial. Als Praktikant durfte ich Ideen einbringen. Einmal habe ich vorgeschlagen, einen Streichholz-Akkord in einen Duft einzubauen. Die Parfümeurin hat das umgesetzt – und später vor der Chefin gesagt: „Das war Ferrys Idee.“ Diese Offenheit hat mich tief beeindruckt.

Was bedeutet Ihnen Ihr Duft heute persönlich?

Er ist eigentlich ein Nebenprodukt dieser Reise. Ich wollte lernen – nicht unbedingt ein Parfum auf den Markt bringen. Aber jetzt ist es passiert. Und ein Kritiker schrieb kürzlich:
„Ferry Hansen Parfum könnte die Parfumwelt grundlegend verändern.“ Das war ein Moment, in dem ich einfach nur still dasaß. Manchmal braucht es eben nur eine gute Nase – und ein bisschen Mut.

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