Business & Beyond Von zehn auf zwei Werke? McKinsey stellt VW-Struktur infrage

Von zehn auf zwei Werke? McKinsey stellt VW-Struktur infrage

McKinsey empfiehlt Volkswagen angeblich die Schließung fast aller deutschen Werke. Nur Wolfsburg und Ingolstadt sollen bleiben. Der Betriebsrat nennt das Szenario haltlos – doch der Konzern plant Milliardeneinsparungen.

Volkswagen steht vor einem massiven Umbau. Strategieberater McKinsey hat dem Konzern laut Spiegel ein radikales Szenario vorgelegt: Von zehn deutschen Werken sollen langfristig nur noch zwei übrig bleiben – Wolfsburg und Ingolstadt.

Alle anderen Standorte, darunter Zwickau, Emden und sogar das Porsche-Stammwerk in Stuttgart, stünden zur Disposition. Der VW-Betriebsrat reagiert scharf: „Denn wir sind hier nicht bei Wünsch-dir-was, sondern bei So-ist-es“, zitiert der Spiegel. Werksschließungen gelten in Deutschland als politisch und arbeitsrechtlich kaum durchsetzbar – der starke Betriebsrat hat bereits Ende 2024 eine Beschäftigungssicherung bis 2030 erkämpft.

Beraterarmada analysiert jeden Konzernwinkel

Neben McKinsey durchleuchtet auch die Boston Consulting Group sämtliche Kostenstrukturen bei VW. Die Berater prüfen Modellpalette, Entwicklungskosten und Produktionsstrukturen. Der Hintergrund: Der Gewinn des größten europäischen Autobauers ist um die Hälfte eingebrochen, die Rendite liegt unter drei Prozent.

Konzernchef Oliver Blume will bis 2030 sechs Milliarden Euro einsparen – pro Jahr 1,2 Milliarden. Intern kursiert sogar die Zahl von 20 Prozent Kostensenkung bis 2028. Zusätzlich sollen 50.000 Stellen in Deutschland wegfallen.

Geopolitik trifft Wolfsburg hart

Die Krise hat externe Treiber: Trumps Autozölle kosten VW fünf Milliarden Euro, das China-Geschäft schwächelt seit Jahren, und chinesische Hersteller setzen den Konzern unter massiven Wettbewerbsdruck. Selbst die Premium-Marken Audi und Porsche, einst verlässliche Gewinnbringer, stecken in der Krise.

Blume plant eine stärkere Zentralisierung: Marken wie Škoda, Audi und Porsche sollen künftig enger aus Wolfsburg gesteuert werden – mit mehr Kompetenzen für den Konzernchef persönlich.

Verhandlungstaktik statt Realplan

Das McKinsey-Szenario ist vermutlich weniger Blaupause als Verhandlungsinstrument. Der Vorstand signalisiert damit den unzufriedenen Großaktionären Porsche und Piëch: Wir erhöhen den Spardruck. Gleichzeitig dient das Extremszenario als Anker für neue Verhandlungen mit dem Betriebsrat – ein klassischer Decoy-Effekt.

Betriebsratschefin Daniela Cavallo hatte bereits 2024 alle Standorte für unantastbar erklärt und sich durchgesetzt. Im Mai will Blume seine konkreten Pläne für einen schlankeren VW-Konzern präsentieren.

Business Punk Check

McKinseys Kahlschlag-Szenario ist so unrealistisch, dass selbst intern niemand daran glaubt – aber genau das ist der Punkt. Der Vorstand braucht ein Schreckgespenst, um den Betriebsrat weichzuklopfen und die ungeduldigen Großaktionäre Porsche und Piëch zu beruhigen. Die eigentliche Wahrheit: VW hat jahrelang verschlafen, sich auf die E-Mobilität vorzubereiten, China unterschätzt und sich auf Premium-Margen verlassen, die jetzt wegbrechen.

Sechs Milliarden Euro Einsparungen bis 2030 klingen nach viel, sind aber angesichts der strukturellen Probleme ein Tropfen auf den heißen Stein. Trumps Zölle kosten allein fünf Milliarden, das China-Geschäft blutet weiter aus, und chinesische Hersteller produzieren schlichtweg günstiger und schneller. Die Zentralisierung unter Blume mag Entscheidungen beschleunigen – aber sie erstickt auch die Innovationskraft der Marken, die VW bisher ausgezeichnet hat. Die unbequeme Wahrheit: VW wird nicht um Werksschließungen herumkommen, nur eben später und kleinteiliger als McKinsey vorschlägt.

Häufig gestellte Fragen

Warum schlägt McKinsey die Schließung von VW-Werken vor?

McKinsey reagiert auf die drastische Gewinnhalbierung bei Volkswagen und eine Rendite unter drei Prozent. Der Konzern kämpft mit hohen Kosten, schwachem China-Geschäft und Milliarden-Verlusten durch US-Zölle. Die Berater suchen nach Wegen, bis 2030 sechs Milliarden Euro einzusparen – Werksschließungen wären der radikalste Hebel.

Können VW-Werke in Deutschland tatsächlich geschlossen werden?

Praktisch kaum umsetzbar. Der Betriebsrat hat eine Beschäftigungssicherung bis 2030 durchgesetzt, Werksschließungen sind arbeitsrechtlich und politisch extrem schwierig. Das McKinsey-Szenario dient eher als Verhandlungsinstrument gegenüber Großaktionären und Arbeitnehmervertretern – ein Extremanker für kommende Sparverhandlungen.

Welche Branchen sind von VW-Sparmaßnahmen besonders betroffen?

Zulieferer spüren den Druck sofort: Wenn VW Produktionsstrukturen verschlankt und Standorte zusammenlegt, brechen Auftragsvolumen weg. Besonders Komponentenwerke in Kassel, Salzgitter oder Chemnitz könnten von Umstrukturierungen betroffen sein. Auch Dienstleister rund um die Automobilproduktion müssen mit Auftragsrückgängen rechnen.

Wie wirkt sich die VW-Krise auf den deutschen Mittelstand aus?

Mittelständische Zulieferer geraten unter massiven Kostendruck, wenn VW sechs Milliarden Euro einsparen will. Viele haben sich auf bestimmte VW-Standorte spezialisiert – Werksschließungen oder Produktionsverlagerungen bedrohen ihre Existenz. Gleichzeitig zwingt der chinesische Wettbewerb auch Zulieferer zu radikalen Effizienzsteigerungen.

Was bedeutet die VW-Zentralisierung für Innovation?

Wenn Blume alle Marken enger aus Wolfsburg steuert, droht Innovationsverlust. Audi, Porsche und Škoda hatten bisher eigene Entwicklungsspielräume – diese Vielfalt könnte einer Einheitslogik weichen. Andererseits: Schnellere Entscheidungen und gebündelte Ressourcen könnten VW im Wettlauf gegen chinesische Hersteller helfen, die deutlich agiler agieren.

Quellen: Focus, Spiegel

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