Finance & Freedom Von der Leyen greift durch: Wie die EU die Strompreise senken will

Von der Leyen greift durch: Wie die EU die Strompreise senken will

Ursula von der Leyen legt einen Vier-Punkte-Plan vor, um Europas Energiepreise zu senken. Langfristige Stromverträge, Netzentgelt-Reformen und Steueranpassungen sollen die Industrie entlasten.

Sechs Milliarden Euro zusätzlich für fossile Brennstoffe seit Beginn des Iran-Konflikts – diese Rechnung der EU-Kommission zeigt, wie stark die Energiepreise europäische Unternehmen und Verbraucher treffen. Ursula von der Leyen reagiert jetzt mit einem konkreten Maßnahmenpaket, das sie in einem Brief an die EU-Staats- und Regierungschefs vor deren Treffen in Brüssel skizziert. Der Plan setzt an vier zentralen Stellschrauben an, die den Strompreis in Europa bestimmen.

Stromerzeugung: Merit-Order im Visier

Über die Hälfte des Strompreises entsteht bei der Erzeugung. Das Merit-Order-Prinzip sorgt dafür, dass am Ende oft teure Gaskraftwerke den Preis bestimmen – selbst wenn Wind- und Solarenergie den Großteil liefern. Von der Leyen setzt auf massiven Ausbau erneuerbarer Energien und bessere Stromnetze, um diese Abhängigkeit zu durchbrechen.

Parallel dazu will die Kommissionspräsidentin langfristige Stromabnahmeverträge (Power Purchase Agreements) fördern, laut Manager Magazin eine zentrale Maßnahme für mehr Preisstabilität. Diese PPAs sollen Unternehmen vor Preisschocks schützen. Zusätzlich positioniert sich von der Leyen klar: Bestehende Kernkraftwerke sollen nicht vorzeitig vom Netz gehen.

Industrieentlastung und Notfallmechanismen

Energieintensive Branchen bekommen Unterstützung über vereinfachte Beihilferegeln. Die EU-Länder sollen ihre Industrien bei Strompreisen gezielt entlasten können.

Von der Leyen kündigt an, Subventionen und eine mögliche Gaspreisdeckelung fallweise zu prüfen – allerdings nur, wenn der Binnenmarkt nicht verzerrt wird. Diese Balance zwischen Entlastung und Marktstabilität bleibt die Kernherausforderung.

Netzentgelte: Effizienz vor Ausbau

Die Nutzungsgebühren für Strom- und Gasnetze finanzieren Investitionen, treiben aber auch die Kosten. Von der Leyen fordert bessere Auslastung bestehender Infrastruktur statt kostspieliger Neubauten.

Netzbetreiber müssten ihre Produktivität steigern, so FAZ. Ein angekündigter Gesetzesvorschlag soll EU-Staaten ermöglichen, Netzentgelte für energieintensive Industrien zu senken – ohne die Finanzierung notwendiger Investitionen zu gefährden.

Steuern: Strom zahlt die Zeche

Bei Steuern und Abgaben klafft eine massive Lücke zwischen Energieträgern. Strom wird teilweise fünfzehnmal stärker besteuert als Gas – eine Schieflage, die von der Leyen korrigieren will.

Gesetzgeberische Maßnahmen sollen Spielraum schaffen, um die Strombesteuerung zu senken und damit die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen zu stärken.

CO2-Handel: Keine Aussetzung, aber Anpassungen

Am EU-Emissionshandelssystem (ETS) hält die Kommission fest, trotz Kritik aus der Industrie. Steigende CO2-Preise belasten die Produktionskosten und schwächen die Position gegenüber Wettbewerbern außerhalb der EU. Italien fordert eine temporäre Aussetzung – von der Leyen lehnt ab.

Stattdessen will die Kommission die Schwellenwerte für kostenlose Zertifikate anpassen und dabei die Bedenken der Industrie berücksichtigen, wie Energie und Management berichtet. Bundesumweltminister Carsten Schneider hatte auf diese Anpassung gedrängt.

Business Punk Check

Von der Leyens Vier-Punkte-Plan klingt nach Aktionismus, ist aber längst überfällig. Die eigentliche Frage: Warum hat Europa keine strukturelle Antwort auf Energiepreisschocks parat? Sechs Milliarden Euro Mehrkosten seit dem Iran-Konflikt zeigen, wie verwundbar der Kontinent bleibt. PPAs sind richtig, aber nur ein Pflaster – solange das Merit-Order-Prinzip Gaskraftwerke zum Preissetzer macht, bleibt die Grundproblematik bestehen. Die Steuerreform ist längst überfällig: Strom fünfzehnmal stärker zu besteuern als Gas widerspricht jeder Klimaambition.

Beim ETS zeigt sich die Zerrissenheit der EU: Klimaschutz ja, aber bitte ohne Wettbewerbsnachteile. Die angekündigten Anpassungen bei kostenlosen Zertifikaten sind ein Zugeständnis an die Industrie – und ein Eingeständnis, dass der CO2-Preis politisch nicht durchsetzbar ist. Für Unternehmen bedeutet das: Kurzfristig Entlastung möglich, langfristig bleibt Energiepreisrisiko Chefsache. Wer jetzt nicht in eigene Energieerzeugung und Effizienz investiert, bleibt Spielball der Geopolitik.

Häufig gestellte Fragen

Wie profitieren energieintensive Unternehmen konkret von den geplanten Maßnahmen?

Energieintensive Betriebe erhalten Entlastung über vereinfachte Beihilferegeln und reduzierte Netzentgelte. Die EU-Kommission ermöglicht Mitgliedsstaaten, gezielt Strompreise für diese Branchen zu subventionieren, ohne gegen Wettbewerbsregeln zu verstoßen. Zusätzlich schaffen langfristige Stromabnahmeverträge Planungssicherheit und schützen vor Preisschocks. Unternehmen sollten jetzt prüfen, welche nationalen Förderprogramme verfügbar werden.

Warum wird Strom deutlich stärker besteuert als Gas, obwohl Klimaziele Elektrifizierung fordern?

Diese Schieflage ist historisch gewachsen und widerspricht aktuellen Klimazielen fundamental. Strom trägt bis zu fünfzehnmal höhere Steuern als Gas – ein Relikt aus Zeiten, als Kohle- und Atomstrom dominierten. Von der Leyens Reformvorschlag zielt darauf ab, diese Verzerrung zu korrigieren und Elektrifizierung wirtschaftlich attraktiver zu machen. Für Unternehmen bedeutet das mittelfristig sinkende Stromkosten, falls die Mitgliedsstaaten mitziehen.

Bleibt das EU-Emissionshandelssystem trotz Industriekritik unverändert?

Das ETS bleibt bestehen, wird aber angepasst. Die Kommission plant, Schwellenwerte für kostenlose CO2-Zertifikate neu zu definieren und dabei Wettbewerbsnachteile der europäischen Industrie zu berücksichtigen. Eine komplette Aussetzung, wie von Italien gefordert, lehnt von der Leyen ab. Unternehmen sollten dennoch mit steigenden CO2-Kosten kalkulieren und Dekarbonisierungsstrategien priorisieren.

Welche Rolle spielen Power Purchase Agreements in der neuen Energiestrategie?

PPAs werden zum zentralen Instrument für Preisstabilität. Diese langfristigen Stromabnahmeverträge koppeln Unternehmen von kurzfristigen Marktpreisschwankungen ab und ermöglichen direkte Verträge mit Erzeugern erneuerbarer Energien. Die EU will bürokratische Hürden abbauen und die Verbreitung fördern. Für Unternehmen mit hohem Stromverbrauch sind PPAs jetzt strategisch relevant – Early Mover sichern sich bessere Konditionen.

Warum hält die EU am Merit-Order-Prinzip fest, wenn es Preise in die Höhe treibt?

Das Merit-Order-Prinzip ist nicht das Problem, sondern die Abhängigkeit von teuren Gaskraftwerken als Preissetzer. Von der Leyens Strategie zielt darauf ab, durch massiven Ausbau erneuerbarer Energien und bessere Netze die Notwendigkeit von Gaskraftwerken zu reduzieren. Das Prinzip selbst sorgt für Effizienz im Strommarkt – erst wenn günstige erneuerbare Energien dominieren, sinken die Preise strukturell. Bis dahin bleiben Unternehmen volatilen Märkten ausgesetzt.

Quellen: Manager Magazin, FAZ, Energie und Management

Das könnte dich auch interessieren