Business & Beyond Berlins Rechenzentrum-Offensive: Gewerbesteuer-Trick soll Gemeinden ködern und KI pushen

Berlins Rechenzentrum-Offensive: Gewerbesteuer-Trick soll Gemeinden ködern und KI pushen

Die Bundesregierung will Rechenzentrumskapazitäten bis 2030 verdoppeln – mit Gewerbesteuer-Umverteilung, Brownfield-Flächen und einer europäischen KI-Gigafabrik. Doch reicht das gegen US-Hyperscaler?

Berlin dreht am großen Rad: Bis 2030 sollen sich die Rechenzentrumskapazitäten verdoppeln, KI-Leistung sogar vervierfachen. Digitalminister Karsten Wildberger verkauft das als Souveränitäts-Offensive gegen Amazon, Google und Microsoft. 28 Maßnahmen hat sein Ministerium in ein Strategiepapier gepackt.

„Damit wollen wir im Rennen bleiben, um in Europa weiterhin zu führen, aber eben auch international sehr attraktiv zu bleiben“, erklärt er laut Stern. Die Frage ist nur: Führt Deutschland wirklich noch – oder läuft es längst hinterher?

Gewerbesteuer-Poker: Wenn Lübbenau plötzlich Millionen kassiert

Der cleverste Schachzug der Regierung: Gewerbesteuern sollen künftig dort anfallen, wo das Rechenzentrum physisch steht – nicht am Hauptsitz des Betreibers. Für die Schwarz-Gruppe bedeutet das: Lübbenau im Spreewald kassiert künftig die Steuermillionen statt Neckarsulm.

Klingt nach Win-Win für strukturschwache Regionen. Aber mal ehrlich: Reicht Geld allein, um Anwohner von surrenden Serverfarmen zu überzeugen? Die Akzeptanz-Rechnung könnte trotzdem nicht aufgehen, wenn Stromnetze kollabieren und Kühltürme die Landschaft dominieren.

Brownfield-Strategie: Alte Kraftwerke als Rechenzentren

Statt auf der grünen Wiese zu bauen, setzt Berlin auf Brownfield-Flächen – ehemalige Kraftwerksstandorte im Rheinischen Revier oder Spreewald. Der Vorteil: Netzanschlüsse existieren bereits. Der Haken: Diese Standorte konkurrieren mit Batteriespeicherprojekten um dieselben Netzkapazitäten.

Die Regierung will Anschlüsse künftig nach Projektreifegrad vergeben. Klingt rational, dürfte aber zu juristischen Schlachten führen. Parallel soll alles zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien laufen – ein ambitioniertes Versprechen in einem Land, das bei Windkraft-Genehmigungen im Schneckentempo unterwegs ist.

Europäische KI-Gigafabrik: Der Traum von digitaler Souveränität

Das Leuchtturmprojekt der Strategie: eine kommerzielle KI-Gigafabrik unter europäischer Führung. Ziel ist es, die Abhängigkeit von AWS, Google Cloud und Microsoft Azure zu reduzieren. Deutsche und europäische Unternehmen sollen bevorzugt neue Kapazitäten aufbauen. Doch wer soll das stemmen?

Die europäische Cloud-Infrastruktur hinkt den US-Hyperscalern Jahre hinterher. Ohne massive staatliche Förderung und schnellere Genehmigungsverfahren bleibt das Wunschdenken. Die Bundesregierung will außerdem auf EU-Ebene durchsetzen, dass kostenlose Abwärme-Abgabe an kommunale Wärmenetze steuerfrei wird – ein sinnvoller Ansatz, aber nur ein Detail im großen Puzzle.

Business Punk Check

Berlins Rechenzentrum-Offensive klingt nach digitalem Aufbruch, ist aber vor allem Schadensbegrenzung. Während die USA und China längst KI-Infrastruktur im industriellen Maßstab hochziehen, bastelt Deutschland an Gewerbesteuer-Tricks und Brownfield-Konzepten. Die Wahrheit: Ohne radikale Beschleunigung bei Genehmigungen und Netzausbau bleibt das Papier Makulatur. Die geplante KI-Gigafabrik? Ein netter PR-Coup, aber ohne konkrete Investitionszusagen und technologische Roadmap nur heiße Luft.

Europäische Cloud-Anbieter haben gegen AWS und Co. bisher kein überzeugendes Geschäftsmodell geliefert. Die Abhängigkeit von US-Hyperscalern wird sich nicht durch politische Absichtserklärungen lösen, sondern nur durch wettbewerbsfähige Alternativen. Für Entscheider heißt das: Hybride Strategien fahren, europäische Anbieter beobachten, aber nicht auf digitale Souveränität warten, die vielleicht nie kommt. Wer jetzt auf rein europäische Lösungen setzt, riskiert Wettbewerbsnachteile. Die Rechenzentrum-Strategie ist ein Anfang – aber kein Durchbruch.

Häufig gestellte Fragen

Welche Branchen profitieren am meisten von der Rechenzentrum-Offensive?

Vor allem KI-Startups, Cloud-Service-Provider und datenintensive Industrien wie Automobilhersteller oder Fintech-Unternehmen könnten profitieren – vorausgesetzt, die Kapazitäten entstehen tatsächlich schnell genug. Strukturschwache Regionen wie das Rheinische Revier oder der Spreewald erhalten durch Gewerbesteuer-Umverteilung neue Einnahmequellen. Allerdings hängt der Erfolg davon ab, ob Genehmigungsverfahren wirklich beschleunigt werden und Netzkapazitäten ausreichen.

Wie realistisch ist die Unabhängigkeit von US-Hyperscalern?

Ehrlich gesagt: wenig realistisch auf kurze Sicht. Europäische Cloud-Anbieter wie OVHcloud oder IONOS spielen in einer anderen Liga als AWS, Google Cloud oder Microsoft Azure. Ohne massive Investitionen in Technologie, Skalierung und Ökosystem-Entwicklung bleibt die digitale Souveränität ein politisches Ziel ohne wirtschaftliche Substanz. Unternehmen sollten hybride Strategien verfolgen und nicht auf rein europäische Lösungen setzen, die möglicherweise nie wettbewerbsfähig werden.

Was bedeutet die Gewerbesteuer-Umverteilung für Unternehmen?

Für Betreiber wie die Schwarz-Gruppe ändert sich steuerlich wenig – die Gewerbesteuer fließt künftig nur an einen anderen Ort. Für Gemeinden wie Lübbenau bedeutet es potenziell Millionen-Einnahmen, die in Infrastruktur investiert werden können. Unternehmen, die Rechenzentren planen, sollten prüfen, ob lokale Förderungen oder Infrastruktur-Deals mit Gemeinden möglich sind. Die Akzeptanz vor Ort könnte durch finanzielle Beteiligung steigen – aber Proteste gegen Flächenverbrauch und Energiebedarf bleiben wahrscheinlich.

Wie wirkt sich die 100-Prozent-Erneuerbare-Energien-Pflicht aus?

Auf dem Papier klingt das nach Nachhaltigkeit, in der Praxis wird es teuer und kompliziert. Rechenzentren benötigen konstante Stromversorgung – erneuerbare Energien allein reichen dafür nicht aus, solange Speichertechnologien nicht flächendeckend verfügbar sind. Betreiber müssen entweder eigene Solarparks oder Windkraftanlagen bauen oder teure Grünstrom-Zertifikate kaufen. Für Startups und kleinere Anbieter könnte das zur Markteintrittsbarriere werden, während große Player wie Hyperscaler bereits entsprechende Infrastruktur besitzen.

Sollten Unternehmen jetzt in europäische Rechenzentren investieren?

Nur mit klarer Exit-Strategie. Wer auf staatliche Förderungen und europäische Souveränität setzt, sollte sich bewusst sein: Politische Versprechen sind keine Geschäftsmodelle. Für Unternehmen mit regulatorischen Anforderungen (DSGVO, NIS2) können europäische Rechenzentren Sinn ergeben. Für alle anderen gilt: Technologie und Preis-Leistung entscheiden, nicht Nationalität des Anbieters. Hybride Multi-Cloud-Strategien bleiben der sicherste Weg, um nicht von einer einzigen Infrastruktur abhängig zu sein.

Quellen: Stern

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