Tech & Trends Die verborgenen Daten der Medizin und wie sie für Forschung nutzbar werden

Die verborgenen Daten der Medizin und wie sie für Forschung nutzbar werden

Jeden Tag entstehen in Arztpraxen und Kliniken enorme Mengen an medizinischem Wissen. Doch ein Großteil dieser Informationen verschwindet in Dokumentationen und erreicht nie die Forschung, wo daraus neue Therapien entstehen könnten. Das Münchner LifeScience-Unternehmen MPIRIQ unter der Leitung von Markus Haug und Florian Schröder, einem Quantenphysiker, will genau hier ansetzen. Mit einer KI-gestützten Plattform strukturiert das Unternehmen Daten aus der Routineversorgung und macht sie für die medizinische Forschung nutzbar, bei gleichzeitig strengem Datenschutz.

Wir haben mit Markus Haug darüber gesprochen, welches Potenzial in Gesundheitsdaten steckt, welche Rolle KI in der Medizin spielt und warum die Zukunft der Forschung direkt in der täglichen Patientenversorgung beginnt.

Markus, starten wir mit der grundlegenden Frage: Was genau ist MPIRIQ und warum braucht das Gesundheitssystem eure Lösung gerade jetzt?

Markus Haug: Im Kern verbindet MPIRIQ zwei Welten, die bisher nur begrenzt miteinander arbeiten: die medizinische Routineversorgung und die Forschung. Jede Behandlung, jede Diagnose und jede Therapie erzeugen Daten, die uns helfen könnten, Krankheiten besser zu verstehen. Das Problem ist, dass diese Informationen oft in unstrukturierten Dokumentationen verborgen bleiben.

Unsere Plattform nutzt KI, um diese Daten in Echtzeit anonym zu strukturieren und standardisieren. Ärzte arbeiten weiter wie gewohnt, während die Informationen aus der täglichen Versorgung gleichzeitig für Forschung nutzbar werden. Unser Ziel sind bessere Erkenntnisse, schnellere Innovation und am Ende bessere Behandlungsergebnisse für Patientinnen und Patienten.

Im Gesundheitssystem entstehen ja schon lange enorme Datenmengen. Warum war es bisher so schwierig, diese Informationen für die Forschung zu nutzen?

Markus: Das Problem ist nicht die Menge der Daten, sondern ihre Struktur. Viele Informationen liegen in Freitexten, verschiedenen Systemen oder uneinheitlichen Dokumentationen vor. Gleichzeitig stehen Ärztinnen und Ärzte unter enormem Zeitdruck. Von ihnen zu erwarten, zusätzlich Forschungsdaten aufzubereiten, ist schlicht unrealistisch.

Genau hier setzen wir an. Unsere Technologie extrahiert relevante Informationen automatisch aus der Routine-dokumentation, strukturiert sie und macht sie für wissenschaftliche Analysen nutzbar. So wird die tägliche medizinische Arbeit zu einer kontinuierlichen Quelle neuer Erkenntnisse, ohne dass in Praxen zusätzliche Arbeit entsteht.

KI verändert gerade viele Branchen. Welche Rolle spielt sie realistisch in der stark regulierten Medizinindustrie?

Markus: KI wird Ärztinnen und Ärzte niemals ersetzen, aber sie kann eben die Art und Weise verändern, wie medizinische Informationen erfasst und verarbeitet werden.

Wenn man bedenkt, wie viel Zeit heute für Dokumentation und Administration aufgewendet wird, liegt hier ein enormes Potenzial. Automatisierung kann Ärzte entlasten und gleichzeitig die Datenqualität verbessern. Vor allem aber wollen wir auch die Erkenntnisse, die mit jeder Behandlung entstehen, für die Forschung nutzbar machen. Diese entstehen dort jeden Tag.  Es  ist doch verrückt, dass wir das bisher nicht umfangreich nutzen. Am Ende profitieren alle Beteiligten, aber vor allem die Patientinnen und Patienten.

Eure Plattform verbindet Arztpraxen auch mit klinischer Forschung. Warum ist das so entscheidend?

Markus: In der klinischen Forschung gibt es häufig die zentrale Herausforderung, die richtigen Patientinnen und Patienten zur richtigen Zeit zu identifizieren. Gleichzeitig würden viele Praxen gerne an Studien teilnehmen, haben dafür aber nicht die nötige Infrastruktur.

Unsere Plattform schafft genau diese Verbindung. Wenn Daten direkt im Versorgungsprozess strukturiert werden, lassen sich geeignete Patientinnen und Patienten leichter identifizieren. Das erleichtert die Teilnahme an Studien und beschleunigt gleichzeitig die Forschung. Wir sind durch  Technologie in der Lage das Wissen, das mit jeder Behandlung entsteht, zum Motor medizinischer Forschung werden zu lassen. Jeden Tag entstehen Unmengen an Daten, die massiv zur Weiterentwicklung von Therapien  beitragen können. Dann werden wir diese ungenutzt abgelegt. Total verrückt, wenn man drüber nachdenkt.

Digitale Gesundheitslösungen stoßen oft auf Skepsis beim Thema Datenschutz. Wie geht ihr damit um?

Markus: Vertrauen ist im Gesundheitswesen absolut zentral. Deshalb haben wir Datenschutz von Anfang an in den Mittelpunkt unserer Technologie gestellt.

Die Daten werden de-identifiziert und unter strengen regulatorischen Rahmenbedingungen verarbeitet. Ziel ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse zu ermöglichen, ohne die Privatsphäre einzelner Personen zu gefährden. Wir machen das Wissen aus den Daten nutzbar, ohne die Menschen dahinter sichtbar zu machen.

Das Gesundheitssystem gilt oft als innovationsarm. Beobachtet ihr hier gerade einen Wandel?

Markus: Ja, definitiv. Wir erleben gerade einen Übergang hin zu datengetriebener Medizin. Immer mehr Akteure erkennen, dass sogenannte Real-World-Daten entscheidend sind, um zu verstehen, wie Therapien tatsächlich im Alltag wirken.

Die technologischen Möglichkeiten, diese Daten zu erfassen und auszuwerten, haben sich in den letzten Jahren enorm entwickelt. Dadurch entstehen völlig neue Chancen, medizinische Innovation deutlich schneller voranzutreiben.

Zum Abschluss: Wo steht MPIRIQ in fünf Jahren?

Markus: Unsere Vision ist, dass die Grenze zwischen Versorgung und Forschung zunehmend verschwindet. Jede Behandlung kann dazu beitragen, medizinisches Wissen zu erweitern, sicher, verantwortungsvoll und datenschutzkonform.

In fünf Jahren möchten wir eine Welt sehen, in der Routineversorgung kontinuierlich hochwertige Erkenntnisse für die Forschung liefert. Wir wollen und werden unseren Beitrag dazu leisten, dass Krebs besser heilbar, Alzheimer weiter verstanden und behandelbar wird. Das mag für manche vermessen klingen, für uns zählt einfach nur, das Thema endlich anzugehen. Diese Vision motiviert uns jeden Tag. 

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