AnlagePunk Deutschlands Schulden waren mal sexy. Jetzt brauchen sie Überzeugungsarbeit

Deutschlands Schulden waren mal sexy. Jetzt brauchen sie Überzeugungsarbeit

Finanzminister Lars Klingbeil musste mitansehen, wie die Auktion einer deutschen Staatsanleihe lange nicht so lief, wie er sich das dachte. Die Zurückhaltung der Investoren hat auch etwas mit seiner Haushaltspolitik zu tun.

Es gibt diese Momente, in denen ein Staat merkt, dass er nicht mehr der Schönste im Raum ist. Keiner sagt es ihm direkt, aber alle schauen ein bisschen länger weg. Genau so ein Moment war dieser Mittwoch.

Am Vormittag zerlegen zwei Wirtschaftsinstitute – ifo Institut und Institut der deutschen Wirtschaft – ziemlich unaufgeregt die deutsche Haushaltsrealität. Ihr Befund: Ein ordentlicher Teil der neuen Schulden landet gar nicht in Zukunftsinvestitionen, sondern stopft die immer gleichen Löcher: Rente, Gesundheit, Reformstau. Die Kommentare dazu reichen von „XXL-Schummelei“ bis „Taschenspielertricks“.

Ein paar Stunden später liefert der Markt die passende Reaktion. Und zwar nicht mit Drama, sondern mit Desinteresse. Die Finanzagentur will wie immer eine zehnjährige Bundesanleihe aufstocken. Das war früher ein Selbstläufer, am Mittwoch wurde es zum Speed-Dating mit mäßigem Ausgang. Fünf Milliarden Euro sollen rein. Gebote? Nur 4,5 Milliarden. Am Ende nimmt man 3,8 Milliarden mit. Der Rest bleibt liegen. Das ist die höfliche Art des Marktes zu sagen: Wir sind nicht mehr blind verliebt.

Investoren bleiben der Bundesanleihe fern

Und es wird noch besser. Die Investoren, die zugreifen, lassen sich ihre neu entdeckte Skepsis bezahlen. Rendite: rund 2,9 Prozent. Im Januar lag die noch bei etwa 2,6 Prozent. Plus 25 Basispunkte. Klingt nach wenig, ist aber im Staatsanleihen-Kosmos ungefähr so subtil wie ein Augenrollen im Vorstand. Oder, wie es die Analysten der Deutsche Bank formulieren: „Keine Atempause für Renditen.“

Natürlich kann man das alles wegmoderieren. Zinsen steigen überall, Inflation, Energiekrise: die üblichen Ausreden liegen griffbereit. Nur erklärt das nicht, warum ausgerechnet deutsche Anleihen plötzlich nicht mehr automatisch ausverkauft sind.

Das wiederum liegt am eigentlichen Punkt: Der Markt hat angefangen, die Geschichte nicht mehr zu glauben. Denn was politisch als „Sondervermögen“ verkauft wird, bleibt ökonomisch das, was es ist: Schulden. Nur sind sie besser verpackt. Die Verpackung beeindruckt vielleicht Wähler, aber selten Investoren. Das Ergebnis ist keine Krise, sondern etwas Gefährlicheres: ein schleichender Vertrauensverlust. Erst ein paar Basispunkte mehr, dann eine schwache Auktion, irgendwann vielleicht eine ernsthafte Neubewertung. Noch ist Deutschland Top-Schuldner. Aber es ist nicht mehr unangreifbar.

Die eigentliche Lektion für Finanzminister Lars Klingbeil heißt: Man kann Schulden umbenennen. Aber man kann sie nicht schönreden. Der Markt liest keine Haushaltsdebatten.
Er liest Zahlen. Und fängt gerade an, genauer hinzuschauen.

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