Tech & Trends Google AI Overviews frisst 265 Millionen Klicks – und keiner kommt zurück

Google AI Overviews frisst 265 Millionen Klicks – und keiner kommt zurück

265 Millionen Klicks verschwinden jeden Monat in Googles KI-Schlund. Das SEO-Tool Sistrix hat ausgewertet, welche deutschen Websites durch AI Overviews am härtesten getroffen werden – und die Zahlen sind brutal. Seit Google seine KI-generierten Antworten direkt auf der Suchergebnisseite ausspielt, bricht die Klickrate des ersten organischen Suchergebnisses von 27 auf 11 Prozent ein. Ein Minus von 60 Prozent.

Besonders hart trifft es Gesundheitsportale, Wikipedia und den ADAC. „Was da aktuell geschieht – das ist nicht mehr wie bei einem Google-Update, wo sich eine Seite nach einem Sichtbarkeitseinbruch nochmal erholen kann“, erklärt Sistrix-Gründer Johannes Beus laut OMR. „Der Traffic, der jetzt zu Google wandert, kommt nie wieder zurück. Das ist die bittere Realität. Ich gehe noch eher davon aus, dass Google diese Strategie noch ausweitet.“.

Gesundheitsseiten bluten am stärksten

Die Verluste verteilen sich ungleich: Während E-Commerce relativ glimpflich davonkommt, verlieren Gesundheits- und Familienportale massiv. Wikipedia führt die absolute Verlustliste an – 31,6 Millionen Klicks pro Monat sind weg. Dahinter folgen DocCheck (4,8 Millionen), AOK (4 Millionen) und der ADAC (3,1 Millionen).

Prozentual noch härter erwischt es kleinere Anbieter: 11 der 20 am stärksten betroffenen Websites stammen aus dem Gesundheitsbereich, manche verlieren über 30 Prozent ihres Traffics. Der NDR bestätigt Einbußen von 20 bis 30 Prozent im Ratgeberbereich. Christian Rieber vom ADAC nennt noch drastischere Zahlen: Bei bestimmten Keywords breche die Klickrate um bis zu 80 Prozent ein.

Google weist Kritik zurück – und schweigt zu Plänen

Google kontert die Sistrix-Erhebung mit methodischen Einwänden. „Diese Studie weist erhebliche blinde Flecken auf – grundlegende Informationen wie der untersuchte Zeitraum oder die Unterscheidung zwischen Mobile- und Desktop-Traffic fehlen völlig“, so ein Unternehmenssprecher.

Konkrete Fragen, etwa ob der Anteil der AI Overviews in Deutschland ausgebaut werden soll, lässt Google unbeantwortet. Stattdessen verweist der Konzern auf einen angeblichen Formatwandel: Nutzer würden zunehmend Podcasts, Foren und Videos bevorzugen. Was Google verschweigt: Seit Jahresbeginn führt der Konzern mobile Nutzer aus AI Overviews noch schneller in den KI-Modus – einen Chat, der User noch länger im Google-Ökosystem hält.

Wikipedia fürchtet das Versiegen der Wissensquelle

Für Wikipedia bedeuten die 31,6 Millionen verlorenen Klicks zwar nur sechs Prozent des Gesamttraffics – doch die Wikimedia-Stiftung sieht eine existenzielle Bedrohung.

Franziska Heine, Geschäftsführerin von Wikimedia Deutschland, befürchtet einen Schwund an Editoren: „Wenn immer weniger wissen, dass es die Wikipedia gibt, wie sie funktioniert und dass man da mitmachen kann, kommen natürlich auch weniger Leute überhaupt auf die Idee zu sagen: ‚Hey, ich kann ja auch was beitragen!'“ Die Ironie: Große Sprachmodelle trainieren massiv mit Wikipedia-Inhalten. Wenn die Quelle versiegt, weil niemand mehr mitmacht, trifft das auch Google und andere KI-Firmen.

ADAC und NDR suchen nach Alternativen

Der ADAC hat seine Google-Sichtbarkeit seit 2018 vervierfacht – durch Content Marketing zu Themen wie „Reifenwechsel Fahrrad“. Nun versucht der Club, als Quelle in AI Overviews genannt zu werden. Doch die Citations bringen kaum Klicks.

Der NDR kompensiert die Verluste bisher durch Google Discover, das personalisierte Artikel-Feeds ausspielt. 60 bis 70 Prozent des NDR-Traffics stammen von Google – eine gefährliche Abhängigkeit. Niels Rasmussen, Head of Digital beim NDR, fordert eine deutlichere Quellenkennzeichnung in AI Overviews: „Wenn eine KI hier als vorgeschaltete Filter fungiert und sich dabei aus Quellen bedient, die teils interessengeleitet sind oder keinen journalistischen Standards entsprechen, ist das problematisch – vor allem mit Blick auf potenzielle Folgen für die Demokratie.“.

Verlage schweigen – aus gutem Grund

Die meisten Verlage wollten sich gegenüber OMR nicht äußern. Eine Reuters-Institute-Studie mit 280 Verlagsmanagern zeigt: Publisher rechnen mit einem Rückgang des Such-Traffics um 43 Prozent in den nächsten drei Jahren. Dennis Ballwieser, Chefredakteur der „Apotheken Umschau“, soll auf einer Branchenveranstaltung prognostiziert haben: „Google Gemini wird uns zerstören.“ Einzig Jens Vollmer vom Wochenblatt-Reporter gibt sich entspannt – seine Seite sei in KI-Antworten oft auf Platz eins und verliere deshalb kaum Traffic. Sistrix-Gründer Beus relativiert: Manche Kunden feierten sogar Traffic-Rekorde.

Die Zahl der Suchanfragen wachse weiter. „Der Kuchen wird also immer noch größer. Aber am Ende werden weniger organische Klicks übrig bleiben.“.

Business Punk Check

Googles AI Overviews sind keine Beta-Phase mehr – sie sind die neue Realität. Wer jetzt noch hofft, dass sich der verlorene Traffic irgendwann erholt, lebt in einer Illusion. Die Zahlen sind eindeutig: 60 Prozent weniger Klicks auf das erste organische Suchergebnis, wenn eine KI-Antwort ausgespielt wird. Besonders perfide: Google hält User mit dem KI-Modus noch länger im eigenen Ökosystem. Die Strategie ist glasklar – der Konzern will Antworten liefern, nicht Traffic verteilen. Für Content-Produzenten bedeutet das: SEO allein ist tot.

Wer ausschließlich auf Google-Traffic setzt, hat bereits verloren. Die Gewinner sind jene, die diversifizieren – Newsletter, Social Media, Direct Traffic, Podcasts. Der ADAC und der NDR zeigen, dass Google Discover kurzfristig Verluste kompensieren kann. Aber auch das ist nur eine Krücke, keine Lösung. Die eigentliche Frage lautet: Wie baut man eine Marke, die User direkt ansteuern, statt über Google zu kommen? Wikipedia zeigt das Kernproblem: Wenn KI-Modelle Wissen konsumieren, aber keine Editoren mehr zurückfließen, versiegt die Quelle. Das trifft nicht nur die Plattformen, sondern auch Google selbst. Denn ohne menschlich generierte Inhalte gibt es keine Trainingsdaten für die nächste KI-Generation. Die Tech-Industrie sägt am eigenen Ast – nur merkt sie es noch nicht.

Häufig gestellte Fragen

Wie können Websites den Traffic-Verlust durch AI Overviews kompensieren?

Diversifikation ist die einzige Antwort. Wer ausschließlich auf Google-Traffic setzt, verliert. Newsletter, Social Media, Podcasts und Direct Traffic müssen ausgebaut werden. Google Discover kann kurzfristig helfen, ist aber keine langfristige Lösung. Entscheidend ist der Aufbau einer Marke, die User direkt ansteuern – ohne Umweg über Suchmaschinen.

Welche Branchen sind am stärksten von Google AI Overviews betroffen?

Gesundheitsportale, Ratgeberseiten und Informationsangebote verlieren am meisten Traffic – teilweise über 30 Prozent. E-Commerce kommt vergleichsweise glimpflich davon, da Kaufabsichten weniger durch KI-Antworten abgedeckt werden. Wikipedia, ADAC und der NDR gehören zu den prominentesten Verlierern mit Millionen verlorener Klicks pro Monat.

Lohnt sich SEO-Optimierung noch in Zeiten von AI Overviews?

SEO ist nicht tot, aber grundlegend verändert. Wer in AI Overviews als Quelle genannt wird, erhält kaum Klicks – die Citations liegen im Promillebereich. Trotzdem wächst die Gesamtzahl der Suchanfragen. Die Strategie muss lauten: Sichtbarkeit für transaktionale Keywords sichern, bei informativen Anfragen auf andere Kanäle setzen. Content Marketing allein reicht nicht mehr.

Wie reagiert Google auf die Kritik an AI Overviews?

Google weist die Sistrix-Studie als methodisch mangelhaft zurück, beantwortet aber keine konkreten Fragen zur Zukunft der AI Overviews. Der Konzern verweist stattdessen auf einen angeblichen Formatwandel hin zu Videos und Podcasts. Tatsächlich baut Google die KI-Integration aus – mobile User werden seit Jahresbeginn noch schneller in den KI-Modus geführt, der sie länger im Google-Ökosystem hält.

Welche langfristigen Folgen haben AI Overviews für das Internet?

Die Gefahr ist real: Wenn Plattformen wie Wikipedia keine Editoren mehr gewinnen, weil User nicht mehr auf die Seite gelangen, versiegt die Quelle für neues Wissen. Das trifft auch KI-Modelle, die auf menschlich generierte Inhalte angewiesen sind. Zudem droht eine Konzentration der Informationsmacht bei Google – mit allen demokratiepolitischen Risiken, die das birgt.

Quellen: OMR

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