AnlagePunk Börsenchef nennt Leithner 48 Prozent „unsozial“ — Aktien sollen Rente retten

Börsenchef nennt Leithner 48 Prozent „unsozial“ — Aktien sollen Rente retten

Deutsche-Börse-Chef Stephan Leithner fordert radikalen Umbau der Altersvorsorge. Sein Rezept: Betriebsrente für alle, 4000 Euro Startkapital bei Geburt und 65 Prozent Rentenniveau statt 48.

Über 120 Milliarden Euro pumpt der Bund 2026 in die Rentenkasse — Geld, das anderswo fehlt. Für Stephan Leithner ist das Maß voll. Der Chef der Deutschen Börse attackiert das System frontal: „Wir können nicht länger zusehen, dass immer größere Milliardenbeträge aus dem Bundeshaushalt aufgebracht werden müssen, um die Löcher in der Rentenkasse zu stopfen“, sagte er gegenüber dpa und dpa-AFX. Seine Forderung klingt nach Revolution statt Reform.

Die gesetzliche Rente als Fundament? Aber darauf soll eine verpflichtende Aktienrente aufsetzen, die Deutschland von Grund auf umkrempeln würde. Leithners Ziel: Ein Gesamtrentenniveau von 65 Prozent statt der aktuellen 48 Prozent. Das heutige Niveau bezeichnet er als „unsozial“ — klare Worte für einen Börsenchef, wie WirtschaftsWoche berichtet.

Betriebsrente für 90 Prozent statt 50

Leithners konkretester Vorschlag: Betriebliche Altersvorsorge gehört in jeden Arbeitsvertrag. Bislang nutzen nur rund 50 Prozent der Beschäftigten diese Säule. In den Niederlanden oder der Schweiz sind es über 90 Prozent. „Das muss auch bei uns der Standard werden“, fordert Leithner. Sein zweiter Hebel: Die geplante Frühstart-Rente radikal aufbohren.

Statt zehn Euro monatlich ab dem sechsten Lebensjahr schlägt er 4000 Euro Startkapital bei Geburt vor — Stichwort Zinseszinseffekt. Über Jahrzehnte angelegt könnte das bei durchschnittlich 7 bis 9 Prozent DAX-Rendite ein solides Polster schaffen. Zusätzlich will er steuerfreie Zuzahlungen von Großeltern ermöglichen, wie es in den USA bereits Standard ist.

Merz‘ Rentenkommission unter Druck

Die Forderungen kommen nicht aus dem Nichts. Kanzler Friedrich Merz hat für dieses Jahr eine Neugewichtung der drei Rentensäulen angekündigt. Bis Jahresmitte soll die von Union und SPD eingesetzte Rentenkommission Vorschläge liefern. Leithner sieht den Zeitdruck: „Der Druck, zu einer Lösung zu kommen, könnte nicht größer sein.“ Dass sich etwas bewegt, zeigen die Zahlen. Die Zahl der ETF-Anleger in Deutschland ist von 2022 bis heute auf 14 Millionen gestiegen, europaweit von 19 auf 33 Millionen.

„Wir sehen eine ermutigende Dynamik bei jungen Menschen, denen schwant, dass staatliche Vorsorge allein im Alter nicht reichen wird“, so Leithner gegenüber dpa. Sein stärkstes Argument: Der DAX lieferte 2024 und 2025 Weltspitze-Renditen. Trotzdem profitieren die Deutschen kaum davon. „Warum nehmen die Bürger an dieser Wertsteigerung nicht teil? Ich finde das unverständlich“, kritisiert der Börsenchef. Sein Credo: „Die beste Finanzbildung ist der Depotauszug.“

Business Punk Check

Leithners Vorstoß ist politisch brisant — und überfällig zugleich. Dass ein Rentenniveau von 48 Prozent nicht zum Leben reicht, wissen alle. Dass die Lösung Aktien heißen soll, sorgt trotzdem für Unbehagen. Zu frisch sind die Erinnerungen an Riester-Debakel und Finanzkrise. Die Crux: Ohne Kapitalmarkt wird es nicht gehen. Die Demografie ist gnadenlos, und der Bundeshaushalt kann nicht ewig als Lückenfüller herhalten.

Leithners Forderung nach verpflichtender Betriebsrente ist radikal, aber international bewährt. Entscheidend wird sein, ob die Rentenkommission den Mut für echte Reformen aufbringt — oder ob es beim Klein-Klein bleibt. Merz‘ Zeitfenster ist eng, und die Erwartungen sind hoch. Die Aktienrente kommt so oder so. Die Frage ist nur: gestaltet oder verwaltet?

Häufig gestellte Fragen

Warum fordert Leithner 65 Prozent Rentenniveau?

Das aktuelle Niveau von 48 Prozent bezeichnet er als „unsozial“, da es zum Leben nicht reicht. Mit privater und betrieblicher Vorsorge soll ein Gesamtniveau von 65 Prozent erreicht werden — die gesetzliche Rente allein kann das nicht stemmen.

Was ist die Frühstart-Rente mit 4000 Euro?

Leithner schlägt vor, jedem Neugeborenen 4000 Euro als Startkapital in ein Aktiendepot zu zahlen statt gestaffelte zehn Euro monatlich ab dem sechsten Lebensjahr. Der Zinseszinseffekt über Jahrzehnte macht den Unterschied.

Wie viele Deutsche nutzen bereits ETFs?

Die Zahl der ETF-Anleger in Deutschland ist auf 14 Millionen gestiegen. Europaweit wuchs die Zahl von 19 Millionen (2022) auf 33 Millionen — eine Verdopplung in wenigen Jahren.

Was plant Kanzler Merz bei der Rente?

Merz hat eine Neugewichtung der drei Rentensäulen für 2025 angekündigt. Die Rentenkommission aus Union und SPD soll bis Jahresmitte konkrete Reformvorschläge vorlegen.

Quellen: WirtschaftsWoche, Welt

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